Radikale Minderheit in der Dauerschleife

Brennende Botschaftsgeb├Ąude, Hasstiraden gegen den Westen, ein w├╝tender Mob: Wenn man im Laufe der letzte Woche in die Zeitungen und Nachrichten blickte, str├Âmten vor allem diese Bilder und Informationen aus der islamischen Welt auf den Leser ein. Die Rechnung der Urheber des ÔÇ×Mohammad-VideosÔÇť schien aufgegangen zu sein: schamlose Provokation, die mit dumpfer Gewalt beantwortet wird.

Doch die Zahlen, die die amerikanische Politikwissenschaftlerin Megan Reif* in einer Ver├Âffentlichung zum Vergleich der Anzahl und Intensit├Ąt der derzeitigen Demonstrationen mit jenen w├Ąhrend des Arabischen Fr├╝hlings pr├Ąsentiert, werfen ein anderes Licht auf die j├╝ngsten Proteste. Die Zahl der Menschen, die f├╝r Demokratie und Freiheit in der arabischen Welt auf die Stra├če gingen, war zwar wesentlich gr├Â├čer als die Zahl der Demonstranten gegen das ÔÇ×Mohammed-VideoÔÇť, jedoch war die mediale Aufmerksamkeit f├╝r die Proteste gegen das Video in Relation dazu ungleich gr├Â├čer.

Reif beklagt bei der Berichterstattung der Medien einen Mangel an Objektivit├Ąt und warnt vor den Auswirkungen einer so ├╝berspitzten und verallgemeinernden Darstellung einer Region mit vielen Millionen Bewohnern.

Gewalt f├╝r kostenlose Sendezeit im Westen

Die Zahlen der Politikwissenschaftlerin beweisen, dass die ├╝berzogene mediale Berichterstattung ├╝ber die Proteste der letzten Woche es einer extrem kleinen radikalen Minderheit erlaubt, sich und ihre Propaganda in der (westlichen) ├ľffentlichkeit zu platzieren. Diese radikalen Gruppen nutzen jede Gelegenheit, um sich durch Anwendung von Gewalt mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen, da sie diese auf Grund ihrer unbedeutenden Mitgliederzahl und dem fehlenden R├╝ckhalt in der Bev├Âlkerung sonst nie erhalten w├╝rden.
Das in den westlichen Medien aufgebauschte, angebliche Verlangen der Muslime nach ÔÇ×RacheÔÇť f├╝r das ÔÇ×Mohammad-VideoÔÇť wird durch die realen Zahlen schlichtweg als l├Ącherlich entlarvt. So haben von den mehr als 80 Millionen in ├ägypten lebenden Muslimen Sch├Ątzungen zufolge nur etwa 2.500 Menschen gegen das blasphemische Mohammed-Video protestiert. Gegen Mubarak waren es im Vergleich dazu noch 250.000 Menschen.

Auch in anderen L├Ąndern der islamischen Welt war die Zahl der Demonstranten verschwindend gering. Und von den wenigen Personen, die auf die Stra├če gingen, war wiederum nur ein Bruchteil gewaltt├Ątig. Im Jemen demonstrierten 2000 Menschen gegen das Hassvideo. In Syrien waren es 500 und in Algerien gerade einmal 36. Aus Indien, wo immerhin die zweitgr├Â├čte muslimische Gemeinde der Welt lebt, wurden bislang noch gar keine Demonstrationen gemeldet.

Selbst im Iran, in dem es in der Vergangenheit mehrfach antiwestliche Massendemonstrationen und sogar Erst├╝rmungen von Botschaften gegeben hatte, fiel die Resonanz auf das Video unspektakul├Ąr aus. Von 74 Millionen Einwohnern muslimischen Glaubens gingen dort rund 5000 Menschen auf die Stra├če.

In Bengasi, wo vier amerikanische Botschaftsangestellte bei den ÔÇ×ProtestenÔÇť gegen das Video ums Leben kamen, st├╝rmten am Wochenende w├╝tende B├╝rger nach einer Friedenskundgebung die St├╝tzpunkte islamistischer Milizen. Diese Milizen sollen die eigentlichen Drahtzieher hinter dem Angriff auf das US-Konsulat gewesen sein und haben mit dem Angriff auf den in der libyschen Stadt beliebten US-Beamten jeglichen R├╝ckhalt in der Bev├Âlkerung verloren.

* Politikwissenschaftlerin an der University of Colorado