Mein liebes Deutschland, weißt Du noch, wie ich immer zu Dir stand?

Von Kindheit an warst Du bei mir, und doch fühle ich mich Dir heutzutage manchmal so fremd. Was ist bloß mit uns geschehen?

Weißt Du noch, wie ich immer zu Dir stand? Ich hatte gerade neu sprechen gelernt, als man im Türkeiurlaub schon von mir wissen wollte, ob ich Dich oder die Türkei mehr liebte. „Natürlich Deutschland!“, sagte ich, ohne lange zu zögern. „Mein Haus ist da, meine Freunde sind da, mein Vater ist da!“. Ja, mein Vater war bei Dir, als ich mit meiner Mutter im Urlaub war, denn er musste für die Universität lernen. Eine gute Ausbildung hast Du ihm gegeben. Die Zukunft unserer Familie konnte mein Vater nur durch Deine Hilfe absichern.

Und meine Mutter? Sie war ein junges Mädchen, als auch sie die Entscheidung traf, ihre Zukunft mit Dir zu planen – und das einzig ihrer Kinder wegen. Ja, auch meinetwegen. Sie ließ alles hinter sich, was sie jemals gekannt hatte, weil sie tief im Innern wusste, dass nur Du das Beste für mich zu bieten hattest.

Und Du warst mir auch immer eine gute Heimat und ein wunderbarer Begleiter in meiner Jugend. Ich habe in Deinen Schulen all das gelernt, was mir wohl in kaum einem anderen Land dieser Welt jemand beigebracht hätte. Sehr bewusst wurde mir das, als ich mich mit 16 Jahren für eine begrenzte Zeit von Dir verabschiedet hatte, um ein Schuljahr in den USA zu verbringen. In Deutschland war ich ein geringfügig überdurchschnittlicher Schüler, doch wurde ich in den USA bereits nach wenigen Wochen eine Schulklasse höher gestuft. Und neben meinen Kenntnissen in Mathematik, Geschichte und Politik waren meine amerikanischen Lehrer vor allem von meinem Englisch begeistert. Wer hätte das gedacht? Das habe ich alles nur Dir zu verdanken, ich hoffe das ist Dir klar.

Und selbst in den Staaten gehörte ich immer zu Dir und Du gehörtest immer zu mir. Das habe ich immer sehr genossen. „Germany“ nannten mich die meisten Mitschüler, denen die Aussprache meines eigentlichen Namens zu schwer fiel, schon nach wenigen Wochen. Plötzlich war ich Dein Botschafter in der Welt! Auf die Frage, wo meine Eltern wohnten, packte ich immer meine Landkarte aus, zeigte mit meinem Finger stolz auf Bochum und sagte: „Hier wohnen sie! Dort, wo das Herz noch zählt!“. Und manchmal zeigte ich ihnen Lieder von Herbert Grönemeyer – diese Lieder, die oft mein einziger Trost bei bitterer Heimweh waren.

Ich habe mich immer schützend vor Dich gestellt, wenn man Dich kritisieren wollte. Alle Deutsche seien Nazis, hieß es manchmal, doch ich selbst war der beste Beweis dafür, dass es nicht so war. „Wenn alle Deutschen Nazis sind, warum haben sie mich – einen Türken – dann so gut ausgebildet, dass ich der beste Schüler in all unseren Unterrichtsfächern bin und dass ich Euch allen Nachhilfe gebe, obwohl ich sogar ein Jahr jünger bin als ihr? Wenn alle Deutschen Nazis sind, warum hat meine Familie dann ein so viel besseres Leben in Deutschland, als sie in der Türkei jemals gehabt hätten?“. Wenn ich Dich so verteidigte, waren alle immer baff und schnell davon überzeugt, dass sie Dich nicht gut genug kannten.

Auf die Frage, ob ich denn nun Deutscher oder Türke sei, antwortete ich immer mit einer komplizierten Erklärung: Eigentlich war ich ja in Deutschland geboren, aber eigentlich kamen meine Eltern ja aus der Türkei. Eigentlich war meine Sprache Deutsch, aber eigentlich hatte ich zuerst Türkisch gelernt. Eigentlich war ich Deutscher, aber eigentlich… Warum ich mich selbst nie einfach als „Deutscher“ bezeichnen konnte, meine amerikanischen Freunde nicht. Ich auch nicht. Aber es war halt so.

