„Popp-Artikel schadet Spiegel“

Der muslimische Gelehrte Fethullah Gülen wurde bereits mit verschiedenen Etiketten gebrandmarkt. Viele werfen ihm vor ein radikaler Islamist zu sein, andere sehen in ihm einen Christenfreund, der gemeinsame Sache mit dem Vatikan macht. Ein anderer Vorwurf lautet wiederum, er sei pro amerikanisch und pro israelisch. Woran mag das liegen? In seinen Werken finden sich keine Anhaltspunkte für die oben genannten Beschuldigungen. Vielleicht liegt es daran, dass die Kritiker seine Werke nicht lesen. Doch trotz aller Unterstellungen und Anschuldigungen bleibt er für viele ein angesehener und unumstrittener Gelehrter, der nicht nur in der Türkei, sondern auch in vielen anderen muslimischen Ländern zahlreiche Anhänger hat.

Auch in Deutschland zieht Gülen mittlerweile die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Zuletzt erschien im Spiegel der umfangreiche Artikel „Der Pate”. Darin werden der Gülen-Bewegung mafiöse Strukturen unterstellt.
Journalismus kann tatsächlich in eine hässliche und schmerzbereitende Form ausarten. Maximilian Popp, der den Artikel verfasst hat, ist ein junger, eifriger 26-jähriger Journalist. Durch die Macht und das Renommee seines Arbeitgebers hat er es geschafft, einen Gelehrten, der weltweit Ansehen und Respekt genießt, zum Mafiaboss und seine Anhänger zu Mafiosi zu erklären.

Ich kenne Maximilian Popp persönlich. Er hat mich vor etwa anderthalb Jahren kontaktiert und um ein Treffen gebeten. Sein Anliegen: Er wolle die Gülen-Bewegung näher erforschen. Wir haben unser Gespräch basierend auf seinen geringen Türkischkenntnissen, die er sich im Rahmen eines Istanbul-Aufenthalts 2007 angeeignet hat, überwiegend auf Türkisch, teilweise aber auch auf Deutsch geführt. Mir fiel auf, dass er weder eine Kamera, noch ein Diktiergerät dabei hatte. Auch machte er während des Gesprächs keinerlei Notizen. Ich dachte mir nichts weiter dabei, er musste anscheinend ein gutes Gedächtnis haben.

In einem seiner Fragen ging es um die Beziehung der Zaman zu Fethullah Gülen. Als ich ihm sagte, dass wir wöchentlich eine ganze Seite nur ihm widmen, war er erstaunt. Auch ich war erstaunt: Warum wusste ein so intelligenter Mensch, der diese Bewegung erforscht und studiert, davon nichts? Schließlich existiert diese Seite seit mehreren Jahren. Popp hatte scheinbar weder die Zeitung gelesen, noch ein Werk von Gülen.

Auch fragte er, wer mich aus der Türkei nach Deutschland versetzt habe. Ich antwortete ihm, dass dies auf Anweisung des neuen Chefredakteurs Ekrem Dumanli geschehen sei. Popp erwartete wohl als Antwort „Fethullah Gülen“. So hakte er verwundert nach. Ich sagte ihm: „Würdest Du den alten Chefredakteur noch in Deiner Nähe haben wollen, wenn Du der Neue bist?”

Dann wollte er wissen, warum ich Gülen unterstütze. Ich gab ihm zu verstehen, dass es nur sehr wenige Denker wie Gülen gebe und nicht nur die türkische Öffentlichkeit, sondern auch die Weltöffentlichkeit von seinen Werken profitieren könne. Genauso, wie die Deutschen zu Goethe, Schiller und Habermas halten, halten wir zu Gülen.

Seine Fragen waren bestimmt von Vorurteilen. In seinen Augen war Zaman nicht die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, sondern ein Gebilde, hinter dem eine kriminelle Organisation steht. Seine Verwunderung hielt an, als ich ihm erklärte, dass ich Journalismus studiert habe und all unsere Berichterstattungen als PDF-Dateien archiviert werden.

Popp besuchte mich vor etwa zwei Monaten ein weiteres Mal. Über seine türkischen Freunde habe er erfahren, dass wir einen negativen Artikel über seine Person veröffentlicht hätten. Als ich ihm sagte, er könne diesen Artikel auf unserer Internetseite gerne nachlesen, war er wieder erstaunt. Er wusste noch nicht einmal, dass „Zaman Deutschland” einen Internetauftritt hat. Er vergewisserte sich, dass der Artikel nicht negativ ist. Seine Meinung über uns, so mein Eindruck, hatte sich geändert. Nach einem gemeinsamen Tee verabschiedeten wir uns mit seinem Hinweis, dass sein Artikel über Gülen und die nach seinem Namen benannte Bewegung demnächst im Spiegel erscheinen werde.

Der Artikel ist nach fast 2-jähriger „Recherche“ letzte Woche erschienen. Ich werde nicht weiter auf Einzelheiten eingehen. Nur so viel: Popp zitiert Gülen, der gesagt haben soll, dass „ein Küken für seine Inkubation 40 Tage“ brauche. Abgesehen davon, dass das Zitat nicht stimmt, beträgt die Inkubationszeit 21, höchstens 23 Tage. Der Artikel, der 2 Jahre zur Inkubation auf dem Tisch Popps lag, hat nicht nur Aussagen verfälscht, sondern auch Zahlen. Der aus diesem Artikel kommende verdorbene Geruch gleicht dem Geruch, der aus einem Ei käme, das anstatt 21 vierzig Tage zur Inkubation lag: Der Geruch eines toten Kükens.

Sollten künftige Spiegelartikel ähnlich lückenhaft und wenig seriös recherchiert werden wie im Falle von Maximilian Popp, dann befürchte ich, dass der Spiegel zunehmend an Glaubwürdigkeit und Ansehen und somit auch an Leserschaft verlieren wird.