Mitten aus dem Leben

Als ich mich zum ersten Mal als richtiger Deutscher fühlte

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Auf unserer diesjährigen Interrail-Reise haben wir aufgrund meines Filmprojektes viele Menschen aus ganz Europa, aber auch aus Übersee kennengelernt. Aus diesem Grund hatten wir in den verschiedenen Städten oft Gelegenheit, Insiderlocations ausfindig zu machen. Darauf komme ich vielleicht in den nächsten Beiträgen noch einmal zurück. Heute soll aber etwas anderes im Vordergrund stehen.

Die meiste Zeit (etwa zwei Wochen) unserer Bahntour durch Europa haben wir in Italien und Spanien (Andalusien) verbracht. In diesen beiden Ländern war auch das Wetter am schönsten. In Spanien war unsere erste Station Valencia, eine sehr schöne Küstenstadt. Hier besuchten wir die Ciudad de las Artes y de las Ciencias – die Stadt der Künste und der Wissenschaften – und die Altstadt. Nach dem üblichen Sightseeing gingen wir zur Herberge zurück, um unsere Sachen für die Fahrt nach Granada zu packen.

Im Gemeinschaftsraum der Herberge begegneten wir einigen neuen Freunden aus Deutschland. Nach einem zehnminütigen Gespräch verabschiedeten wir uns und machten uns auf dem Weg zum Bahnhof.

Im Nachtzug nach Granada wurden wir erneut von zwei Personen aus Deutschland angesprochen, da wir wie sie Deutsch sprachen. Genau in diesem Moment passierte etwas sehr Ungewöhnliches – etwas, das mir zuvor in Deutschland nie widerfahren war. Ich zitiere unsere Freunde im Zug: „[…]wir waren auch in dem Hostel und man hat uns gesagt, zwei Deutsche aus Berlin fahren heute auch noch nach Granada […]“.

Zwei Deutsche? Meinten Sie etwa uns? Ja! In diesem Augenblick wusste ich ehrlich gesagt nicht, wie ich mich fühlen sollte. Mich überkamen Berge von gegensätzlichen Gefühlen. War das ein Zeichen dessen, dass wir hier in Spanien als „Deutsche“ akzeptiert waren…? Oder war das nur ein Ausrutscher von zwei Wegbegleitern auf Zeit, die sich freuten, zwei anderen Menschen begegnet zu sein, die – wie sie – auch Deutsch sprachen…?

Wie dem auch sei: Es war auf jeden Fall ein besonderer Moment für mich. Es war ein Gefühl, dass man hier in Deutschland – egal ob man hier geboren ist oder aus der Türkei eingereist und hier aufgewachsen ist – selten vermittelt bekommt. In der Schule nicht, am Arbeitsplatz nicht und auch nicht in der Nachbarschaft: „Du gehörst dazu!“

Vertraute Sprache schafft Identifikation und Zusammenhalt

Meine Erfahrung ist, dass Deutsche im Ausland sich freuen, wenn jemand anderer auch Deutsch spricht. Auf unserer Reise erging es uns genauso, weil man andauernd in einer anderen Sprache (Englisch, Italienisch oder Spanisch) kommunizieren musste. Der einzige Unterschied war, dass wir uns auch gefreut haben, wenn wir türkischsprachigen Menschen begegnet sind.

Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass man zum Beispiel in Spanien oder insbesondere in Frankreich leider nur wenigen Menschen begegnet, die Englisch sprechen. So war das auf jeden Fall dieses Jahr bei uns.

Wie Marcel Marceau einst sagte: „Die Sprache ist natürlich im ersten Moment immer ein Hindernis für die Verständigung“. Jedoch ist sie gleichzeitig für viele Menschen die Verbindung zur eigenen Identität. Genau in diesem Punkt spürt man eine Nähe zu der Person, die in einem fremden Land die eigene Sprache spricht. So denke ich, wurden wir auf- und wahrgenommen, ohne dass man bei uns auf andere Kriterien geachtet hätte.

Zum Schluss noch eine Empfehlung: Wenn wir schon bei dem Thema Begriffe für Deutsche aus Einwandererfamilien angelangt sind, empfehle ich den neugierigen Lesern unter euch das Buch von Omid Nouripour, „Kleines Lexikon für MiMiMis und Bio-Deutsche“. Der „deutsch-iranische“ Politiker der Grünen zählt hier die Begriffe auf, die für Deutsche verwendet wird, deren Eltern nach 1949 in die Bundesrepublik eingewandert sind.