Internationale Klub-Auftritte lassen EM-Fiasko ein wenig vergessen

Stagnation mit Lichtblicken: Türkischer Fußball vegetiert vor sich hin

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Wenn es um die Nationalmannschaft geht, ziehen die türkischen Fans meist an einem Strang. Dann ist es egal, ob jemand für Galatasaray, Fenerbahçe oder Beşiktaş mitfiebert. Im Sommer war von dieser Geschlossenheit jedoch wenig zu sehen.

Sang- und klanglos ging das Team von Fatih Terim bei der Europameisterschaft unter. Mit dem 2:0 gegen Tschechien rettete man wenigstens die Ehre. Der Frust der Fans entlud sich bereits im zweiten Spiel gegen eine zugegebenermaßen sehr starke spanische Mannschaft. Kapitän Arda wurde gnadenlos ausgepfiffen, das Team zerfiel in seine Einzelteile.

Die Reaktionen der Fans waren nur allzu verständlich, ist die Türkei schließlich keine Turniermannschaft. Seit 2008 war sie bei keinem einzigen Großereignis dabei, umso größer waren die Hoffnungen, dass man zumindest ins Achtelfinale kommen würde. Vor allem vor dem Hintergrund, dass das auch als Gruppendritter theoretisch möglich war.

Die Hoffnungen wurden bitter enttäuscht. Anders als 2002 und 2008 blieb diesmal eine Sensation aus.

Wer gedacht hatte, dass nach der EM groß aufgeräumt werden würde, sah sich aber ebenfalls getäuscht. Terim blieb weiter im Amt, stattdessen gab es einen monatelangen Krach mit Arda Turan, der zunächst einmal außen vor war. Erst im November wurde der Streit beigelegt, die genauen Hintergründe sind weiterhin nebulös.

Dazu misslang der Start in die WM-Qualifikation. Nach vier Spieltagen liegt die Türkei mit fünf Punkten bereits leicht abgeschlagen auf dem vierten Platz. Damit wieder ein Wunder wie bei der Qualifikation zur EM möglich ist, muss sie sich im kommenden Jahr mächtig ins Zeug legen. Supertalent Emre Mor allein kann die Verantwortung nicht übernehmen.

Die Überraschung: Osmanlıspor

Während es auf Verbandsebene eher enttäuschend lief, gab es im Vereinsfußball einige Lichtblicke. Beşiktaş Istanbul spielte eine hervorragende Saison und wurde auch dank der Tore von Mario Gomez verdient türkischer Meister.

Ohne Gomez, der wegen der zahlreichen Terroranschläge und des Putschversuchs dem Meister den Rücken kehrte, lief es in der Vorrunde der Champions League überraschend gut. In den ersten fünf Spielen blieb das Team ungeschlagen und stand vor der finalen Partie in Kiew vor der historischen Chance, erstmals die Gruppenphase zu überstehen. Es kam jedoch völlig anders. Fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen leiteten ein 0:6-Debakel ein, mit dem so gut wie niemand gerechnet hatte. Dem folgte mit dem Doppelanschlag in Istanbul direkt vor dem Stadion ein zweiter großer Schock. Dutzende Menschen starben, als Terroristen am 11. Dezember kaltblütig zuschlugen. Viele Fans zeigten landesweit Solidarität, die Feindseligkeiten zwischen den Klubs wurden zur Seite gelegt.

Für Fenerbahçe begann die Saison klassisch. In der Qualifikation zur Königsklasse mussten die Gelb-Blauen frühzeitig die Segel streichen. Dafür lief es aber in der Europa League außerordentlich gut. Noch vor Manchester United wurde man Tabellenerster.

Die Überraschungsmannschaft schlechthin war allerdings Osmanlıspor. Zum ersten Mal überhaupt im internationalen Wettbewerb vertreten, setzte sich das Team aus Ankara in einer sehr ausgeglichenen Gruppe durch – ebenfalls als Tabellenführer!

Başakşehir ungeschlagen Erster

Apropos Tabellenführer: Nach dem Ende der Hinrunde der Süper Lig steht eine Mannschaft ganz oben, die bislang auch kaum jemand auf der Rechnung hatte. Es ist Başakşehir. Als einziges Team noch ungeschlagen, befinden sich die Istanbuler auf Meisterschaftskurs, eng verfolgt jedoch von den üblichen Verdächtigen. Nach dem Aus in der Qualifikation zur Europa League konnten sich die Schützlinge von Ex-Nationaltrainer Abdullah Avcı voll auf die Liga konzentrieren und bekommen das bislang mehr als gut hin.

Den Rekordmeister Galatasaray suchte man hingegen vergeblich auf europäischem Parkett. Wegen einer Financial Fairplay-Strafe musste sich der Klub mit der Zuschauerrolle begnügen. Der Wegfall der Dreifachbelastung wirkt sich nicht durchgehend positiv auf die Ergebnisse aus. In der Liga ist man mit 33 Punkten und drei Zählern Rückstand auf Başakşehir noch gut mit dabei. Im Pokal droht aber ein Aus nach der Vorrunde. Gegen unterklassige Teams tut sich “Cimbom” sehr schwer. Zuletzt blamierte man sich beim 2:3 gegen Tuzlaspor. Sollte jetzt auch noch Fanliebling Lukas Podolski nach China verkauft und kein Ersatz gefunden werden, könnte es für die Verantwortlichen richtig ungemütlich werden.

Ungeachtet der Erfolge zeigt der Fall von Beşiktaş, dass der Terror mittlerweile auch den Sport trifft. Die Fans verurteilen ihn auf den Tribünen, die Torschützen salutieren mit militärischen Grüßen. Auch wegen der vielen Anschläge machen viele Teams aus Europa im Januar einen großen Bogen um die Türkei. In Belek werden sich fast ausnahmslos türkische oder unterklassige Teams auf die Rückrunde vorbereiten. Das große und bunte Treiben der letzten Jahre bleibt aus. Und wenn es dann im kommenden Sommer darum geht, neue Stars aus dem Ausland für die Türkei zu begeistern, wird das Thema mindestens im Hinterkopf der Spieler und Berater eine Rolle spielen. Es liegt also auch im Interesse des Fußballs, dass die Politik das Terrorproblem wieder in den Griff bekommt.