Kann man den Hass hassen?

Jahrelange Nachbarschaft, die auf Facebook zerbröckelt

In Zeiten des sozialen Umbruchs sind nachbarschaftliche Beziehungen wichtiger wie nie zuvor. Doch was passiert, wenn sich diese Beziehung auf Facebook & Co verlagert?

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Man stelle sich folgendes nachbarschaftliches Verhältnis vor:

Eine Nachbarin (Frau Müller), Deutsche. Alleinerziehend. Hat 2 Kinder. Damals 4. Klasse und KiGa. (X)

Andere Nachbarin (Frau Özsoy), Türkin. Verheiratet. Hat ebenfalls 2 Kinder. Damals beide KiGa. (Y)

Diese leben friedlich in einem Mehrfamilienhaus Tür an Tür.

Die eine stört die andere nicht. Ganz im Gegenteil: Die verheiratete türkische Nachbarin unterstützt die alleinerziehende Nachbarin unter allen Bedingungen, so gut es geht. So gut es ihr gelingt.

Sie treffen sich, lassen die Kinder draußen zusammenspielen und teilen den Alltag miteinander. Das Zusammenleben funktioniert.

Eines Tages unterhalten sie sich über die verschiedenen Kulturen.

Die eine lobt die Kultur der anderen.

Frau Özsoy sagt:

„Es ist bewundernswert, wie sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg so erholen und wieder aufbauen konnte. Deutsche sind ehrgeizig und diszipliniert. Ja, sie sind auch zuverlässig. Wir leben doch in einem schönen Land.

Findest du nicht auch?“

Frau Müller antwortet daraufhin:

„Ich finde bei euch den familiären Zusammenhalt so toll. Bei euch baut sich alles darauf auf. Die Arbeit in der Familie ist vernünftig aufgeteilt. Du weißt gar nicht, wie wichtig und schwierig es ist, Beziehungen aufrecht zu erhalten. Vor allem partnerschaftliche.

Meine Tochter mag Dich sehr! Ihr seid doch auch sehr zuverlässig.“

Über letzteren Satz lachen sie sogar gemeinsam.

Die alleinerziehende Frau Müller muss öfter ihre kleine Tochter unbeaufsichtigt zu Hause lassen, da sie nebenbei arbeiten geht. In der Zeit hat Frau Özsoy immer im Hinterkopf, dass das kleine Nachbarstöchterchen alleine zu Hause ist und passt während der Abwesenheit der Mutter mit auf. Das ist für sie so selbstverständlich, dass sie es nicht einmal merkt, wenn sie es tut. Sie merkt es erst, als Frau Müller sich dafür bedankt.

Eines sehr kalten Wintertages schließt das kleine Nachbarstöchterchen sich aus.

An diesem Tag ist sie nicht wie üblich im Kindergarten. Aus welchem Grund auch immer geht das Mädchen raus.

Frau Özsoy ist an diesem Tag zufällig zu Hause.

Da die Straßen sehr verschneit und glatt sind, hat sie ein Treffen abgesagt. Sie hat lediglich die eigenen Kinder in den Kindergarten gebracht und sich selbst mit schwarzem Tee und Gemütlichkeit versorgt. Sie bemerkt, dass das Kind in Schlafanzügen draußen ist und holt es sofort zu sich rein. Das Kind ist in diesem Moment fast unterkühlt. Frau Özsoy wickelt es warm ein und bereitet sofort eine heiße Suppe zu.

Nach einigen Stunden kehrt Frau Müller zurück von der Arbeit. Sie sucht und findet ihr Kind bei Frau Özsoy.

Wieder bedankt sich Frau Müller. Wieder merkt Frau Özsoy, dass sie was getan hat.

Nun kommt der Tag, an dem für beide ein Umzug in Frage kommt.

Sie packen ihre Sachen. Verabschieden sich kurz voneinander. Mit der Anmerkung, dass sie über Facebook in Kontakt bleiben würden. So geschieht es dann auch.

Beide behalten sich gegenseitig in der Freundschaftsliste.

Einmal fragt Frau Özsoy, wie es dem kleinen Mädchen geht. Kurz unterhalten sie sich dort.

Oberflächlich.

Was hatte sich in den vergangenen drei Jahren geändert?

An einem anderen Tag treffen sie sich wieder auf Facebook. Mittlerweile liegt die schöne Zeit der intakten Nachbarschaft etwa drei Jahre zurück.

Frau Özsoy kann ihren Augen nicht trauen. Was sie sieht, macht sie wütend. Frau Müller hat ein Foto gepostet. Darauf zu sehen sind zwei Pitbulls. Wie folgt ist dieses Bild betitelt:

„Der beste Schutz für Frauen. Die fressen nur Met, Achmet, Mohammet, Mehmet…!!!“

Mehrmals muss sie dieses hässliche Bild betrachten.

