Ramadan in Istanbul: Einfach der Hammer!

Die Sonne geht fast unter. Ich lande gerade in Istanbul und will einen Tag des Ramadans im märchenhaften Istanbul verbringen. Mit einem Taxi fahre ich den Bosporus entlang. Mein Ziel: Der Stadtteil Eyüp.

Ich fahre etwa eine halbe Stunde lang mit dem Taxi, in dem ich mit dem Fahrer ausgiebig und wirklich viel über die türkische Politik rede. Der Blick aus dem Taxi, die ganze Fahrt lang: Auf jedem kleinen Punkt wird gegrillt. An der Küste sind Familien, die ihre Decken, Getränke und ihr Proviant mitgenommen haben. Ein wahnsinniger Anblick.

Geheimtipp Halit Paşa Konağı

Angekommen am Zielort erwartet mich eine überraschend schöne Atmosphäre. Die Menschen sind in Eile, wollen noch kurz vor dem Gebetsruf zum Abend einen schönen Platz auf dem Vorhof der spirituellen Eyüp-Sultan-Moschee ergattern. Reserviert habe ich im Halit Paşa Konağı, ein Geheimtipp in den Hinterhöfen des Eyüp-Platzes, unweit von der Moschee.

Ich hätte mein Fasten viel lieber wie die allermeisten Istanbuler beendet, auf dem bestmöglichen Platz unter freiem Himmel mit selbst gekochtem Essen. Aber ich bin ja gerade erst aus dem Flieger gestiegen. Deshalb begebe ich mich ins Halit Paşa Konağı. Hier gibt es, wie auch sonst üblich zum Ramadan, ein sogenanntes „Ramadan-Menü“. Damit ist hier aber kein Fast-Food-Essen gemeint. Das Menü in den Restaurants steht fest. Hier bekomme ich z.B. für 45 türkische Lira (ca. 15 €) das Gericht des Tages, vorher natürlich eine Suppe und im Anschluss eine Süßspeise. Datteln, Oliven, Käse und verschiedene Brote gehören zur Grundausstattung.

In anderen Restaurants ist ein anderes Menü zusammengestellt. Dies hat einen ganz praktischen und für mich auch sinnvollen Grund: Aus Erfahrung weiß ich, dass türkische Restaurants in Deutschland, zu Zeiten des Ramadan, meist mit den Kundenwünschen überfordert sind. Der eine will Hähnchen vom Grill, der andere eine Lamm-Pfanne. Und bei dem großem Andrang, vor allem an den Wochenenden, herrscht das reinste Chaos.

Unterbezahlte und überfoderte Kellner in Deutschland

Dabei muss man leider auch anmerken, dass in den türkischen Restaurants hier bei uns in Deutschland leider keine gelernten Kellner bedienen, sondern unzufriedene Mitarbeiter, die sich für ein schmales Budget regelrecht durch den Tag ackern. Dadurch wirkt die Organisation solcher Restaurants auf mich immer sehr hektisch und wenig organisiert. Vor meiner Istanbulreise war ich noch in der Kölner Keupstraße. Das oben geschilderte ist exakt passiert. Da die meisten Grill-Gerichte bevorzugen, hatte der überforderte Kellner die Lamm-Pfanne vergessen und wir mussten über 40 Minuten auf das Essen warten.

Jetzt aber ist die Konzentration auf unsere Teller in Istanbul gerichtet. Die Tagesmenüs sind rechtzeitig angerichtet und bereit zum Service.

Mein erster Eindruck: „Das Essen schmeckt fantastisch!“ Danach gönne ich mir einen türkischen Mokka. Wenn man gerade reist, bekommt einem der sogenannte „Erschöpfungs-Mokka“ wie eine halbe Stunde in der Sauna und der Stress ist verflogen. Meinen Durst auf Tee lasse ich für die späteren Stunden noch etwas zittrig warten. Davor soll das Gegessene erst einmal verdaut werden und übrigens kann man es besonders in Istanbul auch vorziehen, den Tee mit wundervollem Panorama zu kombinieren.

Ramadan-Festivals in Deutschland und der Eyüp-Basar: Kein Vergleich

Mit vollem Magen schlendere ich über den Basar von Eyüp. Klamotten, Bücher, Geschenkartikel… Hier findet man alles. Mir fällt bei dem Rundgang über den Basar auf, dass es hier keine laute Musik, auch keine Tanzdarbietungen gibt. Auf den Ramadanfestivals, die ich in Deutschland besucht habe, war dies ganz anders. Nicht wenige Freunde beklagten sich über die zu laute Musik. Für viele würde das Festival den Sinn des Ramadans nicht widerspiegeln. Viele beklagten sich über die unfairen und ausbeuterischen Preise. Andere wiederum verwandelten die Festivals glatt zu billigen Hochzeitsbörsen.

Für mich ist es eine gewohnte Situation. Wenn ich als fastender Muslim deutschen bzw. nicht fastenden Freunden begegne, dann wirken diese Freunde aus Respekt vorsichtig und zögerlich mit ihren Ess- und Trinkgewohnheiten. Bei einem Ramadan-Festival sollte man zumindest aus Respekt vor den Fastenden nicht vor Sonnenuntergang essen und trinken. Dieser Respekt hat mir dieses Jahr gefehlt.

In Istanbul ist das ganz anders. Es wirkt in erster Linie ungezwungen und natürlich. Kein Festivalgelände, das dementsprechend markiert wurde mit Grenzzäunen oder ähnlichem. Nach meinem Rundgang ertönt aus den Minaretten der Gebetsruf zum letzten Gebet des Tages. Für Muslime ist eigentlich dieser Ruf in der späten Nacht der Beginn des neuen Tages. Der Muezzin lädt in voller Leidenschaft zum Gebet ein. Man fühlt sich von der eindringlichen Melodie ganz und gar nicht gezwungen. Das Innere der Eyüp-Sultan-Moschee ist zu klein, um den Andrang der Gläubigen gerecht zu werden. Die Familien, die auf dem Vorhof der Moschee gegessen und danach ihren Tee getrunken haben, räumen nun in gewohnter Manier den Platz. Kinder tauchen plötzlich auf, die große Papierrollen für 1 Türkische Lira verkaufen. Die sind für diejenigen gedacht, die in der Moschee keinen Platz gefunden haben, um ihr Gebet verrichten. Der Anblick auf die tausenden betenden Menschen entzückt mich. Das kann man hier 30 Tage lang beobachten.

Mit der Seilbahn auf den Pierre-Loti-Hügel

Abschließend fahre ich mit der Seilbahn hoch auf den Pierre-Loti-Hügel. Pierre Loti war ein französischer Marineoffizier und Schriftsteller aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Er fand diesen Hügel am Fuße des Goldenen Horns vor und erbaute hier sein Domizil. Heute ist der Hügel einer der besten Orte für einen Çay. Der Tee schmeckt wohltuend, wenn man zusätzlich die Füße gen Goldenen Horn ausstrecken kann. Ein Muss für Jedermann. Der feine Dampf meines starken Tees entspannt meine Sinne.

Auf dem Weg zum Hotel begebe ich mich hiernach Richtung Stadtteil Feshane. Hier ist die Atmosphäre schon wieder eine ganz andere. Ob auf diese oder jene Art – den Ramadan erlebt man in Istanbul einfach ganz anders.

 

Der Artikel stammt aus dem Ramadan 2015.