Medienkritik

Türkische Atombombe: Anti-Türkei-Propaganda oder Geheimprojekt?

Arbeitet Erdoğan heimlich, still und leise an der Bombe? „Die Welt“ glaubt es zu wissen. Und beruft sich dabei auf für gewöhnlich gut informierte Kreise. Die allerdings wenig Ahnung vom türkischen Staatsaufbau zu haben scheinen. (Foto: screenshot/welt.de)

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Hatte die jüngste Räuberpistole der Junta in Kiew, wonach das ostukrainische Luhansk von russischen Atomgranaten getroffen worden wäre, am Montag in der „Welt“ noch erste Anzeichen von Selbstkritik hinsichtlich der ungeprüften Übernahme von Behauptungen ausgelöst, wartet man nun mit einem Beitrag von Hans Rühle, von 1982 bis 1988 Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium, auf, der ebenfalls Fragen dahingehend aufwirft, ob es sich um Enthüllungsjournalismus auf höchstem Niveau oder verschwörungstheoretische Kolportage im Stile eines David Icke handele.

Dem Beitrag zufolge sei der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan nämlich nicht nur – was zweifellos zutreffen dürfte – „ein Mann, der mächtigen Visionen folgt“ und dessen „neue Türkei […] so dynamisch […] wie eine südostasiatische Boom-Ökonomie, dabei beseelt von islamischer Frömmigkeit und weithin unbezwingbar wie einst das Osmanische Reich“.

Vielmehr sei der Grund für die kürzlich enthüllte, jahrzehntelange Bespitzelung der Türkei durch den deutschen Bundesnachrichtendienst nicht, wie man denken möchte, Drogenkriminalität, Menschenhandel oder die PKK, sondern die sich angeblich mehrenden Anzeichen dafür, dass „Präsident Erdoğan sein Land nuklear bewaffnen will“. Die westliche Geheimdienstszenen seien sich sogar „weitgehend einig darüber“.

Zwar verfügt die Türkei bis dato noch nicht einmal über ein eigenes Atomkraftwerk, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und wenn dann noch Russland in Form des Unternehmens Rosatom mit von der Partie ist – wie im Zusammenhang mit dem geplanten Reaktorkomplex an der Mittelmeerküste -, dann kann ja etwas nicht stimmen.

So habe die Türkei sowohl im Vertrag mit Rosatom als auch in einem weiteren mit einem französisch-japanischen Konsortium darauf verzichtet, die Lieferung von Uran und die Rücknahme der abgebrannten Brennelemente vertraglich zu fixieren. Sie hätte vielmehr darauf bestanden, dies später gesondert zu regeln. Nach angewandter „Welt“-Logik heißt das: „ Die türkische Führung will diese Teile des Atomprogramms selbst in der Hand behalten – und sie sind entscheidend für jeden Staat, der Nuklearwaffen entwickeln will.“

Erdoğan maximal bis 2024 im Amt

Da eine Anlage, mit deren Hilfe der hochradioaktive Stoff aus den Stäben isoliert werden könne, sich innerhalb eines halben Jahres bauen ließe und in etwa die Größe eines normalen Bürokomplexes hätte, müsste Erdoğan, dessen Amtszeit im Falle einer Wiederwahl 2024 enden würde, nicht befürchten, sich der angeblich angestrebten türkischen Nuklearwaffe nicht mehr allzu lange erfreuen zu können.

Die Brennstäbe, so die „Welt“, könnten theoretisch auch für eine Wiederverwendung in einem zivilen Reaktor aufgearbeitet werden. Doch das sei wesentlich teurer, als neue zu kaufen. Wenn die Türkei dennoch die ausgebrannten Brennstäbe behalten wolle, dann gäbe es dafür nur eine sinnvolle Erklärung, nämlich, sie wolle Material für eine Bombe auf Plutoniumbasis sammeln.

Trotz der Dementis der türkischen Regierung im Zusammenhang mit ähnlichen Verlautbarungen bestehe die Türkei zudem vehement auf ihren angeblichen Rechten aus dem Atomwaffensperrvertrag, darunter der Urananreicherung, dem türkischen Energieminister Taner Yıldız zufolge, um den nuklearen Kreislauf „verstehen zu wollen“.

Erdoğans Werk und Pakistans Beitrag

Den Angaben des Bundesnachrichtendienstes zufolge soll Erdoğan bereits 2010 angeordnet haben, heimlich den Bau von Anlagen für die Anreicherung vorzubereiten. Nach anderen Geheimdiensterkenntnissen verfüge die Türkei schon über eine erhebliche Anzahl von Zentrifugen, nämlich aus Pakistan, wo man „führend beteiligt an den Aktivitäten des pakistanischen Atomschmugglers Abdul Qadeer Khan, der zwischen 1987 und 2002 Iran, Nordkorea und Libyen mit Tausenden von Zentrifugen ausstattete“, gewesen sein soll.

Das gleiche Blatt warnt nun auch vor einem „nuklearwissenschaftlichen Austausch“ der Türkei mit Pakistan. Die Elektronik aller pakistanischen Anlagen stamme von türkischen Partnern. Khan habe sogar vorübergehend die Absicht gehabt, seine gesamte illegale Zentrifugen-Produktion in die Türkei zu verlagern.

Außerdem soll die Türkei bereits 2015 über eine einsatzbereite Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von 2500 Kilometern verfügen – und Erdoğan habe schon im Dezember 2011 an die Rüstungsindustrie seines Landes den Auftrag erteilt, Langstreckenraketen zu entwickeln. Auch ein Programm zur Herstellung von Mittelstreckenraketen sei ein starker – ein sehr starker – Hinweis auf ein laufendes Nuklearwaffenprogramm.

Schönheitsfehler: Es blieben maximal viereinhalb Jahre

Der „Welt“ zufolge habe die Türkei, wenn sie zu einer „Großmacht“ werden wolle, angesichts der etablierten Nuklearmacht Israel und der „im Entstehen begriffenen“ Nuklearmacht Iran gar keine andere Wahl, als sich darum zu bemühen, Nuklearmacht zu werden. „Denn andernfalls bleibt die Türkei nach seinem Verständnis zweitrangig – und damit kann und will sich Erdoğan definitiv nicht zufriedengeben.“

Um selbst die Verfügungsgewalt über Atomwaffen zu bekommen, müsste allerdings erst einmal – und hiervon scheinen seine Geheimdienstquellen Herrn Rühle nichts verraten zu haben – während der Amtszeit Erdoğans ein Präsidialsystem eingeführt werden. Kalkuliert man nun ein, dass die Bauzeit des Rosatom-Reaktors bis 2019 veranschlagt ist, wäre die Legislaturperiode bis 2023 die letzte Chance, dies einzuführen. Und schon 2024 wäre seine Amtszeit als Präsident zu Ende. Eine sehr knapp bemessene Zeit für ein Last-Minute-Nuklearwaffenprogramm…