Können die Türkei und Ägypten den Nahen Osten wieder aufbauen?

In der Vergangenheit, auch während der Herrschaft Mubaraks, war Davutoğlu stets sehr bemüht, die Beteiligung Ägyptens an Initiativen zur Lösung der verschiedensten Probleme in der Region sicherzustellen.

Als die Türkei beispielsweise 2008 versuchte, den Krieg in Gaza zu stoppen, gab es von türkischer Seite Anstrengungen, Ägypten in den Prozess einzubinden. Auch bei den Bemühungen, den Krieg zwischen der libanesischen Hisbollah und Israel im Jahre 2006 zu beenden, bemühte sich die Türkei um eine Zusammenarbeit mit Ägypten.

Aber Ägypten konnte auf Grund der damaligen Umstände keine aktive Rolle übernehmen. Heute wird Ägypten hingegen von Mohammed Morsi regiert, der sein Land zu einem aktiven regionalen Akteur formen will, genauso wie es die Türkei schon ist.

Nahostexperten hatten sich bereits mehrfach über die Möglichkeit den Kopf zerbrochen, dass viele regionale Probleme schnell gelöst werden könnten, falls sich die Türkei, Ägypten und der Iran als die drei die einflussreichsten Länder und Kulturen der Region an einen Tisch setzen und zusammenarbeiten würden.

Im Augenblick ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass sich die drei Länder auf eine gemeinsame Politik einigen können, besonders vor dem Hintergrund von Konflikten in der Region.

Der Iran unterstützt das brutale Regime Assads in Syrien bedingungslos, ohne jegliche Rücksicht auf religiöse und ethische Werte. Er ist außerdem der wichtigste politische und militärische Unterstützer der radikalen Hisbollah und der von ihr geführten Regierung im Libanon. Der Iran ist vielleicht auch der Hauptgrund dafür, dass die innerpalästinensischen Streitigkeiten immer noch nicht gelöst wurden. Teheran bedroht auch die arabischen Golfstaaten. Im Jemen unterstützt der Iran offen bestimmte Gruppen. Den Irak wird von ihm als „befreites“ Gebiet betrachtet.

Vor diesem Hintergrund ist es keine leichte Aufgabe, regionale Probleme mit dem Iran zu diskutieren.

Solche Probleme existieren zwischen der Türkei und Ägypten hingegen nicht. Beide Länder vertreten den gleichen Standpunkt bei allen regionalen Angelegenheiten, inklusive jenen, die Palästina, den Libanon, den Irak und Syrien betreffen. Diese Einigkeit macht eine Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Ägypten nötig.

Der Wiederaufbau der Region ist ein kolossales Projekt, das mehrere Jahrzehnte dauern könnte. Der durch den Willen der Briten und Franzosen mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 geformte Nahe Osten ist heute als Region des Blutvergießens, der Tränen, der Diktaturen und Instabilität bekannt.

In der Region gibt es große Gegensätze in den Bereichen Religion, Kultur, Einkommensniveau und Sozialstruktur. So lange diese Gegensätze unverändert weiter existieren, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir weit genug voranschreiten könnten, über die Stabilität und den Wiederaufbau in der Region zu sprechen.

Die beiden mächtigsten Länder der Region, die Türkei und Ägypten, könnten hingegen durch einen Balanceakt in vielen Bereichen sehr wohl miteinander kooperieren und so viele radikale Bewegungen zügeln.

Muslimische Geistliche spielten eine entscheidende Rolle bei der Beendigung der Unruhen, die vor dem Hintergrund des jüngst veröffentlichten und den Propheten des Islam beleidigenden Films stattfanden. Moderate und engagierte Geistliche könnten auch in der Zukunft eine Rolle spielen, wenn es darum geht, erneuten Provokationen zu begegnen. Außerdem könnten sie eine führend Rolle übernehmen, wenn es darum geht, brüderliche Beziehungen zwischen den Völkern der Region wiederzubeleben.

Insbesondere die Äußerungen türkischer und ägyptischer Geistlicher konnten die Reaktionen auf den Film „Die Unschuld der Muslime“ eindämmen. Sie riefen Muslime dazu auf, in einer den Muslimen nutzenden Weise zu reagieren, was die Gefährdung von Leben und das Beschädigen von Eigentum ausschloss. Die politischen Führer beider Staaten setzten alles daran, ihre jeweiligen Völker zu beruhigen.

Zwischen der türkischen und ägyptischen Gesellschaft bestehen viele Gemeinsamkeiten etwa in den Bereichen Politik, Kultur, Militär, Demografie, Soziales. Zwischen den beiden Staaten existieren kein historischer Hass und keine Feindschaft. Sie haben im Gegenteil ein enges, verwandtschaftliches Verhältnis.

All diese Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Standpunkte deuten darauf hin, dass Davutoğlus Vorhaben eines Wiederaufbaus des Nahen Ostens in Zusammenarbeit mit Ägypten nicht gegenstandslos ist.

Aber gibt es nicht viele Hindernisse auf diesem Weg? Ja, die gibt es tatsächlich. Die andauernde Präsenz von Großmächten, das unterbewertete Stimmrecht beider Länder bei internationalen Angelegenheiten, zahlreiche soziale und kulturelle Schwächen und die Tatsache, dass einige Länder der Region wie der Iran, Israel und Saudi Arabien gegensätzliche Interessen und Ziele verfolgen.

Gleichwohl macht die in den letzten Jahren des Mubarak-Regimes begonnene politische Annäherung der beiden Länder auf dem Feld der Wirtschaft gute Fortschritte. So hat die Türkei verkündet, dass sie Ägypten Finanzen im Wert von zwei Milliarden US-Dollar bereitstellen wird und der bilaterale Handel zwischen den beiden Ländern stieg trotz der Wirren des Arabischen Frühlings auf etwa fünf Milliarden Dollar. Außerdem wächst die Zahl der gegenseitigen Touristenbesuche jedes Jahr stark. Das führt dazu, dass einander die beiden Nationen besser kennenlernen. Und das ist vielleicht die bedeutendste Investition in die Zukunft.
Übersetzt von Caspar Schliephack

Cumali Önal ist Mitarbeiter und regelmäßiger Kolumnist der „Zaman“. Er gilt als Experte für ägyptische Innenpolitik und für außenpolitische Angelegenheiten. Regelmäßig analysiert er auch tagesaktuelle Nachrichten für die türkischen Fernsehsender „Kanal 24“ und „Samanyolu TV“.