„Sahaf” aus Leidenschaft

Nehir Aksoy – der Buchhändler aus dem Waisenhaus

Der Beruf des Antiquars („Sahaf“) ist einer der ältesten und bestangesehenen in der Türkei. Menschen finden oft auf verschlungenen Pfaden zu ihm, wie Nehir Aksoy. Die Zukunft der Second-Hand-Buchhändler ist jedoch ungewiss. (Foto: zaman)

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Nehir Aksoy ist einer der wenigen Menschen in der Türkei, die ihren Lebensunterhalt als „sahaf” (Antiquar) oder mit einem Second-Hand-Buchladen verdienen. Er ist jetzt 38 Jahre alt.
Was ihn von seinen Freuden unterscheidet, ist, dass er einen Teil seiner Kindheit im Waisenheim verbrachte. Von einem Leben unter harten Bedingungen gezeichnet, konnte Aksoy die notwendigen Unterlagen und Dokumente für die Universität nur dadurch finanzieren, dass Freunde ihm ihr Taschengeld schenkten.

Nachdem er sein Studium der internationalen Beziehungen an der Ankara University beendet hatte, begann Aksoy als Buchhändler zu arbeiten. Dieser junge Second-Hand-Buchhändler, der all die schweren Jahre seiner Jugend dank seiner Bücher überstanden hatte, verbringt den größten Teil seiner Freizeit mit jungen Menschen und damit, sie für das Lesen zu begeistern.

Mit 9 Jahren „Krieg und Frieden“ gelesen

Aksoy wurde als eines von sechs Kindern in eine Familie in Zonguldak geboren, einer Bergarbeiterstadt an der Schwarzmeerküste. Aufgrund der extremen finanziellen Probleme gaben Aksoys Eltern ihn in ein Waisenhaus, als er gerade mal 7 Jahre alt war. „Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter die frischen Gerstenstiele in unserem Garten kochte und sie uns als Essen auftischte. Danach folgte das Leben im Waisenhaus… Wenn man 18 Jahre alt wird, ist man theoretisch frei, aber nur, wenn es jemanden da draußen gibt, der nach dir Ausschau hält. Andererseits: Was für ein Leben erwartet einen dann? Ich kenne so viele, die von dort, wo auch ich gekommen bin, in diese Welt aufbrachen und später tot auf den Müllkippen der Städte wiedergefunden wurden.“

Aksoy erzählt, dass er sich sehr daran gewöhnt hatte, von Büchern umgeben zu sein, während er im Waisenhaus lebte. Die Menschen hätten ihn dort als Fremden betrachtet; als er erst 9 Jahre alt war, hatte er alle vier Bänder von „War and Peace” („Krieg und Frieden” ein historischer Roman des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi) bereits zum dritten Male durchgelesen. Als er 14 war, nahm ihn seine Familie zurück und alle lebten für weitere zwei Jahre zusammen.

Nach dem Ende der Sekundarschule begann er von der Universität zu träumen, aber seine finanzielle Situation dämpfte die Hoffnungen. Der junge Buchhändler spricht über die Hilfe seiner Freunde, welche ihn am Ende an die Universität brachten: „Unser Dorflehrer hatte einen Sohn, der einige Jahre jünger war als ich. Ich erzählte diesem Jungen immer von meinen Träumen und ich werde ihm ewig dankbar sein, weil durch ihn meine Wünsche und Träume in Erfüllung gingen, denn er sparte das Taschengeld, das sein Vater ihm gab, und gab es mir, um die Aufnahmeformulare bezahlen zu können. Als ich an die Universität kam, begann ich parallel dazu als Lehrling eines Baufachmanns zu arbeiten. Ich arbeitete acht bis zehn Stunden am Tag, bevor ich die Kurse besuchte.”

Entdecker verlorener Momente

Am Ende sollte die Reise Aksoy auf verschlungenen Pfaden in die Position bringen, wo er sich jetzt befindet, als Second-Hand-Buchhändler: „Seitdem ich sehr jung war, hielt ich, ganz gleich wo ich hinging, ob fern oder nah, immer Ausschau nach einem Buchhändler. Ich habe elf Länder besucht und ich halte auch in fremden Ländern Ausschau nach ihnen. In unserem Beruf lernt man sowohl von Literaturexperten als auch von engagierten Kunden. Dies war, was ich tat. Ein Second-Hand-Buchhändler zu sein ist, wie jemand zu sein, der Rezepte für andere schreibt. Der richtige Job eines „sahaf“ (Antiquar) ist es, anderen den Weg zu zeigen. Als ein Sahaf muss man wissen, welches Buch wozu geeignet ist. Die Art und Wiese, wie du Menschen Bücher verkaufst, ist sehr wichtig. Gewinn darf nicht die einzige Motivation sein und tatsächlich waren auch die Mitglieder der alten „Bruderschaften” in Anatolien Sahaf-Buchhändler.

Der Beruf eines Sahaf ist sehr alt in der Türkei. Die ersten Beispiele sind aus dem Bursa und Edirne des 14. und 15. Jahrhunderts bekannt, wo dieser Beruf sich entwickelte, um die Bedürfnisse der Studenten nach Literatur zu dieser Zeit zu erfüllen, in der es an diesen Orten noch keine Druckmaschinen gab. Ein Beruf mit seiner speziellen Arbeitsweise, seiner eigenen Moral und seinen eigenen Werten.

Das geografische Zentrum, in dem sich die meisten Angehörigen dieses Berufes konzentrierten, verlagerte sich während der Herrschaftszeit Mehmets des Eroberers nach Istanbul und nach dem Erdbeben 1894 zum „Hakkâklar Markt”. Nach einem weiteren Feuer im Jahr 1950 entwickelte sich dieser berühmte Second-Hand-Buchmarkt mit weiteren Läden weiter. Obwohl dieser Beruf von Verbänden repräsentiert wird, steht dessen Existenz auf der Kippe, obwohl die Second-Hand-Buchbasare von Beyazıt bzw. Beyoğlu, jener in Kadıköys Akmar Buchpassage und jener im Sönmez Kitap in Bursa fortgeführt werden.