Mitten aus dem Leben

Hinter den Türen liegt das Verborgene

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Wir sollten als Polizeimeister-Anwärter während unserer Ausbildung einige Wochen praktische Erfahrung sammeln und kamen daher auf verschiedenen Polizeiwachen zum Einsatz. Ich wurde für meine praktische Zeit der Polizeiwache in meiner Heimatstadt Düren zugeteilt.

Als Auszubildender bekam ich einen erfahrenen Kollegen als Babysitter an die Seite. So fuhren wir also zu zweit auf Streife.

In meinem ersten Nachtdienst erhielten wir gegen 2 Uhr einen Einsatz. Familienstreit. Nachbarn berichteten Schlimmes. Wir fuhren zügig zum Einsatzort und hielten vor einem Mehrfamilienhaus. Am Hauseingang warteten bereits mehrere Personen auf uns. Sie lotsten uns zu einer Wohnung in der zweiten Etage.

Als wir die Treppe hochkamen, sahen wir die Wohnungstüre aus den Halterungen rausgebrochen und wackelig im Türrahmen stehen. Mein Babysitter ging vorsichtig vor, nachdem er uns beide zuvor mit lauten Worten angekündigt hatte.

Vor uns erstreckte sich ein langer beleuchteter Flur. Links, an der Wand, befand sich ein riesiges Aquarium. Wenige Schritte rechts kam die Türe zur Küche zum Vorschein. Ich schaute rein und sah einen kleinen runden Tisch in der Küchenmitte stehen. Viel verstreutes Mehl auf dem Boden und türkische Pizzen (Lahmacun) lagen durch- und übereinander auf dem Tisch. Ein kleines Mädchen, mit großen verweinten Augen, kam direkt zur Küchentür und schaute uns traurig an. Am Tisch saß regungslos eine schwarzhaarige Frau und hielt ein Baby in den Armen. Sie starrte abwesend vor sich hin und sah sehr mitgenommen aus. Das Baby lag ruhig in ihren Armen.

Wir gingen weiter. Am Ende des Flurs gelangten wir ins Wohnzimmer. Direkt gegenüber saß ein Mann auf einer Couch und hatte seinen Kopf auf beide Hände gestützt. Er schien sehr nachdenklich und blickte müde vor sich hin. Er tastete uns mit seinen Augen ab und seufzte. Wir waren zum Ende einer schlimmen Auseinandersetzung gekommen. Weder die Frau noch der Mann hatten anscheinend Kraft, um sich nochmal lautstark aufzubäumen.

Dennoch überflog ich mit einem Blick den Tisch und die direkte Umgebung des Mannes, um nach gefährlichen Gegenständen Ausschau zu halten. Kein Aschenbecher, kein Glas, kein Kugelschreiber, nichts was er greifen und uns damit verletzten konnte. Was mir besonders auffiel waren seine kräftigen Unterarme. Er schien einen körperlich anstrengenden Beruf zu haben oder war ein Ringer. Wir setzten uns und fragten ihn was geschehen war.

Er war von der Arbeit nach Hause und gekommen und hatte die türkischen Pizzen im Ofen gerochen. Alles schien gut. Die kleine Tochter begrüßte ihn glücklich, die Frau hatte das Baby in den Kindersitz gesteckt und war mit der Zubereitung der Pizzen beschäftigt. Er ging ins Bad, machte sich frisch und wollte es sich ihm Wohnzimmer vor dem Fernseher gemütlich machen. Noch bevor er sich setzen konnte, ertönte lautes Geschrei in der Küche. Seine Frau sei eine aggressive Person und würde sich oft nicht beherrschen können. Vor allem den Kindern gegenüber. Sie schien wieder mit der Tochter zu schimpfen.

