Qazid: Islamischer Feind 3 – „Gerade das ist Hip Hop!“

Der 29-jährige Rapper Qazid gilt als einer der letzten übrig gebliebenen Conscious MCs und ist in der Berliner Hip Hop Szene eine bekannte Größe. Bei Qazid ist der Name Programm: Qazid ist die männliche Form des arabischen Wortes Qaseeda (arabisch für Gedicht/Schmähgedicht). In seinen Texten behandelt der MC mit polnisch-palästinensischem Hintergrund oft kontroverse politische Themen, so etwa die Intifada, Medien-Manipulation oder Fremdenhass. Am Mittwoch erschien sein neuer Song „Islamischer Feind 3“. DTJ-Online traf den Berliner Künstler.

Qazid, beim Hören deines neuen Songs „Islamischer Feind 3“ fällt sofort eine aggressive Grundstimmung auf: Im Intro sind Aufnahmen von Terror-Anschlägen zu sehen, deine Stimme ist laut und wütend. Warum?

Im Vorspann sind nicht ausschließlich Bilder von Terroranschlägen zu erkennen, sondern auch Reaktionen bestimmter subalterner Volksgruppen auf hegemoniale Machtstrukturen. Aber ja, auch Bilder von Terroranschlägen wie 9/11 habe ich gezielt einbauen lassen, um zu Beginn eine gewisse Grundstimmung zu erreichen, die wenn man auf die Botschaft des Tracks eingeht, im Kontrast steht. Mir war es wichtig, dieses Stilmittel zu benutzen, da ich zu Beginn erst einmal dem Zuschauer eine gewisse plakative Schablone zur Verfügung gestellt habe, die der Großteil der Gesellschaft heutzutage mit „dem Islam“ assoziiert. Im Verlauf des Tracks wird klar, dass ich probiere eben diese Schablone zu entfernen und dem Hörer bzw. Zuschauer eine viel weitere, geistig offenere Sicht anzubieten.

Meine Stimme ist wie sie ist. Ich passe mich immer dem Grundtenor des Beats an und dem, was inhaltlich vermittelt werden soll bzw. was ich in dem Moment fühle, somit kann es sein, dass es emotionaler rüberkommt. Dies ist völlig beabsichtigt, vor allem bei diesem Track.

Mit Hip Hop und Rap verbinden viele Menschen Videos mit dicken Autos und schönen Frauen. Die Texte der meisten Rapper drehen sich um Kriminalität, Drogen etc. In deinem Song thematisierst du Imperialismus, Auslegung der Religion, Demokratie und Medien. Ist das noch Hip Hop?

Ja! Grade das ist Hip Hop! Das, was die meisten mit „Rap“ verbinden, sind lediglich die Auswüchse einer Industrie, die es geschafft hat, Rap soweit zu vermarkten und zu manipulieren, dass er vollkommen entstellt dargestellt wird und ähnlich der Perversion in unserer Konsumgesellschaft krampfhaft Konsumenten zu kreieren, dazu verpackt wurde, inhaltlos und stumpf zu klingen und rein gar nichts an seine Hörer zu vermitteln. Die Macher von „Rap“ haben nicht mehr die Intention, Hörer zu läutern, ihnen revolutionäre Sichtweisen zu vermitteln, ihr Denken zu erweitern, sondern ganz im Gegenteil, sie sind zufrieden mit dem manipulativen System, in das sie hineingeboren wurden und haben, ob bewusst oder unbewusst, gelernt daraus Profit zu schlagen (wobei der Großteil auch da nur einer imaginären Blase folgt). Der Industrie und auch der Politik, die unabdingbar verknüpft sind, kommt dies nur zu Gute. Weshalb also soll Musik mit Inhalten gefördert werden, wenn der Stumpfsinn sich einerseits vermarktet und zugleich damit eine Gesellschaft in ihrem Intellekt größtenteils unten und ruhig gehalten werden kann? Genau das ist eben niemals die Absicht von Hip Hop gewesen!

Wenn das kein Hip Hop ist, was ist es dann?

Hip Hop war ein Aufschrei, ein rebellischer Akt auf friedlicher Ebene, Menschen zu einem höheren Prinzip und Ziel zu einen. Gegen Unterdrückung und dem propagierten Gleichschritt. Es galt aus dem von Eliten geschaffenem täglichen Grau auszubrechen und etwas Individuelles zu schaffen. Echte Kunst!

Und was ist dann Rap?

Rap ist nur ein Teil dieser Kunst. Und genau aus diesem Grund thematisiere ich die essentiellen Aspekte in meiner Musik. Einfach weil ich dem Ursprung der Bewegung treu bleibe und keine Lust habe, mich wie ein Clown vermarkten zu lassen und zum Amüsements des Zeitgeists zu werden. Materialismus bzw. das Gieren danach spielt in meinem Leben sowieso eine nebensächliche Rolle. Deshalb würde ich meine Verse auch niemals dem anpassen, was vom Mainstream gefeiert werden könnte!