Der Sohn von Frau Özsoy heißt Ahmet.

Gezwungen fühle ich mich diesen Blogbeitrag zu verfassen, der sich auf die Geschichte der zwei Nachbarinnen bezieht. Keineswegs schreibe ich gerade freiwillig.

In der obigen Geschichte geht es um ein schönes Beispiel für eine intakte Nachbarschaft. Zumindest meint man das am Anfang; genauso muss es funktionieren.

Die eine soll Mitverantwortung für die andere übernehmen wollen und können. Diejenige, die Hilfe braucht, soll sie bekommen. Man soll sich nicht fremd bleiben, obwohl man als Nachbarn Tür an Tür im selben Gebäude, unter demselben Dach lebt. Unter demselben Dach, wie unter demselben Himmel alle Menschen leben.

Wie das Brot geteilt werden kann, so soll auch Freud und Leid geteilt werden.

Damit es nicht noch mehr schwieriger wird, als es ohnehin schon ist;

Menschsein und Mensch zu bleiben.

Das sind die Grundsteine einer gut funktionierenden Gesellschaft, das hat Kant schon damals festgestellt.

Wenn wir alle zusammen unsere Häuser verlassen und unsere Blicke nach oben richten würden, überall zur selben Zeit, auf der ganzen Welt; für einen Augenblick, dann würden wir, mit „wir“ meine ich alle Menschen zusammen, den Himmel … ja fast so wunderbar fassen.

Aber darüber kann und möchte ich nicht mehr, zumindest jetzt nicht, schreiben.

An diesem Punkt kommt mir das folgende Prinzip in den Sinne, macht Hoffnung und Mut:

Alles in unserem Leben, alles, ist der Vergänglichkeit unterworfen.

Wie das Schöne, so auch das Hässliche. Auch diese negativen Gedanken werden weiterziehen und vergehen.

Es geht um eine andere Realität. Die genauso relevant ist, wie die Realität des Himmels oder die des Liebens. Die genauso wichtig geworden ist, wie das Schöne; nämlich das Hässliche. Ich weiß, dass ich mich hier wiederhole. Das ist Absicht.

Es muss auch darüber geschrieben und leider auch laut gedacht werden.

Leider. Die Zeit ist ein guter Lehrer. Sie lehrt, in dem sie zwingt und vergeht.

Leider, beinhaltet einen anderen Begriff; das Leid. Das Leid ist so simpel zu schreiben, umso komplexer wird es, wenn der Mensch beginnt, es im Leben zu erfahren.

Ja. Es tut mir leid, einen Text gezwungenermaßen zu schreiben.

Es geht um den Hass

Es geht nicht um das liebevolle Teilen, in einer Nachbarschaft oder in irgendeiner anderen menschlichen Beziehung, es geht vielmehr um das Nehmen.

Da irrte sich der, der meinte, das Leben sei ein Nehmen- und Geben!

Manchmal ist das Leben nur geben. Und manchmal auch nur nehmen.

Nehmen.

Man nahm einem Menschen die Hoffnung, die wie folgt beschrieben werden kann: Du bist ein Teil einer riesigen Gemeinschaft. Ein winziger Teil dieser Gesamtheit. Ein Teil der Natur. Ein Teil der Menschheit. Ein winziger Teil.

Andere nehmen dich vielleicht als fremd wahr. Aber du, du siehst sie nicht so, wie sie dich sehen. Sie sind dir gar nicht so fremd. Ganz im Gegenteil, mit ihnen zusammen bildest du die Gesamtheit.

Lebe mit ihnen. Nicht neben ihnen. So tue Gutes und lasse es einfach nur wirken.

So kannst du die dir Fremden zu Freunden machen; widme dich ganz deiner Aufgabe, der Ganzheit zu dienen.

Einem Menschen diese Hoffnung zu nehmen.

Ihn innerlich zu lähmen und denken zu lassen:

Der nächste Nachbar oder Nachbarin könnte genauso agieren.

Soll dieses Gefühl nun über mich herrschen?

Ja. Wir Menschen einer interessanten Neuzeit, in der Worten weniger Wert zugeschrieben wird als Bildern, sind fleißig am Teilen.

Die einen teilen ihren Erfolg anhand von Bildern, die anderen lassen andere wissen, dass sie lecker essen waren. Wieder andere wollen unbedingt sich und ihr Leben von der schönsten Seite zeigen.

Das tun sie z.B. bei Facebook oder Twitter.

Sie wissen nicht, wie es der älteren Dame von nebenan geht, zeigen sich aber äußerst interessiert am Weltgeschehen.

