Spuren des Islam in der russischen Literatur

Die Beschäftigung großer russischer Dichter und Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts mit dem islamischen Erbe fasziniert bis heute. Ein Blick in ihre Werke belegt ein beeindruckendes Interesse an dieser heute missverstandenen Religion. Prof. Hacılı, stellvertretender Rektor der Slawischen Universität in Baku, weist darauf hin, dass in den Werken von Puschkin, Dostojewski, Gogol, Bunin und Nabokow, der Koran und das Leben und Wirken des Propheten Mohammed positiv geschildert werden.
Leo Tolstois Weltanschauung
Leo Tolstois Abhandlungen über den Propheten Mohammed wurden 1909 vom Poresdnik Verlag unter dem Titel „Die Sprüche von Mohammad, die nicht im Qur`an enthalten sind“, veröffentlicht. Mit diesem Werk machte er russische Leser mit den Gedanken und Überlieferungen des Propheten Mohammed vertraut. Lange Zeit war diese Arbeit nur wenigen bekannt. Erst durch die türkische Übersetzung der Abhandlung wurde 2005 eine heftige Debatte um die Weltanschauung des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi entfacht.
Über die Weltanschauung Tolstois, der sich lebenslang auf der schmerzhaften Suche nach der Wahrheit befand, macht Hacılı folgende Bemerkung:
„In seinen philosophischen Ansichten und Arbeiten über Gott, die Seele und den Sinn des Lebens spielt die Beschäftigung mit dem islamischen Erben eine wichtige Rolle. Der Dichter hatte Kontakt mit wichtigen muslimischen Intellektuellen und Scheichs, die seine Werke inspiriert haben. Für viele Russen seiner Zeit blieb Tolstois Geist jedoch in vielen Fällen unverstanden. Er wurde exkommuniziert und viele seiner Freunde wandten sich von ihm ab. Einige, vor allem Liberale und Ästheten, betrachteten ihn als wahnsinnig und geistesschwach wie Gogol. Andere, Revolutionäre und Radikale, sahen in ihm einen Mystiker, der zu viel redet. Die Offiziellen hielten ihn für einen bösartigen Revolutionär und die Orthodoxen für einen Teufel. Tolstoi gesteht, dass dies hart für ihn war: „Und daher, betrachten sie mich als einen gut gläubigen Mohammedaner, und alles wird gut werden.“
Gogol: Begeistert von Kalif Harun ar-Raschid, dem Rechtgeleiteten
Asif Hacılı widmet sich auch dem russischen Schriftsteller Nikolai Gogol (1809-1852) und seinem Verhältnis zum islamischen Erbe. Das Leben und Wirken des Propheten Mohammed sei laut Gogol für die Blütezeit der arabisch-islamischen Kultur verantwortlich. 1831 lernte Gogol den Dichter Alexander Puschkin kennen, der ihm den Weg in die russische Literatur wies. Puschkin wurde sein Freund und verschaffte ihm die Professor am Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte an der Universität Sankt Petersburg. Gogol begann zu schreiben. In einer Vorlesung behandelte Gogol seinen Artikel mit dem Titel „Al-Mamun“, der eine Abhandlung über die Organisation und Struktur eines Staates ist. Bewundernd erzählt Gogol von dem Kalifen Harun ar-Raschid, den er als Philosophen, Politiker, Krieger und Literaten beschreibt. In dieser Vorlesung ist auch der russische Nationaldichter und Begründer der modernen russischen Literatur Alexander Puschkin anwesend.
Wladimir Nabokow: „Die Augen des Propheten Mohammed zerstreuten Licht.“
Der „Meister der Postmoderne“, Wladimir Nabokow, schrieb 1918 im Exil das Gedicht „Stiller Abend“. Er war nach der Oktoberrevolution mit seiner Familie nach Westeuropa geflüchtet. Von den Eindrücken aus der türkischen Metropole erzählt der russische Exilant in seinem Gedicht von Istanbul und dem Propheten Mohammed:
„Die Nacht ist still, ich warte auf eine Antwort/ Die Augen von Mohammed zerstreuen Licht/ Über dem orangefarbenem Strich…/ Die Kuppel, das Minarett zerstreuen Licht/ Wahnsinnig warte ich auf eine Antwort.
Im Feuer der Sehnsucht/ Der Muezzin hat sein Lied beendet/ Die Rosen/ Verwelken in der Höhe/ Ich rufe zu/ Es gibt keine Antwort…“
Der russische Autor hat in Eminönü oder Sultanahmet sehr oft den Gebetsruf gehört, vermutet Hacılı. Mit dem Muezzin, der sein Lied beendet haben soll, ist der Gebetsruf gemeint. In älteren Reiseberichten wird der Gebetsruf auch als ein Lied, dass der Stadt vorgetragen wurde, wahrgenommen.
Fjodor Dostojewski: „Bruder, schick mir einen Koran.“
Die Puschkin-Rede, die Fjodor Dostojewski anlässlich einer Einweihungsfeier für ein Puschkin-Denkmal in Moskau gehalten hatte, sieht Hacılı als Indiz für die Beschäftigung Dostojewskis mit dem Islam. In seiner Rede versucht Dostojewski zu beweisen, dass Puschkin der wahre Vertreter des Russentums sei. Dostojewski glorifizierte Puschkin als stärkste russisch-nationale Kraft. Er ging auch auf die Werke ein, die islamische Elemente beinhalteten, so wie auf das Gedicht „Eine Nachahmung des Koran“ und weitere aus dieser Serie. Dostojewski stellte fest, dass Puschkin die islamische Gefühlswelt beherzigt habe. Mit dieser Rede habe Dostojewski auch seine Sicht zum Islam kundgegeben.
