„Krieg verhindern wichtigste Aufgabe von Entscheidungsträgern“

Der Unterschied zwischen „Krieg führen“ und „streiten“ erscheint nicht unerheblich. Ersteres deutet auf einen bestimmten Sinn hin, hat mit Politik, Diplomatie und Strategie zu tun. Letzteres hingegen klingt nach ungeplanter Wut, einen unkontrollierten Reflex.

Die Geschichte bezeugt, dass der Gegensatz zwischen diesen beiden Begriffen im Existenzkampf von Nationen eine wichtige Unterscheidung beschrieb. Die wichtigste Aufgabe jener Personen, die Verantwortung über die Entscheidung Krieg oder Frieden tragen, ist die Verhinderung eines Krieges. Entscheidend ist, dafür zu sorgen, dass nicht einmal eine Kugel fällt.

Aus diesem Grund muss jeglicher diplomatische Weg ausgeschöpft werden. Man setzt sich an einen Tisch und spielt alle Szenarien durch, von der bestmöglichen Variante bis hin zum Worst-Case-Szenario, alles wird von Anfang an bedacht und erörtert.

Um einen Krieg zu vermeiden, reichen Friedensappelle und Reden meist nicht aus. Man weiß, was für schlimme Erfahrungen Länder gemacht haben, die auch nur in die Nähe einer Kriegsgefahr geraten waren. Es ist unbestreitbar: Ein Krieg fängt am Tisch an und endet auch am Tisch. Deshalb gilt: Während die Drohung mit militärischer Gewalt der Schlüssel ist, um Kriege zu vermeiden, gestaltet die Vernunft den Beginn und das Ende eines Krieges. Ohne Vernunft oder durch Mangel an Vernunft kann ein nur mit militärischer Gewalt gewonnenen Kriege am Ende doch zur Niederlage werden.

Streiten ist nicht wie Krieg führen: Streiten ist eine instinktive Erscheinungsform von Gewalt. Manchmal ist es auch das Werk eines Impulses der Selbstverteidigung. Unvorhergesehen kann ein bestimmtes Bild vor einem erscheinen und man findet sich mit einem Mal mitten in einem Streit. Meistens hat es einen ganz bestimmten Hintergrund, denn man ist von gewissen Ereignissen geprägt. Man weiß oft aus Wut keinen anderen Ausweg. Ganz plötzlich ist man mit einer nervenraubenden Situation konfrontiert. Wenn man einer unerwarteten Situation ausgesetzt ist, gilt vor allem: Man kann nicht vorausahnen, welche Konsequenzen dieser Kampf nach sich ziehen könnte.

Bei einem Streit gibt es keinen Gewinner. Da er aus instinktiven Reaktionen besteht und meistens die Vernunft außer Kraft setzt, kann es sein, dass die eine Partei durch mehr Faustschläge als sein Gegner Oberhand gewinnt. Deswegen gibt es in einem Streit keine Sieger.

Beim Krieg ist es jedoch anders. Auch wenn man wie der sichere Verlierer aussieht, hat man trotzdem die Möglichkeit, am Ende doch noch zu siegen.

Es kann im Krieg von Vorteil sein, sich zurückzuziehen, zu weichen, eine Niederlage vorzutäuschen. Manchmal nimmt man sie sie sogar lächelnd entgegen und manchmal, wenn es besonders widrige Umstände gebieten, stellt sich die vorübergehende Ergebung als besser im Vergleich zu einer dauerhaften Niederlage dar. So wichtig in einem Streit die Schnelligkeit ist, so sehr zählen in einem Krieg Geduld, Sorgfalt und Wachsamkeit. Mangelnde Kraft kann durch Willensstärke kompensiert werden. In einem Krieg geht es nicht um Heldentum, sondern um Politik, Ein- und Voraussicht.

