Terror: Angriff auf unsere Zivilisation!

Meine erste Reaktion auf die Anschläge in Paris war ein irrationaler und hässlicher Trotz. Aus Trotz habe ich zunächst meine Ohren verschlossen, um nichts mehr zu hören. Aus Trotz habe ich meine Augen verschlossen, um nichts mehr zu sehen. Der Trotz verleitete mich letztendlich dazu, einen kurzen und knappen Text ins Internet zu stellen, dessen Inhalt aber Bände sprach.

Bände über Egozentrik,
über fehlende Weitsicht,
über abwehrenden Zynismus,

über Angst.

Als hätte ich vergessen, dass Angst in solchen Zeiten der schlechteste Ratgeber ist.

Tatsächlich aber wurde meine eigene Angst mir erst bewusst, als ich angebrachte Kritik für den Inhalt dieses kurzen Textes erntete. Ich bin dankbar für derartige konstruktive Kritik. Sie ist ein guter Wegweiser in hektischen Momenten und bei wenig durchdachten Handlungen. Den Text habe ich kurz darauf wieder gelöscht.

Was mich seither beschäftigt ist diese Angst, auf die ich unfreiwillig aufmerksam gemacht wurde. Wovor habe ich Angst? Was löst diese Angst aus? Reichen eine Radiomeldung, ein paar Facebook-Postings und kurze Gespräche mit einigen Freunden aus, um mich so sehr zu verängstigen, dass ich jegliche Rationalität gleich über Bord werfe und genau zu der Art von Trotz greife, die ich sonst entschlossen ablehne?

Und wenn ja, warum?

Nach wenigen Stunden Schlaf und einer unruhigen Nacht wurde ich heute Morgen mit einer Szene aus meiner Kindheit vor meinen Augen wach. Ich war zwölf Jahre alt und auf Klassenfahrt, als wir während einer Wanderung im Wald auf laute Kampfjets über unseren Köpfen aufmerksam wurden. Zurück in den Jugendherbergen angekommen, versammelten wir Schüler uns um den einzigen Radiowecker, den ein Mitschüler zufällig dabei hatte. Unsere Lehrer hatten uns den Fernsehraum zum Tabu erklärt – zum Glück! Smartphones gab es damals nicht – zum Glück nicht! So blieb uns einzig die hektische Stimme aus dem Radio, die uns mit Berichten von entführten Flugzeugen und einstürzenden Hochhäusern in Angst versetzte.

Wenig später dann die Erkenntnis: „Muslime“ waren verantwortlich. Seltsame „Muslime“ zwar, die mit der Religion, die ich von zu Hause kannte, nicht im Geringsten etwas zu tun hatten. Der einzige Moslem überhaupt, der mir bis zu diesem Tag Angst machte, war der Hodscha in unserer Gemeinde, der immer sauer wurde, wenn ich meine Gebete nicht gut beherrschte. Und selbst bei dem wusste ich, dass er es eigentlich nur gut mit mir meinte.

Wenn ich an meine Schulzeit, an den Großteil unserer Lehrer und meiner Mitschüler sowie an die Schulgemeinschaft im Allgemeinen zurückdenke, dann erfüllt es mich schon mit etwas Stolz. Wir waren irgendwie anders als so viele andere Schulen, von denen ich im Laufe meines Lebens gehört habe. Dabei glaube ich eigentlich sogar, dass wir die Regel waren und dass die Horrorgeschichten von anderen Schulen nur viel zu sehr die Runde machen. Es gab bei uns mal einen Lehrer, der auf die geniale Idee kam, eine Gruppe von minderjährigen muslimischen Schülern, unter denen auch ich war, mit Übersetzungen von einzelnen Versen aus dem Koran zu konfrontieren. Die Reaktion der Schulgemeinschaft folgte prompt: Der Lehrer durfte uns nicht weiter unterrichten.

So kam auch niemand während des Klassenausflugs auf die Idee, eine Verbindung zwischen den Anschlägen in New York und uns fünf muslimischen Schülern aus der Gruppe zu konstruieren. Und doch entwickelte sich auch bei mir diese undifferenzierte Angst, irgendwann für derart abscheuliche Taten geradestehen zu müssen, die im Namen meiner Religion ausgeübt werden. Und manchmal übernimmt diese Angst noch immer die Kontrolle über meine Handlungen.

Als hätte ich vergessen, dass Angst in solchen Zeiten der schlechteste Ratgeber ist.

Meine Hodschas haben mir einen solchen Islam nicht beigebracht. Meine Eltern und Großeltern haben mir einen solchen Islam nie vorgelebt. Aber darum geht es nicht.