Dostojewski mahnte seine Zuhörer: „Wir sollten nicht vergessen, dass wir Russen nicht nur Europäer, sondern auch Asiaten sind.“ Zentralasien und seine positive Annäherung an die Muslime spielen in den Werken Dostojewskis eine große Rolle, so wie in den Romanen „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Traum eines lächerlichen Menschen“ und „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. In seiner Verbannungszeit in Omsk in Sibirien lernte er die kasachische Bevölkerung und deren islamische Tradition und Glauben näher kennen. Bevor er seine Militärpflicht im Rahmen seiner Verbannung (1854-1859) in Semei, einer Großstadt im Osten von Kasachstan, antrat, bat er seinen Bruder in einem Brief, ihm einen Koran zu schicken. Noch zur Zeit seiner Verbannung entstand sein Roman „Aufzeichungen aus dem Totenhaus“ (1860). Dostojewski porträtiert vor allem die moralischen und psychologischen Merkmale der muslimischen Figuren in dem Buch. Ähnlich gehe er, laut Hacılı, in dem ersten der großen Romane, „Schuld und Sühne“ (in neueren Übersetzungen „Verbrechen und Strafe“), vor. In der Geschichte geht es um den heruntergekommenen und armen Studenten Rodion Raskolnikow, der aus Hochmut zum Mörder wird und sich in der Folge zu einem besseren Menschen entwickelt. Die Erlösung seiner Seele sieht Raskolnikow in der Nachahmung der Lebensweise der kasachischen Nomaden. Zugleich ist der Roman, unterstreicht Asif Hacılı, ein Abbild von Dostojewskis eigener Wandlung vom Revolutionär zum Gläubigen.
Alexander Puschkin: „Schwör beim Abendgebet…“
Im Buch bringt der Teil über Alexander Puschkin, russischer Dichter und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, den Leser am meisten zum Staunen. Die muslimische Kultur und die arabische Dichtung wurden von Puschkin hoch angesehen, ein Gefühl, das in vielen seiner Werke zum Tragen kommt.
Gerade die Jahre des kaukasischen Exils sind für Puschkin von einer fruchtbaren Arbeit geprägt. Im Exil lernt er die muslimische Kultur näher kennen. Bis dahin wurde Puschkin bis zu einem gewissen Grad von den Vordenkern der Aufklärung wie Voltaire und Epikurs Lehre beeinflusst. In seinen Werken dominieren die Gefühle wie Einsamkeit und Sinnlosigkeit des Lebens. Seine Erfahrungen veranlassten ihn, einige seiner Sichtweisen in geistigen Fragen zu verändern. Um einen Ausweg aus dieser spirituellen Krise zu erreichen, fing er an, eine russische Übersetzung des Koran zu lesen, die aus dem Französischen stammte. Kurz danach, im Herbst 1824, schrieb er das epische Gedicht, „Eine Nachahmung des Koran“.
Asif Hacılı betont, dass Puschkin in dieser Reihe von Gedichten, Themen aus der Übersetzung des Korans herausgriff, um die Leser emotional und intellektuell zu treffen. Er war ein großer Bewunderer des Propheten Mohammed und des Koran, fügt Hacılı hinzu. Ein Gedicht Puschkins aus dieser Reihe beginnt wie folgt:
„Ich schwör auf grad und ungerade/ Ich schwör aufs Schwert, gerechten Kampf/ Ich schwör auf Morgensternes Strahlen/ Und aufs Abendgebet.“
Hacılı geht davon aus, dass sich Puschkin mit der Auseinandersetzung des Koran auch näher mit dem Christentum befasst hat. Zwei Jahre nachdem er das epische Gedicht „Eine Nachahmung des Koran“ geschrieben hatte, verfasste er das Gedicht „Der Prophet“. Untersuchungen zum Gedicht „Der Prophet“ lassen vermuten, dass Puschkin in seinem Gedicht wichtige Propheten aus der Bibel wie Jeremia, Jesaja und Ezechiel beschreibt. Für einige Wissenschaftler wurde Puschkin von der Lektüre der Sure A-Fatir (zu Deutsch: Der Erschaffer), der Sure Al-Mudaththir (zu Deutsch: Der sich zugedeckt hat) und der Sure Al-Quadr (zu Deutsch: Die Bestimmung) inspiriert.
Ein Auszug aus dem Gedicht „Der Prophet“ lautet wie folgt:
„Und er schnitt mir die Brust mit dem Schwert auf/ Und nahm das zuckende Herz heraus/ Und legte die Glühkohle/ In meine geöffnete Brust.“
Asif Hacılı behauptet, dass die Quelle der Inspiration für dieses Gedicht die Lektüre der Sure Inschirah (zu Deutsch: Das Zerbrechen) sei. Die Sure fängt wie folgt an: „Nicht haben wir dir geweitet deine Brust und dir deine Last genommen?“
Wer ist Asif Hacılı?
Asif Hacılı wurde 1960 in Georgien geboren. 1977 beendete er seine schulische Ausbildung. 1972 absolvierte er sein Studium an der Staatlichen Universität Baku. Nachdem er zwischen 1982-1986 an einer Militärschule als Lehrer gearbeitet hatte, wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Slawischen Universität in Baku. Nach seiner Dissertation wurde er zum stellvertetenden Rektor berufen. Seine Studie „Der Koran in der russichen Literatur“ erschien 2009 in Baku.

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Übersetzt von Funda Karaca