Für eine Welt, auf der es sich besser leben lässt

Opferbereitschaft oder Aufopferung? Man mag es so oder so nennen. Es bedarf eines Feingefühls. Viel Empathievermögen. Liebe, ja gar Leidenschaft. Aber vor allem Hingabe. Ich dachte oft, opferbereite Menschen gesehen zu haben. Es gab auch Momente, wo ich das Gefühl hatte, mich für eine nützliche Sache aufgeopfert zu haben. Bis zu diesem Moment…

Im Kino „Arsenal“ am Potsdamer Platz läuft die Galaaufführung des Dokumentarfilms „Love is a Verb“. Dokumentiert wird die Opferbereitschaft von vielen verschiedenen Menschen, mit dem gleichen Ziel: eine Welt, auf der es sich besser leben lässt.

Gezeigt wird ein Arzt aus Istanbul. Seine graumelierten Haare lassen ihn älter wirken, wie er tatsächlich ist. Er wirkt für seine etwa 50 Jahre sehr vital. Seine Spezialisierung als Mikrochirurg in einer privaten Klinik lassen Wohlstand, Ansehen und eine sichere Zukunft vermuten. Womöglich hat er schon Enkelkinder und freut sich schon auf seine Rente, um mit ihnen mehr Zeit zu verbringen.

Würde man denken.

Doch dann erzählt er eine Geschichte. Er hat sich bei der humanitären Hilfsorganisation „Kimse Yok Mu“ als freiwilliger Arzt gemeldet, um im Nordirak seinen Dienst zu erweisen. Seine Zeit hat er fortan so aufgeteilt, dass er einen Monat im Nordirak verbrachte, um Menschen Hände, Füße, Arme, Finger anzunähen, die bei einem Bombenanschlag oder im Kampfeinsatz abgefallen sind. Im nächsten Monat war er wieder bei seiner Familie, seinen Enkeln und dem hochangesehenen Job in der Privatklinik in Istanbul. „Wow! Was für eine Hingabe! Was für eine Aufopferung“, denke ich für einen Moment. Er tut etwas, was er überhaupt nicht tun muss. Er hat es nicht nötig. Er könnte auch eine sehr großzügige Geldspende machen und sein Gewissen reinhalten. Aber dass er die Hälfte eines Jahres in einem Kriegsgebiet freiwillig verbringt – Hochachtung!

Dann erzählt er weiter: „So ging das Monat für Monat weiter. Abwechselnd Istanbul und Nordirak. Dann bekam ich einen Anruf, als ich wieder einmal in Istanbul Dienst hatte. Einem jungen Mann war bei einem Bombenanschlag der Arm abgetrennt worden. In der Klinik im Nordirak gab es keinen Arzt, der in der Lage wäre, den Arm wieder anzunähen. Man bat mich, sofort zu kommen. Was ich dann auch tat. Ich flog nach Arbil. Etwa fünf Stunden nach dem Anruf war ich in der Klinik.“

Doch es reichte nicht. Es war nicht mehr möglich, den Arm anzunähen. Der Arzt guckte tief betroffen in die Kamera hinein. Ich spürte zwar seine Enttäuschung und seine Schuldgefühle bis in mein Knochenmark hinein. Es war so, als ob ich mit dem Flugzeug zu spät ankam und den Arm nicht mehr annähen konnte.

Mir schwirrten die Gedanken nur so im Kopf herum. Sich so sehr für eine Sache aufopfern und dann wieder als Verlierer dastehen; mit Schuldgefühlen. Das kann doch nicht wahr sein?!

Stimmt. Das war nicht wahr. Der Arzt hat es nicht einfach hingenommen. Er sah es nicht ein, für die Opfer nicht da zu sein, genau dann, wenn sie es wirklich nötig hatten. Also tat er folgendes: „Ich habe mich entschlossen, meine Familie in den Nordirak zu holen. Jetzt wohnt meine ganze Familie bei mir und ich bin sofort einsatzbereit!“

Opferbereitschaft oder Aufopferung. Man mag es so oder so benennen. Edel und selbstlos ist es auf jeden Fall.