Mitten aus dem Leben

Der großspurige Polizeipräsident in Bodrum, der keiner war

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Wir haben 3 Uhr in der Nacht. Ich bin nach dem Gang zum Örtchen plötzlich hellwach. Mein dreijähriger Sohn steht auf einmal im Zimmer und droht: „Mama, komm zu mir ins Bett, sonst komme ich zu euch“. Er bekommt was er will und ich lieg nun hier und kann grad nicht schlafen. Als hätte ich vor wenigen Minuten einen starken Kaffee getrunken. Ein Gutes hat die Situation natürlich, da mir wieder just in diesem Moment eine Erinnerung einfällt und ich sie sofort aufschreiben muss.

Im letzten Halbjahr meiner Ausbildung zum Polizisten, Frühling 1997, wollte die Parallelklasse meines Jahrgangs erstmalig in der deutschen Polizeigeschichte einen Wochentrip in die Türkei machen. Es sollten Stationen türkischer Polizeiausbildung und Polizeiarbeit besucht und kennengelernt werden.

Da ich türkisch konnte durfte ich mit

Als ich das zufällig auf dem Flur aufschnappte, bemühte ich mich darum, mitfahren zu dürfen. In letzter Stunde konnte ich mit dem Argument meiner türkischen Sprachkenntnisse punkten und durfte mit. Ich packte schnell meine Tasche und saß mit gen Flughafen im grünen Bus. Die Tour wurde eine sehr spannende Woche und es gab fast jeden Tag eine erzählenswerte Geschichte, über die es noch zu berichten gibt. Ich werde mit Sicherheit noch genug schlaflose Nächte dafür haben.

Auf dieser Reise war eine der Stationen die türkische Polizeischule in Eskişehir, wo wir drei Tage verbrachten. Wir tauschten uns mit den türkischen Auszubildenden aus. Machten einen Schießwettbewerb, bekamen eine Vorführung im Kampfsport und bestritten ein Fußballturnier.

Den türkischen Schuldirektor bekamen wir bei den Anlässen einige Male zu sehen und lernten ihn persönlich kennen. An unserem letzten Tag bat er mich um einen Gefallen. Er fragte mich, ob ich ihm ein bestimmtes Holster eines deutschen Herstellers für seine Schusswaffe organisieren könne. Er würde es auch bezahlen. Mir gefiel die Idee, später einmal alleine bei ihm in Eskişehir vorbei zu schauen. So versprach ich, ihn privat im Sommer zu besuchen und das Holster mitzubringen.

Zurück in Deutschland angekommen bestellte ich das Holster und packte es ein. Im Sommer flog ich dann mit einem Freund für einen kurzen Strandurlaub nach Bodrum in die Türkei. Wir hatten uns ein einheimisches mittelklassiges Hotel gebucht, in dem wir beide die einzigen ausländischen Touristen waren. In Bodrum waren die Nächte spannender als die Tage in der glühenden Sonne. Im Hotel lernten wir an der Bar weitere Gäste kennen. Ein jeder der Gäste war Unternehmer oder sonst irgendwer wichtiges. Ich kam mir als deutscher Polizist dennoch bedeutend vor und konnte mithalten. Vor allem hörten sie meinen Geschichten gerne zu, die ich zu berichten hatte. So gab es unterhaltsame Abende an der Bar, bevor wir uns anschließend immer ins Nachtleben stürzten.

Ich war irritiert

An den letzten beiden Abenden an der Theke gab es einen neuen Gast. Beim Kennenlernen stellte er sich großspurig als Schuldirektor der Polizeischule in Eskişehir vor. Ich war irritiert, hatte ich doch den Schuldirektor als älteren Mann in Erinnerung und etwas bedächtiger. Dieser Mann war jünger und machte große bedeutende Gesten beim Erzählen seiner Abenteuer als Polizist. Seine Arme vollzogen virtuose und ausgedehnte Bewegungen, als würde er die ganze Welt umarmen. Als Schuldirektor einer Polizeischule müsse er eine Menge Verantwortung tragen und gönne sich ein paar Tage Ruhe und Erholung in Bodrum. Ein Gefühl hatte mich davor bewahrt, ihm von meinem Aufenthalt in seiner Schule vor ein paar Monaten zu erzählen. Zumal ich mir nicht sicher war, ob er den Alten mittlerweile ersetzt hatte.

Ich sprach ihn nicht darauf an.

In meiner letzte Türkeiwoche, ca. drei Wochen nach dem Bodrum-Aufenthalt, fuhr ich endlich in die Polizeischule nach Eskişehir. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde.

Nachdem ich mich angemeldet hatte, wurde ich vom Schuldirektor herzlich begrüßt. Wir saßen in seinem Büro. Er freute sich über das Holster. Er stellte mir seinen Fahrer und ein Zimmer in der Schule zur Verfügung, so dass einem tollen Tag in einer der schönsten Städte der Türkei nichts mehr im Wege stand.

Ich wollte zuvor noch vorher schnell etwas essen bevor ich meinen Chauffeur in Anspruch nahm und begab mich in die Kantine. Es war Essenszeit und dementsprechend war eine Menge los. Ich reihte mich unter die Auszubildenden ein und wartete mit einem Blechtablett in der Hand darauf, an die Reihe kommen. Es war eine einzige große Geräuschkulisse von Tabletts, Besteck, Tellern, Gläsern und Reden.

Während sich meine Reihe langsam der ersten Bedienung näherte, sah ich die Auslagen und was es zu essen gab. Die Bedienungen schwangen die Kellen und reichten in schnellen Handbewegungen die Teller auf die Tabletts. Knochenarbeit dachte ich und stand auf einmal vor einem Mann in verschwitztem weißen Kittel mit einer Kelle in der Hand, der genervt darauf wartete, was ich zu essen auswählen wollte.

Wir starrten uns direkt in die Augen und es war als würde das Leben in diesem Moment ein Polaroidfoto davon machen. Ich bestellte. Er schwang mit einer großen Geste seine Kelle und legte mir den Teller auf mein Tablett. „Afiyet olsun“ (Guten Appetit) sagte er leise.

Jetzt haben wir 4:53 Uhr. Ich schau mal, ob ich noch schlafen kann.