Die ehrliche Buchdiebin und der geheime Code

Nun stand es offiziell fest. Nach genau 2557 Tagen, man könnte auch sagen, nach 85 Monaten, müssen wir den Buchladen schließen. Wir hatten gerade unser siebtes Jahr hinter uns und haben keine Aussicht mehr gesehen, das achte Jahr finanziell zu überstehen. Daher beschlossen wir, unseren Familienbetrieb in Berlin-Kreuzberg, den „Kitapçı“, zu schließen.

Mit der türkischen Buchhandlung wollten wir den Berliner Türken den Zugang zu türkischer Literatur erleichtern. Sie sollten bei uns möglichst viele aktuelle Titel schnell erhalten können und wir damit nicht nur Geld verdienen, sondern auch einen Beitrag zur literarisch-kulturellen Vielfalt der Hauptstadt leisten. Ja, es war viel Idealismus dabei, was für mich heute immer noch zutrifft. Nach sieben Jahren standen allerdings die Fakten so, dass es keinen Sinn mehr machte, weiterzumachen. Es ist uns nicht gelungen, aus der Geschäftsidee ein Geschäftsmodell zu entwickeln.

Wir fingen an, uns Gedanken zu machen, den noch vorhandenen Bücherbestand zu minimieren. Zu minimieren versuchten wir auch den anstehenden finanziellen Verlust. Also bestellten wir einen großen Werbebanner, den wir vor der Ladentür aufhingen und verteilten viele Plakate sowie Flyer in ganz Berlin mit der Aufschrift: „Ausverkauf! 50% auf ALLES!“

Nichts weiter als Schnäppchenjäger

Die nächsten Tage waren für einen Buchhändler wie… wie soll ich’s sagen? Ja genau, wie „Alice im Wunderland“. Die Kunden strömten wortwörtlich in den Laden. Nicht nur das, sie kauften auch ein. Welch ein Wunder! Haben wir jetzt die falsche Entscheidung getroffen? Hätten wir doch lieber weitermachen sollen? – Natürlich nicht! Wir hatten schnell erkannt, dass unter den Besuchern, die uns die letzte Ehre erwiesen, auch sehr viele typische „Schnäppchenjäger“ waren. Aber diese Schnäppchenjäger waren ja auch nicht unsere Stammkunden. Also hielten wir an unserer Entscheidung fest: Der Laden wird zum Jahresende dicht gemacht!

Anders als meiner Erfahrung aus der kurzlebigen Selbstständigkeit in Istanbul, wo ich innerhalb von drei Jahren vier Diebstähle bei der Polizei zur Anzeige bringen musste, hatte ich in diesem Buchladen kein einzigen polizeilichen Vorfall. „Wie denn auch?“ dachte ich oft. „Wer klaut schon Bücher? Und dann auch noch Türkische!“ Der „Wiederverkaufswert“ eines türkischen Buches in Berlin wird wohl so sehr gering sein, dass kein Dieb das Risiko, erwischt zu werden, eingeht. Und jemand, der gerne liest, der klaut doch nicht. Die ein Paar Euro für das Buch hat er oder sie. Jemand der gern und viel liest, wird doch auch schon gelesen und gelernt haben, dass das illegale Entwenden eines Gegenstandes sowohl rechtlich als auch moralisch nicht in Ordnung ist.

Mit diesen und anderen Gedanken setzten wir den Ausverkauf fort. Eines Tages fand ich einen Umschlag auf der Verkaufstheke. Zugeklebt und adressiert an den „Kitapçı“. Aber ohne Frankierung. Das machte mich sehr neugierig.

Im Umschlag waren ein Brief und ein Geldschein in Höhe von 50 Euro. Ich las mit großer Neugierde, was in dem Brief stand, denn ich konnte mir nicht erklären, wieso mir jemand einen 50-Euro-Schein im Umschlag zurücklegte und das, ohne sich zu erkennen zu geben.

Importbraut ohne Einkommen

Die Verfasserin des Briefes war eine junge Frau aus der Türkei, die einiges über sich erzählte. Sie hatte einen Deutschtürken geheiratet und kam so vor einem Jahr nach Berlin und lebte nun hier. Sie lebte; ja. Aber arbeitete nicht. Sie hatte also kein eigenes Einkommen und war in jeder Hinsicht auf ihren Mann angewiesen. Die „Importbraut“ – so werden in der Alltagssprache junge Frauen genannt, die über eine Ehe nach Deutschland einreisen – bekam wohl nur ein paar Euro Kleingeld in die Hand gedrückt, dachte ich beim Lesen. Aber dieses wenige Geld reichte nicht aus, um ihrer großen Leidenschaft, dem Lesen, nachzugehen. Ihre Liebe zur Literatur hatte sie in der Türkei während des Studiums entdeckt.

Das alles und vieles mehr erfuhr ich aus dem Brief. Auch, dass sie Bücher in meinem Laden gestohlen und deswegen quälende Schuldgefühle hatte. Die 50 Euro im Umschlag waren als Entschädigung für die entwendeten Bücher gedacht. Schon als sie stahl, nahm sie sich fest vor, bei der erstbesten Gelegenheit den Schaden zu entschädigen, für den sie verantwortlich war, schrieb sie. Doch sie wusste nicht, wann sie es getan hätte, wenn sie den Banner vor der Ladentür nicht gesehen hätte. Sie erschrak, als sie erfuhr, dass der Laden zum Ende des Jahres schließen werde und konnte ihr Vorhaben nicht mehr in die unbestimmte Zukunft hinausschieben. Die Möglichkeit, den Schaden wieder gut zu machen, die würde es nur noch ein paar Tage geben.

Um Vergebung bitten, aber wie?

Wie aber sollte sie es tun, ohne entlarvt zu werden? Also schrieb sie diesen Brief und steckte das Geld in den Kuvert. Doch sie hatte immer noch ein schlechtes Gewissen: Wird der Ladenbesitzer ihr jemals verzeihen? Sie traute sich nicht, ihm in die Augen zu schauen und um Vergebung zu bitten. Doch sie brauchte die Gewissheit, dass ihr Kuvert in die richtigen Hände gelangt ist und ihr verziehen wurde. In den letzten Zeilen ihres Briefes bat sie mich um ein Zeichen, dass ihr vergeben wurde. Ich sollte einen Code, den sie mir im Brief mitteilte, auf einen Zettel schreiben und sichtbar ins Schaufenster stellen. Sie flehte mich regelrecht an.

Ich hatte mich geirrt! Es gab sie also doch: Die Bücherdiebe!

Aber nein! Ich hatte mich nicht geirrt. Ein Büchernarr, der weiß, dass er nicht stehlen darf, der würde sich spätestens für sein Vergehen verantwortlich zeigen, wenn er sieht, dass der Laden seine Türen schließt.

Ich war erleichtert. „Das Gute im Menschen“, es lebt.

Und ja, es gibt auch die „Vergebung“. Den Code schrieb ich mit einem Edding auf ein Blatt Papier und stellte es für einige Tage ins Schaufenster.

Hat sie es gesehen?

Bestimmt.