Hat die muslimische Gemeinschaft tatsächlich nichts mit diesen Unmenschlichkeiten zu tun? Nun ja, wir können uns von diesen Taten und den Tätern so sehr distanzieren, wie wir wollen. Nur dürfen wir dabei eines nicht vergessen: Wir machen damit zugleich ein Eingeständnis, nämlich darin versagt zu haben, diese Unmenschlichkeiten zu verhindern. Die Gesinnung der Täter mag nichts mit unserer Gesinnung gemeinsam haben, doch können wir uns nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen.

Ja, es hat etwas mit der muslimischen Zivilisation zu tun, dass wir diesen Anschlägen nicht vorbeugen konnten. Aber längst nicht nur damit!

Es hat auch etwas mit der gesamten zivilisatorischen Gesellschaft zu tun.

In Paris,
in Beirut,
in Ankara,

überall dort, wo Zivilisten ins Schussfeld von Mördern geraten, und überall dort, wo die Schutzmauern unserer Gesellschaft durchbrochen werden, scheitern nicht nur Individuen oder einzelne Menschengruppen.

Tatsächlich scheitert unsere Zivilisation

Es ist ein lächerlicher Trugschluss zu glauben, im Jahre 2015 könne man Menschen noch in klar voneinander abgrenzbare Gruppen unterteilen. Ich bin Deutscher, ich bin ein Europäer, ich bin ein Moslem – vor allem aber bin ich Mitglied einer menschlichen Zivilisation, deren Gegensatz die Barbarei ist. Wenn Barbaren Paris angreifen, dann greifen sie nicht nur ein meinem Land verbündetes Land an, dann greifen sie nicht nur mein Europa an, dann missbrauchen sie nicht nur meine Religion dafür – vor allem greifen sie unsere Zivilisation an!

Wie soll das enden, wenn wir uns alle nur wegducken und aus der Verantwortung stehlen? Müssen wir wirklich erst unsere zivilisatorischen Errungenschaften wieder verlieren, bevor wir anfangen, uns zur Wehr zu setzen? Und wenn wir uns dann endlich wehren, wofür sollen wir dann noch kämpfen? Welchen Teil unserer Zivilisation sollen wir dann noch verteidigen, wenn bereits alles verloren ist?

Ja, es liegt auch in der Verantwortung von uns Muslimen, dass unsere Religion nicht für Barbarei und Mord missbraucht wird. Aus einem ganz einfach Grund nämlich: Weil wir Teil der zivilisatorischen Gemeinschaft sind.

Wenn wir die Dinge unter zivilisatorischen Gesichtspunkten betrachten, treten unweigerlich auch ganz andere Aspekte in den Vordergrund, die wir sonst viel zu sehr vernachlässigen.

Wie können wir es beispielsweise zulassen, dass Kinder unserer Gesellschaft sich diesen Barbaren in die Arme werfen? Was fehlt ihnen in unserer Gesellschaft, was sie in dieser tödlichen Gemeinschaft, in welcher sie zu Sprengstoff verarbeitet werden, zu finden glauben? Wie können Menschen nur den Tod wählen; den eigenen und den von Hunderten anderen? Wie alternativlos muss unsere Welt diesen Menschen erscheinen, dass sie unserer Zivilisation den Rücken kehren und die Barbarei wählen?

Und was ist wiederum mit den Menschen, die sich diesen Barbaren eben nicht hingegeben haben? Die Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie an eine bessere Welt und an ein besseres Leben geglaubt haben? Die ihr Leben riskiert haben, weil sie an unsere Zivilisation glaubten? Wie können wir es zulassen, dass diese Menschen nun im Schussfeld des Hasses landen und dass sie geradestehen müssen für die abscheulichen Taten eben der Barbaren, vor denen sie aus ihrer Heimat geflohen sind?

Was ist nur los mit unserer Welt? Was ist nur los mit uns?
Ist es auch hier die Angst, die uns zu dieser Irrationalität führt?

Als hätten wir vergessen, dass Angst in solchen Zeiten der schlechteste Ratgeber ist.

Wovor haben wir Angst? Was löst diese Angst aus? Reichen eine Radiomeldung, ein paar Facebook-Postings und kurze Gespräche mit einigen Freunden aus, um uns so sehr zu verängstigen, dass wir jegliche Rationalität gleich über Bord werfen und genau zu der Art von Trotz greifen, die wir sonst entschlossen ablehnen?

Bei aller Angst und aller Verzweiflung dürfen wir niemals vergessen: Wir sind es, die Verantwortung übernehmen und sich schützend vor die Grundpfeiler unserer Zivilisation stellen müssen. Aus einem ganz einfachen Grund nämlich:

Wenn wir es nicht tun, wer dann? (Foto: dpa)