Schröder-Effekt vor der US-Wahl?

Mittlerweile ist der Hurrikan „Sandy“ zu einem Tropensturm heruntergestuft worden. Es bleiben trotzdem 16 Tote, Schäden in Millionenhöhe in mehreren Staaten entlang der Ostküste und die Angst vor weiteren Böen, die im Moment das öffentliche Interesse in den USA beherrschen und sogar den Präsidentschaftswahlkampf in den Hintergrund treten lassen. Beide Kandidaten haben Wahlkampftermine abgesagt, engagieren sich bezüglich der Koordination von Hilfsmaßnahmen und fordern die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten auf, den Anordnungen der lokalen und bundesstaatlichen Autoritäten Folge zu leisten.

Bei aller Anteilnahme am Schicksal der Betroffenen lassen sich allerdings so knapp vor der Wahl Spekulationen über mögliche Auswirkungen auf den Tag der Entscheidung am nächsten Dienstag nicht vermeiden. Insbesondere in Deutschland werden Erinnerungen an 2002 wach, als ein in den Umfragen weit zurückliegender Kanzler Schröder wenige Wochen vor der Wahl an Oder und Elbe bei den Flutopfern präsent war und nicht zuletzt durch sein beherztes Anpacken das Unmögliche noch einmal möglich machte und seine Mehrheit am Wahltag verteidigen konnte.

Könnte Präsident Obama, der derzeit in nicht wenigen Umfragen (z.B. bei Rasmussen oder Gallup) zum Teil weit hinter seinem Herausforderer zurückliegt, mit einem ähnlichen Auftreten diesen „Schröder-Effekt“ in den USA wirksam werden lassen?

Angesichts der Tatsache, dass sein Herausforderer nicht wie dereinst Edmund Stoiber im Urlaub weilt, sondern ebenso wie Obama seine Aufmerksamkeit auf die Katastrophe richtet, wiederholt sich dieser Teil der Geschichte nicht. Was Obama allerdings zweifellos indirekt helfen könnte, ist, dass vor dem Hintergrund der Katastrophe die Enthüllungen über ein mögliches massives Fehlverhalten der Verantwortlichen für die Botschaftssicherheit in Benghazi aus dem Fokus des öffentlichen Interesses verschwinden.

Demokraten versuchen ihrerseits, frühere Forderungen Mitt Romneys, die nationale Katastrophenschutzbehörde FEMA abzuschaffen, gegen ihn zu verwenden. Allerdings ist deren Beliebtheit in der Bevölkerung enden wollend, man verlässt sich regelmäßig im Fall des Falles eher auf die Nationalgarde und auf die staatlichen Milizen.

Auch die vor allem von progressiven Medien gepflegte Darstellung, der Sturm wäre eine Folge eines von Menschen verursachten Klimawandels, dürfte Obama nicht wesentlich nützen. Zum einen ist die Skepsis gegenüber der These einer „menschengemachten Erderwärmung“ in der US-Bevölkerung wesentlich höher als beispielsweise in Europa, zum anderen war auch Obama nicht bereit gewesen, im Rahmen der zahlreichen UN-Gipfel die USA auf verbindliche Klimaschutzziele zu verpflichten.

Der Wirbelsturm an der von jeher wirbelsturmgeplagten Ostküste der USA wird also in erster Linie den Wahlkampf selbst in den Hintergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit drängen, ohne ihn jedoch in relevanter Weise zu Gunsten der einen oder anderen Seite zu beeinflussen.
Christian Rogler