Der Terror bringt den Islam um

Die Erinnerung an den 11.September ist immer noch sehr frisch, obwohl zwischenzeitlich mehr als zehn Jahre vergangen sind. Am Anfang des 21. Jahrhunderts versetzte uns dieser schreckliche Anschlag in einen Schockzustand.

An diesem Tag befand ich mich in Südafrika und war damit beschäftigt, meine Masterarbeit zu beenden. Erschöpft von den letzten Korrekturen schaltete ich das Fernsehen ein. Ich sah Bilder von dem Anschlag auf CNN.

Krieg? Mit wem?

Natürlich war es mir danach nicht mehr möglich, meine Masterarbeit zu korrigieren. Ich habe fast den ganzen Tag vor dem Fernseher verbracht und den Sturz des zweiten Wolkenkratzers in Live-Übertragung gesehen. Ich kann diese Szenen und Augenblicke unmittelbar nach dem Anschlag, dessen Folgen ungewiss waren, nicht vergessen. Fragen flimmerten durch meinen Kopf: Wer hat es gemacht und wieso? Wie haben sie es geschafft, das Sicherheitssystem zu überwinden? Trotz vieler Fragen meldete CNN das abscheuliche Massaker an tausenden Menschen als „America at War – Amerika im Krieg“. Krieg? Mit wem?

Nach all den Jahren kann ich bis heute immer noch den Auftritt von Richard Holbrooke nicht vergessen. Als der ehemalige US-Botschafter bei den Vereinten Nationen und Architekt des Dayton-Vertrages vor die Kameras trat, war das zweite Gebäude noch nicht ganz in sich zusammengefallen. Aus beiden Gebäuden stieg noch Flammenrauch in den Himmel hoch. Doch Holbrooke wirkte in all der Panik souverän, so als ob er den wirklichen Durchblick über alles hatte. Als ob er genau wusste, was gerade geschehen war.

Die Gewissheiten des Richard Holbrooke

Der Angriff sei von radikalen Muslimen durchgeführt worden, sagte Holbrooke mit Gewissheit in seiner Stimmen. Von radikalen Muslimen, wie er nachsetzte, die den USA den „Krieg erklärt“ hätten. Holbrooke wollte genau wissen, wo die Quelle des Terrors war: im Irak und in Afghanistan. Und die USA würden alles tun, um die Wurzeln des Terrors zu zerschlagen, kündigte der US-Botschafter am Ende seines TV-Auftritts an. An all das erinnere ich mich so genau, als ob es erst heute geschehen wäre.

Ich war verblüfft, denn noch waren die Rauchwolken über den beiden Gebäuden nicht verflogen und Holbrooke wollte bereits wissen, was Sache ist. Von diesem Augenblick an war mir klar, dass die USA den Irak und Afghanistan angreifen werden. Seit diesem Tag bemühen sich Muslime Tag für Tag bei jeder Gelegenheit zu erklären, warum sie und ihre Religion mit dem Terror nichts zu tun haben. Sehr exemplarisch führt diese Problematik der Film „Mein Name ist Khan, ich bin kein Terrorist“ mit dem indischen Weltstar Shah Rukh Khan in der Hauptrolle vor Augen.

Als ich vor einigen Tagen mit der SPD-Politikerin Yasemin Karakaşoğlu zusammenkam, haben wir uns auch über dieses Thema unterhalten. Ich habe mit ihr noch über eine andere Erfahrung gesprochen: Sei es in der Türkei oder in Südafrika, wo ich sieben Jahre lang mit Muslimen unterschiedlichster politischer und konfessioneller Überzeugung und Gemeindezugehörigkeit lebte, diskutierte und arbeitete – mein ganzes Leben habe ich in einem religiösen Umfeld verbracht. Ich bin tausenden überzeugten Muslimen aus meiner Familie, Verwandtschaft und im Freundeskreis begegnet. Kein einziger von diesen tausenden Menschen hat je mit einem Satz den Terror legitimiert, geschweige denn ihn offen unterstützt. Im realen Leben ist mir kein einziger Muslim begegnet der sagte: „Komm, lass uns all diese Ungläubigen umbringen.“

Wer sind die „radikalen Muslime“?

Solche Muslime begegnen mir ausschließlich in den Medien. Wer sind diese „radikalen Muslime?“ Warum begegnen wir ihnen nicht in unserem Alltag, sei es als Freund, als Nachbar oder Bekannte? Warum kommen solche Gedanken nie in den persönlichen Gesprächen unter Freunden und Bekannten ans Tageslicht? Wer sind eigentlich diese Menschen, wo leben sie, wo wachsen sie auf, welchen Berufen gehen sie nach, welche Moscheen besuchen sie? Wieso besuchen sie nie die Moscheen, die wir kennen. Warum sind sie so unnahbar?

Es ist so als ob diese Menschen nicht real sind und nur in einem Drehbuch existieren, in dem der Terror der Mörder und der Islam und Muslime die Opfer sind.

Wo auch immer diese „Radikalen“ auftauchen, dort machen sie den Muslimen das Leben zur Hölle. Nun haben sie in Syrien die Bühne betreten. Sie töten das unschuldige Volk, sie massakrieren und laden Besatzungsmächte mit ihrem schändlichen Handeln ein, das Land unter ihre Herrschaft zu reißen.

Er tötet den Islam

Diese Mörder können nicht Freunde von „normalen“ Muslimen sein, sondern eher die Freunde von denen, die das Leben von Muslimen vergiften wollen. Denn der Terror löscht nicht nur das Leben von Christen in Pakistan oder Muslimen in Syrien aus. Nein, der Angriff des Terrors gilt dem Islam selbst. Er tötet den Islam.