WDR-Konzert: Patchwork alla turca

Das „Patchwork alla turca“ des WDR Funkhausorchesters verspricht einen Abend mit türkischen und westlichen Kompositionen, die sich gegenseitig beeinflusst haben sollen. „Eine vielversprechende Ansage“, dachte sich Ahmet Daşkın und besuchte voller Freude das Konzert. Seine Eindrücke schreibt er für das dtj nieder.

Von Ahmet Daşkın*

Alla turca – was fällt einem ein, wenn man diese Worte hört? Den meisten Klassikfans kommt dabei das Thema des dritten Satzes aus Mozarts Klaviersonate Nr. 11 (eines der bekanntesten Rondos) in den Sinn. Die türkischen Fans unter ihnen verbinden damit vielleicht noch den rhythmischen Sound einer Darbuka – oder einfach Musik mit verzierten Elementen. Das „Patchwork alla turca“ des WDR Funkhausorchesters, übrigens auf dem Programmheft beworben mit einem orientalischen Tee-Set, verspricht einen Abend mit türkischen und westlichen Kompositionen, die sich gegenseitig beeinflusst haben sollen – eine vielversprechende Ansage.

Gleich zu Beginn des Konzerts fragt nicht nur die Managerin des Orchesters Corinna Rottschy, sondern auch die Moderatorin Evren Zahirovic, wieviele der Anwesenden Türken seien. Das gekomme Dutzend hätte den Organisatoren wohl erklären müssen, dass im Monat Ramadan viele Deutsch-Türken das Abendessen einem Konzert vorziehen. Aus diesem Grund finden sich an diesem warmen Samstagabend im großen Sendesaal eher Abokunden des höheren Semesters ein. Gemeinsam mit dem deutsch-niederländischen Gastdirigenten Arjan Tien sollen sie in die Klangwelt des Orient eintauchen.

Melancholie der harten Republiksjahre

In einem perfekt intoniertem Deutsch und Türkisch führt Evren Zahirovic durch den Abend. Ihre Stimme klingt sanft und klar – fast schon so, als wäre sie in den Tiefen des TRT Radios geformt worden. Und leider erinnern auch manche ihrer Aussagen dem alten TRT Jargon der exklusivistischen ,,weißen Türken”. Sie spricht von den Gründungsjahren der jungen türkischen Republik, der Sehnsucht Atatürks nach Europa und einer Bevölkerung, die zu 90% Analphabeten seien – dabei lässt sie außer Acht, dass durch die Lateinisierung der türkischen Sprache die Menschen zwangsanalphabetisiert wurden. Nach diesem etwas holprigen Start beginnt der musikalische Teil des Abends mit einer weniger bekannten Ouvertüre Rossinis. Maometto II ordnet sich historisch in die Zeit der Belagerung Negropontes in Griechenland ein. Dieser Kriegskontext ist bezeichnend für die ausgewählten Stücke europäischer Komponisten.

Mit Ulvi Cemal Erkin, einer der ,,Türk Beşler” (die bedeutendsten fünf Komponisten der türkischen Klassik), spürt man im Adagio (langsam, ruhig) fast schon die Melancholie der harten, jungen Republiksjahre, bevor im Allegro con fuoco (lebhaft mit Feuer) Hoffnung geschöpft wird. Die virtuose Karina Buschinger (Violine) begeistert mit ihrer technischen Brillianz die Zuhörer. Im Vergleich zu Erkin wirkt Ahmed Adnan Sayguns (auch aus den ,,Türk Beşler”) Moderato aus der Sinfonie Nr. 2 op. 30 fast schon unreif. Mit vielen charakterlichen Brüchen vermag es dieses Stück nicht, den türkischen Nerv zu treffen. An dieser Stelle vermisst man sehnlichst den Enthuasiasmus eines Cemal Reşit Rey, oder auch Hasan Ferit Alnars Gabe, volkstümliche Motive symphonisch zu verarbeiten. Strauß’ 1001 Nacht ist zwar musikalisch ein Genuss, aber eignet sich nicht zur europäisch-türkischen Synthese.

Kritik an Streichung von Musikstipendien

Der zweite Teil beginnt mit einer politischen Spitze der Moderatorin gegen die jetzige Regierung in der Türkei: es geht um die Streichung von Musikstipendien in der Türkei. Viele der Anwesenden würden diese Kritik vielleicht teilen, doch scheint diese Aussage an dieser Stelle eher zur einer unnötigen Politisierung des Abends beizutragen. Musikalisch geht es mit der Entführung aus dem Serail weiter. Mozarts musikalisches Genie ist von jeglicher Zweifel frei. Nur fragt man sich, warum auch hier der Mut zum türkischen Arrangement fehlt. Statt einer Aneinanderreihung von unterschiedlichen Stücken, hätten Dirigent und musikalische Leitung mehr Inspiration einbringen können, ohne ein Mash-up zu erzeugen.

Mit den Werken Eduard Künnekes (aus Suite Nr. 4 ,,Bejram”) und Ferit Tüzüns (“Esintiler”) sind die Zuhörer auf klassischem Neuland. Die vom Krieg inspirierte Musik Künnekes, in Verbindung mit den erneut politisch konnotierten Aussagen der Moderatorin, vervollständigen die Klaviatur der Vorurteile an diesem Abend – gefühlt eine Anbiederung an den Westen. Gerettet wird der Abend mit ,,Köçekçe” (Cemal Ulvi Erkin). Hier scheint plötzlich alles zu harmonieren. Evren Zahirovic gibt nämlich hier keine politischen Statements, sondern interessante historische Details zu der Suite. Das Orchester unter Arjan Tiel brilliert außerdem beim Interpretieren der schnellen Rhytmenwechsel und der schnelle Takt animiert gar zum Tanzen – an dieser Stelle auch ein Chapeau an den Musiker aus der Schlaginstrumenten-Gruppe, der die Zimbeln beidhändig beeindruckend beherrscht. So geht man etwas wehmütig in die frische Kölner Nacht hinaus – mit einem Gefühl, dass dieses Konzert doch so viel mehr bieten könnte.

 

*Unser Gastautor Ahmet Daşkın ist Projektmanager im Bereich Bildung und besucht sehr gerne deutsch-türkische Konzerte.