„Kulturräume entdecken“ – Die Moschee als Ort der Begegnung

„Zu groß ist die Selbstverständlichkeit der beiden Männer, zu offen und entwaffnet ist ihr Lachen. Für sie ist dieser Ort, dieses Geschehen, Alltag. Für uns ist es – wenn wir ehrlich sind – fremd und faszinierend. Doch ihr entspannter Umgang mit allem hier und dem uns Fremden lässt mir die Möglichkeit, mich ebenfalls zu öffnen und zu spüren, was in mir passiert. Die Vorurteile, Ängste und Befürchtungen zu bemerken. Und im abschließenden Gespräch zu sehen, dass Fragen stellen möglich ist und dass auch die Antworten ehrlich sind.“Erlebnisbericht Nina Miodragovic, Studentin

Als Folge der Migration hat sich die religiöse Landkarte der Schweiz und in Westeuropa verändert. Die Bevölkerung lebt in einer multireligiösen Gesellschaft. Deshalb lautet die Frage nicht, ob das Zusammensein noch funktioniert, sondern wie das Zusammenleben konstruktiv und friedvoll gestaltet werden kann. Die Pädagogische Hochschule in Zürich bietet angehenden Lehrern Begegnungsprojekte an, um ihnen die fremde Kultur und Religion näher zu bringen.

Ein Projekt mit großen Ambitionen

Zürich- Eine Gruppe von Studenten steht vor dem Eingang und staunt nicht schlecht, als eine schwere Holztür aufgeht. Fatih Kurt, Vertreter des Instituts für interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog, begrüßt die Gruppe und bittet die Teilnehmer, die von außen als solche nicht erkennbare Moschee in Schwamendingen zu betreten. Die Studenten betreten nacheinander den Raum und dürfen, anders als in der Uni, auf dem Boden Platz nehmen.

„Es geht nicht darum, den Islam als etwas Abstraktes, sondern als etwas Praktiziertes zu verstehen“, beginnt Johannes Kilchsperger, Fachbereichleiter Religion und Kultur an der Pädagogischen Hochschule in Zürich, das Gespräch. Seit 2007 bemüht er sich in Zusammenarbeit mit dem Institut, den Kontakt zwischen den einheimischen Lehrern und Kindern aus fremden Kulturen aufrechtzuerhalten und zu verbessern. Moscheeführungen und Familienbesuche im Rahmen des Projekts „Kulturräume entdecken“ ermöglichen erste Begegnungen.

„Die Religion ist ein Phänomen, das Unterschiede sichtbar werden lässt“

Das Projekt begann vor ein paar Jahren, als sich die Schule und das Institut zusammensetzten und überlegten, wie man Hindernisse und Barrieren in der Gesellschaft überwinden könne. Schnell stellte sich Bildung als elementare Lösung gegen auch von Medien geprägte Hemmungen und Angst heraus. „Wir sind ein kleines Land und der Ausländeranteil zeigt, dass ein Wandel stattfindet, was wiederum für Angst vor dem Fremden sorgt“, erklärt Kilchsperger.

Die Moschee als Ort der Begegnung

Die anfangs spontan und unvorbereitet durchgeführten Moscheeführungen wurden durch die Unterstützung von freiwilligen Unterstützern des Instituts, die auch an den Führungen teilnahmen und später selbst Rundgänge führten, zunehmend professioneller. Mittlerweile zählt die Gruppe etwa 500 Teilnehmer.
Kilchsperger zufolge legt Fatih Kurt besonderen Wert auf die muslimische Migrationsgeschichte und ihre Auswirkungen auf die schweizerische Gesellschaft, damit die Teilnehmenden auch einen Einblick in historische und kulturelle Hintergründe gewinnen. Die Vorstellung einzelner Zentralobjekte wie Minbar (Kanzlei) oder Mihrab (Gebetsnische) gehört ebenso wie die abschließende Diskussionsrunde mit Tee und Gebäck zum festen Bestandteil der Führung. Dem Fachbereichsleiter ist es besonders wichtig, dass die Lehrer in ihrem späteren Berufsleben selbst auf Moscheen zugehen und mit Islamgelehrten in Verbindung treten. „Wichtig ist, dass man auch von sich selbst erzählt. Es ist schön, wenn sich Leute engagieren und ihre Religion vorstellen. Aber entscheidend ist das gemeinsame Gespräch“, betont er und unterstreicht somit nochmals die Bedeutung des Dialogs.

Begegnungsprojekt als Modul

Das Begegnungsprojekt ist für alle Studierende ein Pflichtfach. Besucht wird das Grundmodul im ersten oder zweiten Semester. Anschließend können Studierende zu einem späteren Zeitpunkt Vertiefungskurse zu „Islam und Muslime in der Schweiz“ belegen und sich einer schriftlichen Prüfung unterziehen. Einen Leistungsnachweis für die Moscheeführung gibt es nicht.

Das Feedback der Teilnehmer sei erstaunlicherweise oft sehr gut. Die große Resonanz bei Studenten und Lehrern zeigt, dass ein großes Interesse an anderen Religionen besteht. „Manchmal gibt es schon Irritationen. Ein Teilnehmer hatte mal Angst, in die Moschee hineinzugehen. Die Lehrer sind auch Menschen wie wir, sie haben auch ihre Bilder und Widerstände“, verrät Kilchsperger. Trotzdem lohne es sich für jeden, Erfahrungen und Eindrücke mitzunehmen.

Ein Erfolgsmodell

Probleme, denen Lehrer und Schüler häufig gegenüberstehen, liegen weniger im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen als vielmehr in der mangelnden Vertrautheit beider Kulturen begründet. Medien vermitteln ein Bild, in dem oft muslimische Kinder Auslöser von Debatten sind. Im Gespräch mit Johannes Kilchsperger wird klar: Es handelt sich dabei nicht nur um Schüler muslimischen Glaubens, Schüler anderer Religionsgemeinden sind genauso betroffen. Das Schweizer Volksschulamt gibt Lehrern bezüglich des Umgangs mit den Kindern Richtlinien vor.

„Wir haben die Erwartung und die Hoffnung, dass diese Führungen zunehmen. Je nach Bedarf legen wir den Fokus auf eine andere Religionsgruppe“, erklärt Kilchsperger. Es brauche ein Stück Gelassenheit, um die aufgeheizten Debatten zu beruhigen. „’Kulturräume Entdecken’ ist ein Erfolgsmodell und wird uns dabei helfen.“