Respekt vor anderen nicht durch Gesetze, sondern Gewissensbildung

Wo liegen die Grenzen der Meinungs채u횩erungsfreiheit? Was ist ein Hassverbrechen? Ist der Islam eine Religion, die Terrorismus und Gewalt hervorruft, oder ist das eine L체ge?

Sollen jene, die an eine solche L체ge glauben, daf체r verwarnt oder bestraft werden? In letzter Zeit gab es zu diesem Themen jede Menge Debatten, insbesondere im Angesicht der Reaktionen, die ein Amateurfilm nach sich gezogen hatte, der zuerst Panik und dann handfeste, f체rchterliche Attacken anzustacheln vermochte.

Die Empfindlichkeiten

Ich denke, es stellt einen unterbewerteten Aspekt hinsichtlich menschlicher Emotionen und menschlicher Ethik dar, Akte der Herabw체rdigung und Ver채chtlichmachung im Hinblick auf gewisse Dinge zu beobachten, die wir nicht m철gen und denen wir nicht zustimmen, und sich die Frage zu stellen, ob es in einem 얰erbrechen enden wird oder nicht.

In diesen Tagen werden wir Zeugen des Funktionierens eines Mechanismus der 얙estrafung, an den wir uns gew철hnt haben und den wir sogar unterbewusst internalisiert haben. Diese Politik der Bestrafung kann verbal wie mittels des geschriebenen Wortes geschehen und bis in den Tratsch am nachmitt채glichen Kaffeetisch, im Klassenzimmer, am Arbeitsplatz oder in der Milit채runterkunft reichen. Menschen k철nnen auf Grund ihrer ethnischen Herkunft, Religion, 횥berzeugung oder sogar auf Grund von Dingen ausgegrenzt und entfremdet werden, die sich in ihrem Schlafzimmer zutragen, oder blo횩 auf Grund der Tatsache, dass man blonde Haare hat; aus Beleidigungen k철nnen Schl채ge und Tritte werden und manchmal k철nnen Menschen in Mitten der Verunsicherung sogar get철tet werden.

Die Toleranz, 체ber die wir oft in der T체rkei sprechen und im Wesentlichen geht es um die Nichtausgrenzung von Menschen auf Grund ihres Namens, ihrer 횥berzeugung, ihrer Kleidung usw. genauso wie um die Nichtausgrenzung dieser Menschen wegen ihrer religi철sen 횥berzeugung und darum, sie nicht davon abzuhalten, nach ihren eigenen Vorstellungen leben zu d체rfen ist nun schon seit langer Zeit das Thema einer wechselvollen Debatte, die gepr채gt ist von einer Rhetorik 체ber 엀as, was aus den Werten dieser Nation und dieser Republik werden w체rde.

Als Nichtt체rke war ich fast von Kindesbeinen an Versuchen ausgesetzt, mich als 엀en anderen darzustellen. Meine Gef체hle w체rden nicht nur durch die Beleidigungen und das Verhalten verletzt, das man mir entgegenbrachte, sondern vielmehr durch diejenigen, die das alles mit angesehen und 밽eh철rt hatten und trotz allem ihre Stimme nicht dagegen erhoben hatten. Die Folge war, dass ich immer sehr negativ auf Menschen reagiert habe, die andere wegen Unterschiedlichkeiten verletzt hatten, die sie zwischen sich und ihnen ausgemacht hatten. Und w채hrend manchmal Gesetze geschafft hatten, manche dieser Beleidigungen oder verbal oder geschriebene Attacken in die Schranken zu weisen, gab es auch Zeiten, da hasserf체llte Reden einer Nachbarin schon ausgereicht hatten, um mich zu kr채nken.

Von einem sehr jungen Alter an wird uns, unabh채ngig von der Tatsache, dass Konzepte wie 얪rivatleben oder 얝ntscheidungen mit uns nicht diskutiert werden, wenn wir Kinder sind, jene Wahrheit beigebracht, die immer wieder im sp채teren Leben zu Vorf채llen und Angriffen f체hrt: Das gesamte Konzept von 얰erschiedenheit und 얛iversit채t, das uns nicht beigebracht wird, und das wir deshalb nicht verstehen, hat etwas mit der Idee der Heiligkeit der Entscheidungsfreiheit zu tun, die zu verstehen uns dadurch auch unm철glich gemacht wird, und die wir in weiterer Folge auch nicht als essenziellen Wert im Leben begreifen.

