Schweinsteiger-Abschied: Die Türken lieben die Extreme

Vor wenigen Tagen bekam Bastian Schweinsteiger im Rahmen eines Tests sein persönliches Abschiedsspiel in der deutschen Nationalmannschaft. Über die Bedeutung und den Wert des Sieges gegen Finnland lässt sich streiten, aber Schweini bekam auf jeden Fall seine Minuten, die er mit ehrlichen Tränen verewigte. Es war sein 121. und letztes Länderspiel. Unvergessen wird jenes WM-Finale gegen Argentinien bleiben, in dem er wie ein Stehaufmännchen immer wieder zurückkam und seine Mannschaft zum Titel kämpfte.

Auch Lukas Podolski, der mittlerweile in der Türkei bei Galatasaray spielt, hat seinen Rücktritt erklärt. Nur aufgrund seiner Verletzung war er gegen Finnland nicht dabei, sonst wäre es wohl ein doppelter Abschied gewesen. Poldi soll aber noch seinen Test bekommen, wahrscheinlich im März, erklärte Bundestrainer Löw.

Nahezu alle verdienten Spieler wie Schweinsteiger und Podolski bekamen in der Vergangenheit ihr Abschiedsspiel. Eine Ausnahme stellten nach der WM Miroslav Klose und Philipp Lahm dar, die eine solche Partie nicht haben wollten. Sie wurden vor einer Partie in „zivil“ verabschiedet.

Wirft man einen Blick auf die türkische Nationalmannschaft, vermisst man einen solchen Abschiedskult von verdienten Spielern.

Die Beispiele Reçber und Şükür

Dazu muss man sagen, dass es oft auch die Spieler selbst sind, die den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft verpassen. So etwa ein Rüştü Reçber, der zu seinen besten Zeiten das Prädikat „Weltklasse“ verdiente, in der Folge jedoch öfter zwischen Genie und Wahnsinn pendelte als dass er ein sicherer Rückhalt war. 2008 kam er bei der EM als Ersatz von Volkan Demirel doch noch zu zwei Einsätzen, wobei er mit kapitalen Fehlern das Aus gegen Deutschland im Halbfinale verschuldete. Doch anstatt danach seinen Rücktritt zu verkünden, machte er mehr schlecht als recht weiter. Immerhin: 2012 wurde er tatsächlich als einer von wenigen Spielern im Rahmen eines Testspiels offiziell verabschiedet. Er ist mit seinen 120 Einsätzen für die Türkei noch heute Rekordspieler.

Ein anderer, beinahe grotesk anmutender Fall ist Hakan Şükür. Die Fußball-Legende ist der Rekordtorschütze der türkischen Nationalmannschaft. Dennoch brachte ihm selbst dieser Titel keinen würdigen Abschied ein. Bereits bei der WM 2002 war zu sehen, dass Şükür seinen Zenit überschritten hatte. Er machte im Anschluss weiter, es folgten Enttäuschungen 2004 und 2006, hinzu kam der Zwist mit Ersun Yanal, der ihn zwischenzeitlich nicht berief. Dass die Politik in diesen Tagen versucht, Şükürs Lebenswerk aufgrund seiner politischen Meinung zu zerstören, passt hier nur ins Bild. Man kann ihn sicher für seine Ansichten kritisieren, aber seine sportlichen Verdienste werden ein für alle mal bleiben.

Und wie sieht es aktuell aus? Auch wenn der Vergleich mit Rüştü und Şükür hier nicht ganz zutrifft, zeigen die Beispiele von Arda Turan, Selçuk İnan oder Burak Yılmaz, dass wir nicht aus unseren Fehlern lernen. Alle drei wurden vergangene Woche von Trainer Fatih Terim regelrecht abgesägt. Hintergrund ist der Prämien-Streit, der bereits im Vorfeld der Europameisterschaft für enorme Unruhe gesorgt hatte.

Hass, Liebe und wenig in der Mitte

Während man die Ausbootung von İnan und Yılmaz auch mit sportlichen Argumenten rechtfertigen könnte, fällt das bei Turan außerordentlich schwer, ist er doch mit nahezu 100 Länderspielen der derzeit einzige echte Superstar, den die Türkei hat. Auch wenn er eine schwache EM gespielt hat – wie übrigens fast alle anderen türkischen Nationalspieler auch – so hat er sich doch in der Vergangenheit mit seinen guten Leistungen einen Namen gemacht und ist außerdem derzeit beim FC Barcelona in bestechender Form. Es scheint ausgeschlossen, dass er in absehbarer Zeit wieder eine Einladung erhält. Voraussetzung wäre wohl, dass Terim nicht mehr Trainer ist.

Wir schaffen es leider einfach oft nicht, die Mitte zu finden. Entweder vergöttern wir jemanden, oder wir hassen ihn abgrundtief. Oder aber wir hassen jemanden, obwohl wir ihn früher vergöttert haben. Vergessen all die Dinge, die in der Vergangenheit waren. Wir tun uns schwer, unser Temperament zu zügeln. Das ist nicht nur beim Fußball so. Ganz ähnlich verhält es sich auch in Politik und Gesellschaft. Ich denke nicht, dass das gesund ist. Es gehört zu uns, damit müssen wir leben – aber wir müssen auch daran arbeiten.

Es lohnt sich, einen Satz, der auf den Kalifen Ali zurückgeht, immer wieder in Erinnerung zu rufen: „Übertreib es nicht in der Freundschaft, denn Dein Freund könnte eines Tages zum Feind werden, übertreib es aber auch nicht in der Feindschaft, denn Dein Feind könnte eines Tages auch zum Freund werden.“