Einblicke in die Opferbereitschaft aus verschiedenen Perspektiven

Das islamische Opferfest: Das Fest der Annäherung

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Der Islam ist eine Religion, die seit Anbeginn ihrer Existenz Tiere als einen ganz besonderen Teil der Schöpfung Gottes versteht. Die kanonischen Quellen, d. h. der Koran und die Überlieferungen des Propheten, seiner Gefährten und seiner Frauen sowie die islamische Geschichte können uns viele Beispiele anbieten, in denen Mitgefühl und Respekt gegenüber Tieren zum Ausdruck gebracht werden. Insbesondere aus zahlreichen Überlieferungen geht hervor, dass der Prophet Muhammad ein Tierfreund und insbesondere ein Katzenliebhaber gewesen sein soll. Tierquälerei ist verboten; zudem hat der Islam dem Menschen die Verantwortung gegenüber den Tieren, aber auch seinem Leben auf Erden und der Umwelt übertragen.

Das vier Tage währende Opferfest (arab. ’Id al-Adha / türk. Kurban bayramı), das gestern begonnen hat, ist das wichtigste Fest im Islam. Dabei erinnert man sich an das große Opfer, das der Prophet Abraham brachte, als er bereit war, Gott seinen Sohn (man geht von Ismail aus, wobei im Koran kein Name erwähnt wird) zu opfern. Als Gott erkannte, dass Abraham dies wirklich tun wollte, schickte Er ihm ein “großartiges Schlachtopfer”, welches er anstelle seines Sohnes opfern sollte (vgl. Koran, 37:100-107).

Es gibt zwei Gründe, auf die das islamische Opferfest aufbaut. Zum einen ist der Hadsch, die große Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka und Medina, ein wichtiger Bestandteil, da die gesamte Pilgerfahrt eine Erinnerung an den Propheten Abraham ist und man während dieser besonderen Zeit eine ganz besondere Annäherung zu Gott sucht. Zum anderen ist der Prophet Abraham, wie obig schon erwähnt, eine wichtige Figur, der man an diesen Tagen ganz besonders gedenkt. Seine Geschichte im Koran zeigt uns, wie weit man gehen würde, um seine Hingabe zu Gott zu zeigen, aber auch die Aufforderung sich Ihm immer wieder anzunähern. Deshalb wird das Opferfest von vielen Muslimen auch “Fest der Annäherung” genannt.

In Anlehnung an die Aufforderung im Koran (2:196 und 22:27-29) gehen Muslime alljährlich der Tradition nach, zum Opferfest ein Tier zu schlachten, schlachten zu lassen oder Geld für eine Schlachtung zugunsten Bedürftiger zu spenden. Je nach Sitte können es Schafe, Rinder oder Kamele sein. Wenn selbst geschlachtet oder für einen geschlachtet wird, so wird das Fleisch traditionell in drei gleich große Stücke geteilt. Ein Drittel wird Bedürftigen und Armen gespendet, ein weiteres Drittel Verwandten, Nachbarn und Freunden geschenkt, und das letzte Drittel wird für die eigene Familie einbehalten.

Laut Koran ist es für die Pilger eine Pflicht, zum Ende ihres Hadsch ein Opfertier zu schlachten oder schlachten zu lassen. Mittlerweile gibt es Gelehrte, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen und die Richtlinien etwas auflockern, indem ihre Rechtsgutachten (arab. Fatawa) aussagen, dass Pilger auch zu einem späteren Zeitpunkt sowie an einem anderen Ort ihrer Opferpflicht nachkommen können. Es sollte jedoch jedem bewusst sein, dass es sich hierbei um Minderheiten-Meinungen von Gelehrten handelt, da die Mehrheit der Muslime dem obig bereits erwähnten Muster folgt.

In hiesigen Zeiten kommt die Frage von Muslimen auf, ob das rituelle Schlachten noch zeitgemäß ist oder ob es Alternativen zur traditionellen Tieropferung geben kann. Dabei ist es wichtig nicht zu vergessen, dass das rituelle Tieropfer eine Erinnerung an die Geschichte und an ein bestimmtes Ereignis trägt und es eine Tradition ist, die seit Jahrhunderten praktiziert wird und die nicht einfach so abzulegen ist. Es ist eine kollektive Erinnerung, die zusammenhält und deshalb selten hinterfragt wird. Dennoch werden die Stimmen in der muslimischen Community immer lauter, die sich Alternativen zum Tieropfer wünschen, welche – so Gott will – von Ihm auch akzeptiert würden, unter anderem auch durch den Koranvers 22:37 unterstützend:

“Weder ihr Fleisch noch ihr Blut werden Gott erreichen, aber Ihn erreicht die Gottesfurcht von euch.”

Es besteht die Sorge, dass das rituelle Schlachten einen oberflächlichen Charakter einnimmt, weil die Bedeutung der Schlachtung zu Zeiten des Propheten Muhammad eine andere als in der Gegenwart war. Damals stellten Tiere den Lebensunterhalt vieler Menschendar, deshalb war die Schlachtung eines Tieres von viel höherem Wert als heute. Auch wird sich die Frage gestellt, aufgrund des Anblicks der Massenschlachtung am Opferfest, ob diese geregelt ist, oder ob es eine Verschwendung darstellt, welche im Islam nicht erlaubt ist.

Weitere (Minderheiten-)Meinungen von Gelehrten beinhalten die Möglichkeit, das Geld, welches für das Tieropfer gespendet werden würde, anderweitig gut und sinnvoll zu investieren. Auch wenn die Mehrheit der Muslime Fleisch als wichtigen Bestandteil ihrer Ernährung halten, so gibt es eine wachsende Anzahl von muslimischen Vegetariern und Veganern, die zwar ihrer religiösen Opferpflicht nachkommen möchten, jedoch nicht dazu bereit sind, ein Tier dafür töten zu lassen. In diesem Falle wäre die Opfergabe für andere Zwecke zu verwenden und das Geld dementsprechend zu investieren.

Zu guter Letzt stellt sich die Frage, ob beim Fest der Annäherung eine symbolische Opfergabe möglich ist. Da es wichtig ist, sich vom Materiellen zu lösen, ist ein spirituelles, inneres Opfer nicht von gleichem Wert, als wenn man sich von etwas trennt, was einem wichtig erscheint, was jedoch für andere eine Hilfe sein könnte.

In diesem Sinne möchte ich allen Musliminnen und Muslimen ein gesegnetes Opferfest bzw. Fest der Annäherung wünschen. (Foto: Pixabay)