Man ersetze nicht ein Klischee durch ein anderes

Es gibt heute noch viele Menschen, die ausgegrenzt und entfremdet werden, weil sie nicht in das soziale Bild passen, das einer sehr erheblichen Anzahl von Menschen vorschwebt. Dabei handelt es sich um ein soziales Bild, das nicht einmal eine ideologische Basis in irgendeinem Sinne aufweist, dessen Erschaffung aber auf einige sehr oberfl채chliche Revolutionen zur체ckgeht, die in Europa arrangiert wurden und deren Auswirkungen manche gerne unserer Gesellschaft aufdr체cken wollen. In Kreisen, in denen es als der heiligste Wert angesehen wird, einfach nur 엢estlich zu sein, ist es eine bedauerliche F체gung, dass religi철se oder ethnische Freiheiten nicht auf der Liste der generellen Freiheiten stehen. Es gibt Menschen, die es nicht begreifen, dass es essenzielle Freiheiten sind, nach seinen eigenen Glaubensvorstellungen leben oder seine Muttersprache sprechen zu k철nnen.

Es gab und gibt viele, viele Individuen und Gruppen in der T체rkei, die ausgegrenzt, entfremdet, verletzt, Druck ausgesetzt oder kollektiv bestraft wurden, nur auf Grund der Tatsache, dass sie 얷nders sind. Ich denke nicht, dass es unvern체nftig w채re, w체rden diese Menschen und Gruppen versuchen, einander besser kennen zu lernen oder einander sogar wechselseitig zu besch체tzen und zu helfen. Ein wichtiger Punkt, der auf dem Weg zur 얛iversit채t unbedingt zu beachten ist, ist, dass Social Engineering, dessen Ziel es ist, die 얷lten lediglich durch 엖eue Einheitsmenschen zu ersetzen, ein absolutes Unding sein muss. Wir haben es gar nicht n철tig, die alten verbotenen, schmerzvollen und klischeeerf체llten Bilder durch unsere eigenen abzul철sen. Wir m체ssen nur unser M철glichstes tun, um jedwede Art der Initiative dabei zu unterst체tzen, ihren Weg nach ihren Vorstellungen gehen zu k철nnen.

Ehrliche Schritte

Wir m체ssen mehr ehrlich gemeinte Schritte unternehmen, um sicher gehen zu k철nnen, dass die positive Ereignisse, die sich in den letzten Jahren im Rahmen des 쏡ialogs der Religionen vollzogen hatten, nicht nur den Zweck erf체llten, Bilder zu produzieren, die man in Werbebrosch체ren der Stadtverwaltung von Istanbul abdrucken konnte. Vorf채lle wie im letzten Oktober, als ein Taxifahrer auf eine Mitfahrerin einschlug und sie als 얤afir beschimpfte, als er entdeckte, dass sie Armenierin war, geben uns das Gef체hl, manchmal w체rden wir 엛eligi철se Sensibilit채ten nur im Einklang mit bestimmten Bedingungen analysieren. Das Gleiche ist, wenn Menschen durch Nachbarn bel채stigt oder bedr채ngt werden; wenn nichts geschieht, um die Situation zu kl채ren, gewinnen sie den Eindruck, sie h채tten keine Wahl, als ins Ausland zu ziehen, und auch das verst채rkt den Eindruck, 엛eligi철se Sensibilit채ten w채ren nur f체r bestimmte Menschen von Bedeutung.

Es gibt ein einfaches und entscheidendes Thema be idem wir wirklich zu einer einhelligen 횥bereinstimmung kommen m체ssen, wenn wir in der Lage sein wollen, miteinander in Frieden zu leben: Einander nicht zu verletzen. Und 체ber diese Verpflichtung, den anderen nicht zu verletzen, hinaus, ist es genauso wichtig, f채hig zu sein, unsere Besonnenheit zu wahren, wenn wir verletzt werden und es zu vermeiden, als Reaktion darauf unbedachte, schnelle und unausgegorene Entscheidungen zu f채llen.

Vor einigen Jahren, als der Autor Can Y체cel, den ich sehr sch채tze, 체ber die Jungfrau Maria geschrieben hatte, zog das Thema reichlich Kritik nach sich. Als man ihn darauf ansprach, dass manche Christen sich durch das, was er schrieb, beleidigt f체hlten, antwortete er: 얱ie viele Armenier gibt es denn in der T체rkei, und wie viele k철nnen lesen? Diese Antwort hat mich sehr traurig gemacht. Mein Gef체hl der Kr채nkung hatten nicht nur damit zu tun, wie ein Mensch, der selbst einen religi철sen Glauben hat, etwas herabw체rdigen k철nnte, was anderen heilig ist, sondern auch, wie er in einem Land, in dem so viele Armenier leben, die ihn verehren, 체ber diese so ignorant urteilen k철nnte.

Muslime, die verletzt wurden und selbst verletzen

In letzter Zeit haben wir aus aller Welt Ereignisse verfolgen m체ssen, die zeigen, wie Muslime verletzt und beleidigt wurden, vor allem von denjenigen, die es gerade als ihr Ziel betrachten, sie zu treffen. Leider waren viele Muslime in dieser Situation nicht in der Lage, ihre Besonnenheit zu wahren, was Attacken zur Folge hatte.