In deinen Texten spielt auch Religion immer wieder eine zentrale Rolle. Passt Religion und Hip Hop für dich zusammen?

Ob Religion zu Hip Hop passt oder nicht, ist schwer zu beantworten. Fakt ist, wenn Religion ein Teil deines Lebens ist und du authentische Musik machen willst, dann passt es! Dies aber, meiner Meinung nach, auch nur in einem gewissen Rahmen, der nicht störend für das eigentliche Ziel ist, welches du als MC verfolgst. Das heißt wenn ich zum Beispiel einen Track wie Islamischer Feind 3 mache, dann achte ich darauf, reflektierend und emphatisch meine Weltsicht zu vermitteln, ohne dass sich jemand anderes in seiner spirituellen Weltsicht oder Religion verletzt fühlt. Vor allem in heutiger Zeit ist Hip Hop auch ein gutes Werkzeug, um Menschen Aspekte von Religionen in friedlichen Botschaften näher zu bringen ohne predigend zu wirken, da Musik die Sprache der Welt ist und ich Musik auf jeder Sprache fühle, wenn sie real ist.

„Es wird nicht leichter wenn die falsche Demokratie uns versucht zu manipulieren…“ Diese Passage ist aus einem deiner Tracks. Ist Qazid demokratiefeindlich?

Zum Thema Demokratie kann ich sagen: Nur weil ich die Wahl habe, unter einer Elite von Industriellen und Bänkern zu wählen, die sich selbst „Politiker“ schimpfen, lebe ich noch lange nicht in einer Demokratie. Die derzeit geführte Politik ist in meinen Augen keine Demokratie, eher ein Diktat von Reichen für Reiche. Dem Volk wird lediglich eine Illusion geschaffen, in dem es glaubt, grundlegende Veränderungen mitbestimmen zu können, indem es irgendwelche „Vertreter“ wählt, die des Volkes konzipierte Meinung vertreten. Doch die einzige Meinung, die vertreten wird, ist die Meinung des Kapitals. Rap und Hip Hop ist mein Ausbruch aus diesem Mechanismus!

Du warnst vor Manipulation durch die Medien, durch die Politik. Gleichzeitig sagst du aber auch, „die Lüge sitzt in uns selbst“. Was meinst du damit?

Ich meine damit, dass wir jeden Tag und sei es nur im Kleinen, die Wahl haben aufeinander zu zugehen oder uns selbst spalten zu lassen. Es ist als Individuum in dieser Zeit sehr leicht, sich dem Extremismus hinzuwenden. Ich kann mich aber auch mit mir selbst, meiner Religion/Weltsicht und meiner sozialen Umgebung auseinandersetzen und versuchen, das Gegenteil vom Extremen zu leben, nämlich den Ausgleich zu suchen in allem was mich beschäftigt und für was ich lebe. Das ist der schwerste Kampf, den wir Menschen zu kämpfen haben! Eine Balance im Umgang miteinander zu finden. Davor scheuen sich die meisten!

Es wäre eine Selbstlüge sich beispielsweise als gläubigen Menschen zu sehen, aber im selben Atemzug den Tod an Unschuldigen durch Religionen (egal welcher) zu legitimieren. Das ist von Grund auf falsch. Einerseits, weil es KEINER religiösen Lehre in ihrem Kern folgt und zweitens, weil ich mich selbst dadurch zum Spielball der Obrigkeiten machen lasse, was einem mündigen und aufgeklärtem Menschen in Gänze widerspricht.

„Islamischer Feind 3“ zeichnet ein dunkles Bild der Realität. Wirst du irgendwann einen Song „Islamischer Freund“ schreiben?

Es zeichnet einen Großteil der Realität. Ob es dunkel ist oder nicht ist irrelevant, denn Fakt ist: Es ist Realität! Das ist wichtig zu verstehen. Denn wenn wir wollen, dass sie nicht mehr „dunkel“ ist, dann sollten wir alle was dafür tun. Wenn ich dann fühle, dass eine Veränderung statt gefunden hat, dann kann es auch sein, dass ich einen Track wie „Islamischer Freund“ schreibe. Doch wenn die Situation so sein sollte, dann stelle ich mir selbst als MC die Frage, ob es überhaupt noch nötig ist zu rappen, denn dann hätte ich als MC alles erreicht was ich wollte! Frieden und Freiheit für jeden Menschen! Wenn wir verstanden haben, dass wir alle Brüder und Schwestern sind, dann schreibe ich den „Islamischen Freund“. Doch bis dahin passt als Betitelung doch eher Islamischer Feind, nicht, um in eine Opferposition gedrängt zu werden, sondern vielmehr als ein Aufzeigen, dass die Stigmatisierung vorrangig des Islam und der Religionen in einem kapitalistischen System kein aufeinander Zugehen zu lässt und keinen Raum für eine „Freundschaft“ beziehungsweise friedlichen Dialog innerhalb aller Menschen und Glaubensvorstellungen fördert.