Sami Yusuf: Auf der Bühne ein Weltstar, in den westlichen Medien ein Nobody

Er hat mehr Likes auf Facebook als Robbie Williams, er hat mehr als 100 Millionen Alben verkauft und lockte mehr Menschen auf den Istanbuler Taksim-Platz als die Protestbewegung vom Sommer 2013: Und trotzdem ist Sami Yusuf auf westlichen Musiksendern fast gänzlich unbekannt. Auch in Deutschland, obwohl er mit einer Münchnerin verheiratet ist.

Dabei wäre er Auftritten dort nicht abgeneigt: Immerhin, so sagt Sami Yusuf, könnte er auf diesem Wege ja um Spenden für die UN-Welthungerhilfe werben.

Sonst ist dem 1980 in Teheran geborenen Sänger, Komponisten und Musiker jeder Starrummel abhold. Es gibt bei ihm keine Bühnenshow, keine aufwändigen Arrangements und kreischende Fans sind ihm peinlich. Bereits sein Erstlingswerk Al-Mu’allim (2004) wurde zum großen Erfolg. Die weiteren Produktionen My Ummah (2005), Wherever you are (2010), Salaam (2012) und The Centre (2014) verhalfen ihn in weiterer Folge zu einem weltweiten Millionenpublikum und machten ihm zum Sänger einer Gegenkultur in Europa – auch wenn der in London aufgewachsene Yusuf selbst bewusst seine Verbundenheit zu seiner britischen Heimat unterstreicht und deshalb in altetablierten Adressen wie der Cadogan Hall auftritt.

Seine Karriere als Musiker war eigentlich auch gar nicht beabsichtigt. Im Alter von 23 Jahren wollte der tief religiöse Sami Yusuf eigentlich nur ein Album mit Lobpreisgesängen aufnehmen und Stücken, die Allah und den Propheten Muhammad preisen und von der spirituellen Reise erzählen, die der Sänger nach seinem religiösen Erwachen im Alter von 16 Jahren angetreten hat.

Teil der Gesellschaft sein, ohne Identität zu verlieren

Mit diesem Unterfangen hat er aber gerade den Nerv einer jungen Generation von Muslimen getroffen, die sich von dem Wirken Sami Yusufs angesprochen fühlte, der den Menschen einen Zugang zum islamischen Glauben ermöglicht, der sich ins moderne Alltagsleben einfügt und die Botschaft aussendet, sich seiner religiösen Wurzeln zu versichern und als Teil der Gesellschaft zu leben, ohne seine Identität zu verleugnen oder aufzugeben.

Sami Yusuf lässt es sich jedoch bei aller demonstrativen Bescheidenheit und Vorliebe für die leisen Töne nicht nehmen, ab und an auch deutliche Worte zum Zeitgeschehen zu verlieren und sich dabei als Verteidiger des Mainstream-Islam sowohl gegen westliche Anmaßungen als auch gegen salafistische Verirrungen zu präsentieren.

Er beklagt in Interviews, dass es drei Millionen Muslime in England, vier Millionen in Frankreich und fünf Millionen in Deutschland gäbe und trotzdem die Mehrheitsgesellschaft so wenig über sie wisse. Stattdessen machten Boulevardblätter Stimmung mit reißerischen Berichten über Untaten Einzelner, die dann der gesamten Community angelastet würden.

Aber auch und gerade die Extremisten, die den Namen der Muslime beschädigen, bekommen ihr Fett weg. Diese „Wahnsinnigen“, so Yusuf, hätten nicht die geringste traditionelle Legitimation; was sie repräsentieren, laufe der intellektuellen und spirituellen Tiefe der islamischen Tradition zuwider.

Hedonismus und Djihadismus nur zwei Seiten einer Medaille

Sami Yusuf nützt auch seine Konzerte, um seine Zuschauer auf die Quellen seiner Songtexte und den reichen Schatz der mystischen Sufi-Überlieferungen hinzuweisen. Selbst ein buddhistischer Chant ist unter seinen Inspirationsquellen – für Yusuf kein Problem, da der Kern der islamischen Erbes und die Essenz des islamischen Erbes der Sinn und die Liebe für jene Schönheit und Wahrheit ist, nach der auch alle anderen Religionen streben.

Yusuf ist zu dem geworden, was er ist, weil er es stets abgelehnt hatte, sich zu verbiegen. Er habe, so schildert die Süddeutsche Zeitung, Bachs H-Moll-Messe lieber gehört als aktuelle Popmusik, weil das Traditionelle ihn spirituell immer schon stärker angezogen hätte.

Den westlichen Hedonismus und den Extremismus der Djihadisten sieht Sami Yusuf nur als zwei Seiten der gleichen Medaille aus Allmachtsfantasien, primitiven Belohnungen und einer würdelosen Kultur ohne spirituelle Dimension.

Entsprechend ist Yusuf auch davon überzeugt: Das Problem ist nicht die Religion, sondern deren Verlust. Tief religiöse und im Islam verwurzelte Menschen würden der Propaganda des IS oder anderer extremistischer Gruppen nicht auf den Leim gehen: „Sie fangen Menschen, die sich nicht gesehen und nicht geachtet fühlen. Und die meisten Menschen in der arabischen Welt suchen verzweifelt nach einer Bedeutung in ihrem Leben.“

Er glaubt aber auch nicht, Jugendliche, die mit einem „Islam for Dummies“-Handbuch im Gepäck ins IS-Kalifat reisen, umstimmen zu können. Sie seien aus einem spirituellen Vakuum erwachsene Monster – ähnlich wie diejenigen, die im 20. Jahrhundert im Namen der totalitären Ideologien, die in Europa die Macht an sich gerissen hatten, Gräueltaten begangen hätten.