Rafah, die Blüte meiner Hoffnung

Mein Brief an ein Flüchtlingskind

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Wir haben uns genau heute vor vierzehn Tagen kennengelernt. Kennengelernt?

Ja. Ich stand im Flur eines großen Bildungszentrums. Warum ich da stand, was ich in diesem Moment vorhatte oder dachte, weiß ich nicht mehr.

Weil Du, Rafah, diesen Moment gefüllt hast.

In dieses Bildungszentrum haben Dich Deine winzigen Füßlein getragen. Dein langer Weg, liebe Rafah…

Welch weiten Weg Du hinter Dir hast, kann ich mir nur mit sehr viel Phantasie ausmalen. Dort besuchst Du den Einstiegskurs für Flüchtlinge. Mit vielen anderen Erwachsenen versuchst Du, in den schönen Zug der deutschen Sprache einzusteigen.

Du kamst mit weit geöffneten Armen auf mich zu, umarmtest mich. So stark. So mutig. So wunderbar. So überraschend. So einfach. So unkompliziert. So herzlich.

In einer Zeit kamst Du, in der ich keine Zeichen mehr deuten konnte. So verschwommen waren die Bilder, die ich sah. Jedes gesprochene Wort, so unbedeutend wie unverständlich.

Nicht einmal wusste ich, wie Deine Eltern Dich nannten, also Deinen Namen.

Dann, als alle anderen verschwunden waren, las ich Deinen Namen: Rafah. Rafah, die Blüte. Rafah, die Wohlfahrt.

In diesem Moment, Rafah, habe ich alles losgelassen. Ich war erstaunt. Ich war froh. Ich war so hilflos. Ich war so wortlos. Ich war so vollkommen. So ergeben. So ganz.

So nenne ich Dich seit diesem Tag: Die Blüte meiner Hoffnung!

Alles andere hat nun eine andere Bedeutung

Dieses Bildungszentrum und alles andere hat nun eine neue, eine andere Bedeutung.

Ich weiß ganz genau, was es heißt, einen Baum zu entwurzeln. Einen Baum an einem anderen Ort neu einzupflanzen.

Das weiß ich Rafah. Du ähnelst einem Baum.

Nur, weißt Du, der Mensch ist vergesslich. Er vergisst und muss immer erneut daran erinnert werden; an das, was er eigentlich schon immer wusste. Er muss sich erinnern. Manchmal benötigt er Hilfe dabei.

Du hast mich daran erinnert. Du hast mir geholfen. Die anderen, die uns jetzt von weitem beobachten und meinen, Du würdest von mir Hilfe bekommen, irren sich.
Drum müssen auch sie unbedingt diesen Brief lesen.

Du, mit Deinem kleinen Körper auf der Flucht vor dem Tod, hast mir hier ein anderes Leben in meinem Leben geschenkt. Ein Fenster geöffnet und eine völlig andere Welt gezeigt.

Rafah, ein Zeichen, das ich erwartete

Du bist ein Brief. Ja, ein Brief bist Du, Rafah. Briefe ähneln Dir am meisten. Sie bringen kein großes Gewicht auf die Waage, ihr Wert lässt sich aber schwer fassen.

Auch Briefe legen weite Wege hinter sich. Wenn sie ankommen, weiß man nicht, wer sie schon in den Händen hatte. Was sie schon alles sahen und von wem sie gesehen wurden.

In dem Moment, in dem Du den Brief jedoch öffnest, gehört er ganz alleine Dir. An Dich gerichtet ist er dann und Du denkst Dir:

Da saß jemand und wollte sich mir mitteilen. Du, liebe Rafah, bist ein Brief, der an mich gerichtet ist. Du bist eine Antwort auf eine Bitte. Irgendwann, da ich keine Zeichen mehr sehen und deuten konnte, muss ich meinen Schöpfer drum gebeten haben, mir ein Zeichen zu senden. Dieses Zeichen, das bist Du Rafah. Ein Zeichen, das ich erwartete.

Sei herzlichst willkommen. Im Lande meines Herzens. Dort wohnen viele Kinder. Sie wohnen dort schon ewig. Sie sind dort eingezogen, da war ich selbst noch ein Kind. Mit meinen Kindern wohnen sie dort zusammen.

Kinder Afrikas. Kinder des Krieges. Kinder, die keine Gesichter haben. Du, die Blüte meiner Hoffnung. Dort wohnst nun auch Du.