Meine Entscheidung, wieder zurück zu Dir zu kommen, war eine bewusste. Ich hatte die High School in den USA beendet und hätte direkt auf ein College gehen können. Aber das wollte ich nicht und das hättest Du auch nicht zugelassen. Denn, seien wir ehrlich, wir hatten uns schon nach wenigen Monaten so sehr vermisst, dass Du mich fast täglich wieder zurück zu Dir riefst.

Meine amerikanischen Freunde verstanden nicht, warum ich in Deutschland noch zwei Jahre auf die Schule gehen musste. Denn wir hatten doch gemeinsam schon einen Schulabschluss gemacht. „Der ist hier aber nicht gültig“, erklärte ich ihnen, komischerweise fast ein wenig stolz. „Ich werde hier das deutsche Abitur machen und das ist eines der besten Schulabschlüsse auf der Welt. Damit kann ich sogar in den USA studieren! Vielleicht komme ich ja irgendwann mal wieder zurück!“ – Doch daraus wurde nichts. Viel zu froh war ich darüber, wieder zu Dir gefunden zu haben.

„Mein Kind, verlasse dieses Land niemals!“, hat mein Großvater mir mal gesagt, wenige Wochen vor seinem Tod. Kurz zuvor hatten ihn zwei fremde Männer aus seinem Krankenbett gehoben, in einen Rollstuhl gesetzt und für den Transport in eine andere Klinik im Wagen fixiert. „Verlasse dieses Land niemals! Siehst du, wie sie sich kümmern? Dabei kennen sie uns noch nicht einmal!“. „Opa, es ist ihr Job!“, antwortete ich ihm selbstverständlich und fast ein wenig frech. Als hätte er nicht jahrzehntelang selbst hier gelebt. Als wüsste er nicht selbst, wie die Deutschen tickten. Doch er hatte eben auch in der Türkei gelebt und wusste eben auch, dass es nicht selbstverständlich war. „Verlasse dieses Land niemals!“, sagte er mir eindringlich – und ich war irgendwie stolz darüber, dass er über Dich redete.

Doch irgendwas ist dann passiert. Irgendwas treibt uns seither immer weiter auseinander.

Von Kindheit an warst Du bei mir, und doch fühle ich mich Dir heutzutage manchmal so fremd. Was ist bloß mit uns geschehen?

Von klein auf hatte ich allen immer erzählt, wie toll Du doch warst und wie selbstverständlich Du meine Familie aufgenommen hattest. Doch dann fingst Du an, Dich mit anderen Menschen über mich zu unterhalten. Menschen, die nur Schlechtes über mich zu erzählen hatten. Menschen, die nur Böses im Schilde führten.

Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Dich und mich auseinander zu reißen.

Warum hast Du ihnen immer und immer wieder zugehört, statt einfach mal mit mir zu reden?

Warum hast Du ihnen blind geglaubt, statt Dich einfach nur mal umzuschauen?

Denn hättest Du Dich umgeschaut – mal Deinen Nachbarn lieb gegrüßt, Dich mal mit der Kassiererin im Supermarkt nett unterhalten – dann hättest Du sehr schnell bemerkt, dass das ganze Gelaber über all diese Menschen, die so waren wie ich, nicht der Wahrheit entsprechen konnte.

Aber Du hast den leichtesten Weg gewählt und Dein Vertrauen dem Hass in die Hänge gelegt.

Weißt Du noch, wie ich immer zu Dir stand?

Als ich Dich dann am meisten brauchte, warst Du aber nicht mehr da.

Du warst damit beschäftigt, Häuser anzuzünden, in denen Menschen lebten, die genauso wie meine Mutter, genauso wie mein Vater, genauso wie mein Großvater zu Dir kamen – mit vielen Träumen im Gepäck, die nur Du hättest erfüllen können.

Was soll das? Ich erkenne Dich einfach nicht mehr wieder.

Liebes Deutschland, ich glaube wir beide brauchen mal eine Auszeit und ein bisschen Abstand zueinander. Vielleicht merkst Du dann schon bald, wie sehr ich Dir fehle und wie langweilig es hier ohne mich ist.

Oder vielleicht auch nicht.

Aber das hoffe ich nicht.

Denn wenn es wirklich so kommen sollte, habe noch nicht einmal ich noch Hoffnung für Dich.

Bis bald!

In Liebe
Dein Emre


Foto: By Hans-Jürgen WieseOwn work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3423622