Heute werden in der T체rkei viele Muslime durch die Worte beleidigt, die Sevan Nishanian schrieb. Die w체tenden Reaktionen reichten von 얭evan sollte zwangsausgewiesen werden bis zu 얥asst uns den Armeniern zeigen, was Sache ist. Gleichzeitig aber sind jene, die tats채chlich beleidigt wurden, zwar traurig, aber sie sagen kein Wort: Es ist klar, dass sie traurig macht, wie jemand diese Worte sprach, mit dem sie Hand in Hand gearbeitet hatten, um der T체rkei Ver채nderung zu bringen. Sevan schrien seine entzweienden Worte zwar unter seiner Identit채t als Armenier, aber noch eher als jemand, der 엒eine guten Beziehungen zum Islam habe. Zur gleichen Zeit waren diejenigen Kr채fte, die unf채hig sind, sich selbst mit den nur noch wenigen Armeniern im Land abzufinden, einmal mehr in der Lage, diesen Vorfall in die Kategorie 얷rmenischer Verr채ter zu dr채ngen.

Grundlegende Rechte und Freiheiten, Gerechtigkeit, Gesetze und Regeln sind vitale Normen f체r eine demokratische Gesellschaft, aber wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, denke ich, dass wir uns entsprechend unserer menschlichen Emotionen und unseren Moralauffassungen verhalten sollen. Eine Person, die beschuldigt wird, ein 얡assverbrechen begangen zu haben, ins Gef채ngnis zu werfen, mag eine Strafe f체r diese Person herbeif체hren, aber l철scht nicht den Hass aus seinem Herzen. Meine Freunde, ich glaube nicht, so weit gehen zu wollen, andere zu beleidigen um meiner 얟edankenfreiheit willen. Bei allem Verst채ndnis daf체r, religi철sen Glauben auf den Pr체fstand stellen oder Dinge, die einem anderen heilig sind, in Frage zu stellen: ich akzeptiere selbst die Farben, die jemand liebt. Lass diese Person Rot lieben, w채hrend Du Blau magst. Ich unterst체tze weder die Herabw체rdigung oder Beleidigung von Rot, noch das 체bertriebene Preisen des Blaus.

Es gab eine Versammlung auf dem Istanbuler Taksim-Platz, um dem Massaker an den Armeniern im Jahre 1915 zu gedenken. Es war eine Versammlung, an der selbst einige Armenier Angst hatten, teilzunehmen, aber nichtsdestotrotz hat sich eine Gruppe geweigert, Konzessionen zu machen und ist an diesem Tag aufmarschiert, obwohl viele 얪atrioten und 얭ozialisten sie als 얡andlanger des Imperialismus beschimpften. Was umso beachtlicher ist: In dieser Gruppe waren Muslime. Junge M채dchen mit Kopft체chern sa횩en Arm in Arm bei uns und junge muslimische M채nner hielten Poster und Schilde hoch. Ich kann mich gut daran erinnern, welches Gef체hl der St채rke und Hoffnung die blo횩e Anwesenheit dieser Mitstreiter uns an jenem Tag verlieh, die sich uns anschlossen mit dem Ziel, unseren eigenen Schmerz nachzuvollziehen, einen Schmerz, der durch die offizielle Geschichtsschreibung des Landes nicht akzeptiert wird.

Ich unterst체tze die Idee, dass Menschen nicht auf Grund von Gesetzen oder irgendwelchen 얤onzepten von Freiheit den Glauben anderer Menschen respektieren, sondern weil ihr Gewissen es ihnen gebietet. Meine Absicht ist es, zu sch체tzen, was anderen Menschen heilig ist, wie das, was mir selbst heilig ist. Ein Wert, der sich mit deinen eigenen Gedanken und 횥berzeugungen nicht 체berlappt, sollte Dir zuerst und vor allem deshalb wichtig sein, weil Dein Freund ihn f체r wichtig halten und an ihn glauben k철nnte; am Ende ist ja das, was dabei wirklich wichtig ist, Dein Freund.

* Aline Ozinian ist Doktorandin an der Politikwissenschaftlichen Fakult채t der Staatlichen Universit채t Eriwan. Parallel dazu ist sie Regionale Projektkoordinatorin des Kaukasischen Business- und Entwicklungsnetzwerks (CBDN) sowie Presse- und PR-Koordinatorin des Rats f체r T체rkisch-Armenische Businessentwicklung (TABDC). Sie hat bereits mehrere Studien zu den t체rkisch-armenischen Beziehungen verfasst und ist politische Analystin f체r die 얶aman.