Er habe sie im Urlaub vor fünf Jahren in Antalya, im Süden der Türkei, kennengelernt. Sie wurden schnell ein Paar und heirateten innerhalb kurzer Zeit. Er brachte sie mit nach Deutschland. Dann war auch schon das erste Kind da, die jetzt vierjährige Tochter. Seine Frau spreche noch immer kein Deutsch. Sie sträube sich dagegen und er habe öfter deswegen Schwierigkeiten mit ihr. Als aus dem Geschrei panisches Kreischen wurde, habe er sich nicht mehr halten können und sei in die Küche gegangen. Seine Frau habe aus Wut die Hand der Tochter unter heißes Wasser gehalten, um sie zu bestrafen, weil sie nicht auf ihre Mutter hören wollte. Daraufhin hätten sie sich laut gestritten. Die Wohnung, samt Tür und Mobiliar war in Mitleidenschaft gezogen.

Aus meiner Sicht schien mehr passiert zu sein, als dass sie sich nur gestritten hätten. Schließlich habe er dann ihre Hand unter heißes Wasser gehalten. Während er redete nahm mein Babysitter die Personalien auf und überprüfte sie. Wir nickten uns zu und ich ging in die Küche. Sollten die Informationen stimmen, die uns der Familienvater zuvor sagte, wäre es sicherlich besser, nicht ohne einen Zeugen alleine zur Frau in die Küche zu gehen. Ich ignorierte das und setze mich an den Tisch und sah sie an.

Die Tochter stand wie traumatisiert am Tisch und beobachtete mich. Ihre Augen lugten knapp über der Tischkante zu mir rüber. Die junge Frau schaute verzweifelt zurück. Sie hatte viel geweint, etwas Mehl war auch in ihrem Gesicht. Die Tränen hatten in dem feinen Mehlstaub unter den Augen kleine Spuren hinterlassen. Wie im Film dachte ich. Als ich sie auf Türkisch fragte, ob sie mir erzählen wolle, was passiert sei, riss sie weit die Augen auf und weinte drauf los, als hätte sie in letzter Not das Eis durchbrochen, um nach Luft zu ringen. Der Kleine in ihren Armen war hingegen entspannt und gurgelte glücklich vor sich hin. Sie sagte sie sei glücklich, dass ich Türkisch spräche und endlich jemanden hätte, der ihr zuhören könnte. Keiner würde ihr glauben. Weinend erzählte sie, dass sie ihren Mann in der Türkei kennengelernt hatte. Sie wurden schnell zu Mann und Frau und lebten bereits nach kurzer Zeit in Deutschland. Sie habe von ihm die Kinder bekommen, lebe in Deutschland aber ohne Familienangehörige und sei auf sich allein gestellt. Sie sei vollkommen abhängig von ihm und wäre wie eine Gefangene. Wie es zum Streit kam und was genau passiert war sagte sie mir nicht. Sie fragte mich, was sie tun könne, um aus diesem Gefängnis rauszukommen. Ich gab ihr eine Nummer, wo Frauen geholfen werden konnte. Sie verbrachte die Nacht mit den Kindern zusammen nicht mehr in der Wohnung.

Drei Jahre später war ich eines Abends wieder mal alleine in Köln unterwegs. Ich betrat den Burger King am Hohenzollernring und stand an der Bedienungstheke mit dem Blick nach oben, um mir eines der Menüs auszuwählen. Als ich dann runter sah, um meine Bestellung aufzugeben, hatte ich das Gefühl die Bedienung zu kennen. Sie lächelte. Während sie hin und her ging, um mein Tablett zu füllen, überlegte ich woher ich sie kennen könnte. Sie schob das Tablett ohne einen Preis zu sagen rüber. Ich war etwas irritiert und wartete darauf zu hören, was aus meinen Geldbeutel springen sollte. Stattdessen machte sie mir dezent deutlich mit einem „Tamam böyle“ (Stimmt so) das Tablett zu nehmen.

Ich nahm das Tablett und ging an einen Sitzplatz. Etwas verwundert beobachtete ich sie eine Weile bei ihrer Arbeit. Sie bediente freundlich die Leute und schien ihren Job gut zu machen.

Nach dem letzten Bissen fiel es mir dann ein. Ich wusste wer sie war. Sie schaute ab und zu rüber. Gerne hätte ich sie gefragt was sie in den letzten Jahren alles erlebt hat und wie es ihr danach ergangen war. Ich tat es nicht. Stattdessen verließ ich gesättigt den Laden.

Auf ins Kölner Nachtleben.