Mitten aus dem Leben

Zuerst wollte ich Polizist werden, doch dann wurde ich Unternehmer

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Meinen Entschluss, Polizist zu werden, behielt ich vorerst für mich. Meine Eltern durften nichts davon erfahren. Zu groß war ihr Wunsch, den Ältesten als Arzt in einer Klinik, hastig und besorgt, mit einem Stethoskop um den Hals über einen hell erleuchteten Flur laufen zu sehen. Ich selbst hingegen sah mich nicht mit quietschenden Sandalen und einem wehenden weißen Kittel über den Flur einer Klinik hetzen.

Meine Träume waren seit meiner Kindheit anderer Natur. Oft fuhr ich eine dicke schwarze Limousine und trug einen schwarzen Anzug. Eine Wölbung meines Jackets machte jedem klar, dass sich dort unbändige Gewalt befand. Schwarz, kalt und schwer. Meine Augen fixierten hinter einer schwarzen Sonnenbrille jedes Lebewesen in meiner Umgebung. Häufig musste ich zu körperlicher Gewalt zurückgreifen, um böse Typen zu bekämpfen, die meiner Mutter an die Tasche wollten. Oder meinem Dad den silbernen Ford Taunus stehlen wollten. Mir war aber nie klar, ob ich einmal Mafiosi oder Polizist werden sollte. Das ließen meine Träume offen.

Ein weiteres Problem stellte meine Nationalität dar. Ich musste Deutscher sein, um die grüne Uniform tragen zu dürfen. So beantragte ich sobald ich konnte die Deutsche Staatsbürgerschaft. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich sie bekam. Als ich sie 1994 in den Händen hielt, mit ungläubig fixierten Augen meiner Eltern drauf, war ich soweit, ihnen meine berufliche Entscheidung mitzuteilen. Für beide brach in dem Moment eine Welt zusammen. Nein. Zwei Welten. Sie verloren ihren Sohn aus heiterem Himmel an die Hansgesellschaft. Er war nun kein Türke mehr. Und nicht weniger schlimm war sein Wunsch, einem Beruf nachzugehen, bei dem er sich mit dem Abschaum der Gesellschaft zu Nachtzeiten auseinandersetzen wollte. Sie sprachen eine Woche nicht mehr mit mir. Als ich den schweren Auswahlprozess bestand und Nachbarschaft und Umfeld stolz auf mich waren, freundeten sich meine Eltern mit der Zeit immer mehr damit an. Schließlich konnte ja mein Bruder noch Arzt werden. (Er ist heute Oberarzt in Aachen.)

Meine Vater sagte mir später, ich bräuchte mir als Polizist keine Sorgen mehr um meine Zukunft machen. Vater Staat achte sehr gut auf seine Kinder. Er war glücklich, einen seiner Söhne im sicheren Verdiensthafen zu wissen. Einige Jahre später kündigte ich von heute auf morgen meinen Beruf, kurz vor der Verbeamtung. Ich wollte Unternehmer werden! Die vielen Beweggründe und wie es dann letztendlich dazu kam sind alles kleine Geschichten für sich.  Als ich also wieder vor meinen Eltern stand und sie wieder einmal vor vollendete Tatsachen stellte, brach ihre Welt erneut zusammen. Sie redeten eine Woche nicht mit mir. Ich war jetzt Internetunternehmer und mein Produkt hieß Mitfahrzentrale.de. Meine Eltern konnten damit nichts anfangen. Sie erzählten jedem, ich hätte einen PC-Handel. Die Flüsterpost im Ort machte ein Internetcafe draus.