Warum schreibe ich all das? Auf gar keinen Fall, um irgendjemanden zum Krieg zu ermutigen! Man darf keinen Krieg herbeisehnen. Allerdings kann der Krieg unerwartet vor der Tür stehen und man findet sich plötzlich ungewollt in einem Gefecht wieder. Und besser, als einer solchen Situation unvorbereitet ausgesetzt zu sein, ist es, sich mit der Kraft eines gesunden Menschenverstandes auf alles vorzubereiten. Wenn ein Krieg unausweichlich wird, kann man sich auch auf einen Kampf einlassen, ohne jedoch die Vernunft außer Acht zu lassen und den Blick auf das große Ganze zu verlieren…

Jene Nationen, die durch Jahrhunderte hindurch aus bestimmten historischen Sachzwängen heraus gezwungen waren, Kriege zu führen, haben Krieg immer als eine Angelegenheit kollektiver Vernunft betrachtet. Manche haben ihn sogar als Kunst verstanden, und taktierten herum, um selbst unter widrigsten Umständen eine Lösung ohne Krieg herbeizuführen.

Unser Zeitalter kennt völlig andere Maßstäbe. Mit einem Knopfdruck können mit fürchterlichen Waffen Millionen Zivilisten getötet werden. Gott bewahre uns davor! Wir können gar nicht erahnen, in welche Hölle wir die gesamte Menschheit schicken würden, wenn Staaten, die über Massenvernichtungswaffen verfügen, unvernünftig handeln sollten.

Der Abschreckungsfaktor eines totalen nuklearen Krieges verwandelt manche Zwergstaaten und Organisationen, die mehr Marionetten als eigenständige Akteure sind, in Bauern auf einem Schachbrett. Kriege auf kleinerer Ebene und Attacken von guerillauniformierten Terroristen sind sehr oft taktische Instrumente von großen Staaten, die sie nicht nur stillschweigend dulden, sondern auch schützen.

Um zu praktischen Beispielen zurückzukehren: Wäre das syrische Regime in der Lage, einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung mit Granaten zu führen, hätte sie nicht – wie Premierminister Recep Tayyip Erdogan es öffentlich anprangert – die Unterstützung von China, Russland und dem Iran? Oder wäre Syrien in der Lage, die Türkei herauszufordern? Andere Frage: Könnte die „Kurdische Arbeiterpartei“ PKK, die angefangen vom Drogen- bis zum Menschenhandel in alle denkbaren dunklen Machenschaften verstrickt ist, ohne die militärische oder logistische Unterstützung von Dritten, 30 Jahre hinweg einen Terrorkrieg gegen eines der größten Armeen Europas führen, wie sie die Türkei ja mit seinen 800.000 Soldaten hat?

Der richtige Weg, um modernen, verdeckten Stellvertreterkriegen entgegenzuwirken, ist auch der gleiche: Gemeinsinn walten lassen, beständig und vorausschauend planen. Syrien hat mit Mörsergranaten angegriffen, die Türkei hat zurückgeschlagen und die Panzer getroffen. Es war natürlich die richtige Antwort. Aber die Angelegenheit darauf zu reduzieren wäre Streit, nicht Kriegskunst.

Dies trifft auch auf die PKK zu. Natürlich muss dem Terror samt seiner Wurzel alles ausgerissen und seine Hintermänner vernichtet werden. Aber es ist ein schwerwiegender Fehler, es dabei zu belassen und Demokratie und Menschenrechte außen vor zu lassen. Jedenfalls: Wenn man keine permanente, vernünftige, legitime und akzeptable Alternative anzubieten hat, wird alles auf die Wut, die sich aus Konflikten speist, reduziert.

Zwei Dinge zeichnen einen großen Staat aus: Zum einen seine Weit- und Voraussicht, zum anderen die Tiefe seiner Duldsamkeit. Die Staaten, die nicht in der Lage sind, diese beiden Qualitäten aufzubieten, werden auch den Zeitgeist nicht begreifen und zudem nicht in der Lage sein, ihren Platz im zukünftigen Gleichgewicht globaler Mächte zu finden.