So habe ich als aktive Facebook-Nutzerin viele Bilder gesehen. Die, die mir gefielen mit „Gefällt mir“ markiert und jenes, um das es hier geht; gehasst.

Wenn ich irgendwas hassen will, so sollte ich den Hass hassen;

So habe ich mir das sagen lassen.

Dass es die gibt, die den Hass zeigen, es beabsichtigen ihn zu verbreiten, das ist für mich die absolute Neuheit gewesen.

Das Erschreckende ist, dass es solche Posts vermehrt gibt, wie wir von allen Seiten hören. Die jüngsten Beispiele lieferte zuletzt Sachsen.

Sie schlugen in mein Herz ein wie ein Blitz.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich zwinge, über etwas zu schreiben. Bislang habe ich innere Bilder beschrieben. Bilder, die kamen und gingen.

Inspiration mag man das nennen.

Als ich das in der Geschichte beschriebene Bild an diesem besagten Tag sah, konnte ich nur an Eines denken:

Ein Mensch kann Gutes, das er erfahren hat, vergessen

Hat sie vergessen, dass der Sohn der guten Nachbarin Ahmet heißt oder rechnet sie gerade mit allen Menschen ab, in dem sie ihnen beliebige Namen verpasst?

Dass ich Gutes tun und vergessen soll, dass ich es tat, dass ich sogar vergessen soll, dass ich es vergessen habe; hat mir der spirituelle Weg des Islams beigebracht.

Davor soll sie nun Angst haben? Vor welchem Islam?

Den Islam, den ich lebe, so wie ich ihn verstehe?

Den ich lebte, in ihrer Anwesenheit?

Oder vor einem Islam, der ihr über die Medien erklärt wird?

Wenn ich sie wäre, würde ich aus Angst ebenfalls vergessen, dass mir jemand helfend zu jeder Zeit zur Seite stand?

Ist das Böse in einem Menschen so fest verankert?

Unendliche Fragen, die aufkommen, die entsprechende Antworten suchen, jedoch keine finden.

An diesem Punkt möchte ich mich nun kurz fassen:

Wie dem auch sei. Ich höre bewusst auf, Fragen zu stellen.

Feststeht: Jeder wird am Ende die Wirkung seiner Tat zu spüren bekommen.

Ich habe mich für das Gute entschieden. Jeden Tag habe ich mich aufs Neue von meinem Herzen leiten lassen. Ich habe der Liebe in meinem Leben den größten Platz zugewiesen. Aus Liebe handelte ich, handle ich und werde handeln.

Und sah, dass es wirkte. Sehe ich. Werde ich sehen; solange ich lebe.

Niemandem habe ich Schaden zugefügt, zumindest nicht bewusst.

Für alle meiner unbewusst durchgeführten schlechten Taten, bitte ich meinen Schöpfer, mich trotzdem rechtzuleiten. Tagtäglich tue ich das. Mehrmals am Tag.

Was Hass für eine Wirkung hinterlässt, zu welchem Ziel er führt, sehen wir in den täglichen Nachrichten. Der eine beginnt, den anderen zu hassen und steckt andere mit seiner Krankheit an. Am Ende leiden alle unter den durch Hass herbeigeführten Zuständen.

Du, mein allerliebster Mensch, musst dich entscheiden.

Nur bleibt eine Frage: Wie gehen Kinder damit um?

Nicht wenige der Kinder verfügen heutzutage über Internet und einem Smartphone.

Sie sehen diese Bilder, die Hass verbreiten.

Und Kinder können wissentlich sehr fies und distanzlos sein.

Was bekommt Ahmet, der Sohn der türkischen Nachbarin, in der Schule zu hören? Dieses mulmige Gefühl lässt mich nicht mehr frei schreiben. Muss ich mir Sorgen machen? Ja. Das muss ich.

Vielleicht ändert sich alles, wenn Du und Ich uns wieder trauen, uns gegenseitig in die Augen zu schauen. Denn nur wenn Du und Ich uns verändern, wird sich die allgemeine Situation verändern.

Siehst Du denn nicht, wo sie landen? Die, die sich von Hass leiten lassen? Willst du uns, diesem Land, das ich nicht weniger liebe als Du, das zumuten und unsere gemeinsame Zukunft vermasseln?

Wo mein Kind leiden wird, wird auch Dein Kind leiden. Betroffen werden sie sein, von den Umständen gleichermaßen.

Tee habe ich, das weißt Du. Worte auch.

Du musst nur dein Herz dabei haben. Die Zeit rennt davon. Wir werden nicht ewig hier bleiben. Wir haben diese Welt uns ausgeliehen, nicht nur von einem deutschen Kind, von Deinem Kind, sondern von allen Kindern dieser Welt zusammen.

Erinnere dich an die guten Taten von Ahmets Mutter, die dir gut taten.