Setze Dich hin und komme zur Ruhe… In dem Moment, in dem Du wagtest auf Dein Herz zu hören und mich so feste umarmtest, habe ich diese Kinder umarmt. Alle zusammen.

Jetzt haben sie ein Gesicht und einen Namen.

Liebe Rafah, die Blüte meiner Hoffnung…

So antworte ich diesem Brief.

Du, der Brief, den ich erwartete.

Du, der Brief, den ich las.

Du, der Brief an mich, höchst persönlich.

Du, der Brief, den auch andere lesen sollten. Das sind sie sich selbst schuldig.

Du aber, Du setze Dich hin und komme zur Ruhe. Deine Füßlein sollen sich erholen.

Du wirst sehr bald diese schöne Sprache lernen. Du wirst sie Dir aneignen. Rafah, wir ähneln uns so sehr.

Denn auch ich habe mir diese Sprache beigebracht und sie dann lieben gelernt. Das wirst Du auch tun. Du wirst sehen, was die großen Denker mit uns alles teilten. Und dann wirst Du diesen Brief, den ich Dir schreibe, in Deinen Händen halten. Mir antworten.

Ich werde sehnsüchtig auf diese Antwort warten. Ganz gleich, wo ich und wie alt ich bin.

Ich werde warten. Ich werde Dich nicht vergessen.

Wer nicht vergisst, wird nicht vergessen. Wer vergisst, der wird vergessen.

Du wirst mich an die Hand nehmen, mir den Weg zeigen, den ich zu gehen habe. Ich werde mich von Dir, einem Kind leiten lassen.

Wir haben uns kennengelernt Rafah…

Und Du wirst noch viele andere Menschen kennenlernen.

Menschen, die viel haben und meinen, ihnen gehören all die Sachen. Menschen, die vergessen haben, dass sie selbst nicht waren und dann geworden sind. Die vergessen haben, dass sie nichts hatten und dann dachten, dass sie alles besaßen.

Menschen, die nicht teilen wollen, wirst Du auch sehen. Die alles haben und trotzdem noch mehr haben wollen. Die, deren Besitz und Reichtum sie geizig gemacht haben.

Du wirst Deine Gleichaltrigen kennenlernen, die täglich alles bekommen; sogar auch Dinge, die sie gar nicht brauchen. Und trotzdem wirst Du sie dabei beobachten, dass sie unzufrieden sind und je mehr sie bekommen, auch unzufrieden bleiben.

Während Du Deine eigene Mutter vermisst, wirst Du Mütter sehen, die sich mehr um die Etablierung ihrer Karriere kümmern als um ihre Kinder.

Menschen, die gesehen werden wollen. Die sich von ihrer besten, von ihrer schönsten Seite zeigen wollen und selbst nicht sehen, wo die kleinen Kinder am meisten schmerzen.

Mütter, die ihre Kinder wie Taschen hin und her tragen.

Väter wirst Du auch kennenlernen, liebe Rafah… Väter, die nicht wissen, in welche Klasse die eigenen Kinder gehen.

Und wundern wirst Du Dich Rafah. Ja, Du wirst Dich wundern.

Du wirst von Gewalt hören, die die Straßen beherrschen. Von Menschen wirst Du hören, die sich gegenseitig hassen.

Rafah, Du die Blüte meiner Hoffnung

Du musst all diesen Menschen, die Geschichte über die Hoffnung erzählen. Du musst ihnen zeigen, dass auch andere auf diesem Planeten namens Erde leben.

Du musst ihnen zeigen, dass nicht nur Du Hilfe brauchst, sondern vor allem die, die Dir helfen. Ermutige sie, grundlos einen anderen Menschen zu umarmen!

Du musst Dich beeilen. Ich muss mich beeilen. Wir müssen uns beeilen.

Wir, die sich grundlos umarmten. Die, die sich von Liebe leiten lassen, müssen sich beeilen.

Die Zeit rennt uns davon und heilt nicht alle Wunden… Die Zeit vergeht und nimmt uns unseren Frieden. Zeige Ihnen, dass es geht und wie es funktioniert, Liebe in die Welt zu tragen!

Liebe Rafah, lass’ Dich nicht aufhalten. Ich werde Dir und allen anderen Kindern weiter schreiben.

Deine Alime


Foto: dpa