Die Türkei im weltweiten Vergleich

Im 90. Jahr auf dem 90. Platz

Die türkische Republik feiert in diesen Tagen ihr 90-jähriges Bestehen. Seit 1923 hat sie vieles erreicht, doch schaut man genau hin, stellt man schnell fest, dass die Türkei noch viele Hausaufgaben zu bewältigen hat. (Foto: dpa)

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Es ist das bekannte Gefühl, das ins Ausland reisende Türken beschleicht: Reisen sie Richtung Osten – kehren sie – mit Ausnahme einiger Länder – glücklich und zufrieden zurück.

Doch wenn man Richtung Westen reist, beklagt man den Rückstand, den man gegenüber westlichen Ländern aufzuholen hat. Man stellt sich die Frage, warum das eigene Land in den Bereichen Umwelt, Stadtplanung, Wirtschaft – man könnte weitere Bereiche aufzählen – so weit zurückgeblieben ist.

Ein Blick in die Geschichte bringt uns auch keine neuen Erkenntnisse: Würde man die Türkei kurz vor der Gründung der Republik, also vor etwa 100 Jahren, mit Deutschland, Frankreich und England vergleichen, käme man zu einem ähnlich ernüchternden Ergebnis, obwohl das zerfallende Osmanische Reich damals immer noch zu den 10-15 wichtigsten Ländern der Welt gehörte. Ähnlich fällt das Fazit aus, wenn man sie mit damals noch kaum bekannten Ländern verglichen hätte – die Türkei hätte die Nase klar vorn gehabt. Der Blickwinkel hängt auch stark mit der politischen Position zusammen: Die Regierung könnte die Türkei als ein hoch entwickeltes Land betrachten, das all seine Probleme gelöst hat und auf dem Weg in die Weltspitze ist. Die Opposition hingegen könnte in der Türkei Zustände bemängeln, wie sie sonst nur aus Ländern der Dritten Welt bekannt sind.

Objektive Vergleiche brauchen einen Maßstab

Zweifellos sind all dies nur subjektive und relative Ansätze. Den Geburtstag der Republik kann man als guten Anlass sehen, die Situation und Entwicklung der Türkei objektiv zu beurteilen. Von der Bildung, Wirtschaft, Gesundheit, Demokratie, Gerechtigkeit in der Einkommensverteilung bis hin zur Technologie – an welcher Stelle befindet sich die Türkei im weltweiten Vergleich? Wie fällt der Vergleich mit Ländern aus, die sich vor 90 Jahren in einer vergleichbaren Ausgangslage befanden? Was hat die Republik alles erreichen können und was nicht? Es ist unausweichlich, dass die Türkei diese Bestandsaufnahme der aktuellen Lage mithilfe aller Beteiligten – Regierung und Opposition, Medien und Zivilgesellschaft, Arbeitswelt und Universitäten – angehen muss. Denn die Türkei feiert 2023 ihr 100-jähriges Jubiläum und hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt.

Die Situation der Türkei in den letzten 30 Jahren ist mit Blick auf ihre Dynamik und ihre Entwicklung bemerkenswert. In den letzten 10 Jahren ist sie mit ihrer sprunghaft wachsenden Wirtschaft nicht nur in der Region, sondern auch weltweit in den Fokus gerückt. Ein passendes Beispiel dazu ist der am Dienstag eröffnete unterirdische S-Bahntunnel „Marmaray”, der Asien und Europa miteinander verbindet.

Die Türkei befindet sich in einer guten, nicht zu unterschätzenden Ausgangsposition. Laut den Angaben der Weltbank belegt die Türkei mit 18 348 US-Dollar Einkommen pro Kopf weltweit den 54. und mit einem Export von 150 Milliarden US-Dollar den 28. Rang. Doch wenn man sich diese dynamischen Zahlen komparativ anschaut, wird man sich der entgangenen Chancen bewusst. Bei einem Vergleich zwischen der Türkei und Südkorea – das, wie die Türkei, den Zug der frühen Industrialisierung verpasst hatte – wird schnell klar, dass die Türkei einen großen Rückstand aufweist, obwohl sie im Gegensatz zu Südkorea während und nach dem Zweiten Weltkrieg keine große Zerstörung erlebte.

Lang gediente „Tigerstaaten“ zogen an der Türkei vorbei

Während Südkorea in den 1960er-Jahren ein Nationaleinkommen von 80 US-Dollar hatte, betrug das der Türkei 380 US-Dollar. Betrachtet man die heutige Situation Südkoreas, dessen Markenprodukte wie Samsung, LG, Hyundai und KIA von den Türken sehr geschätzt werden, hat man es mit einem Land mit einer Bevölkerung von 50 Millionen Menschen und einem Bruttoinlandsprodukt von 1129 Milliarden US-Dollar zu tun. Die Türkei hingegen weist ein BIP von 789 Milliarden US-Dollar auf. Das Pro-Kopf-Einkommen in Südkorea beträgt 30 000 US-Dollar. Dessen derzeitiges Exportvolumen in Höhe von 466 Milliarden US-Dollar will die Türkei erst 2023 erreichen.

Man kann natürlich einwenden, dass all diese Indikatoren nur auf die Wirtschaft bezogen sind und die Lebensqualität nicht widerspiegelt. Vergleicht man die Leistungen beider Länder bezogen auf den von der UN gemessenen Index für menschliche Entwicklung, sind folgende Fakten zu erkennen: Dem aktuellen Index zufolge befindet sich die Türkei unter 187 Ländern auf dem 90. Platz. Südkorea hingegen belegt den 12. Platz.

Den Angaben des Weltpatentberichts von 2011 zufolge wurden in Südkorea 170 000 und in der Türkei nur 3357 Patente angemeldet. Auf dem Pressefreiheit-Index der Organisation Reporter ohne Grenzen befindet sich die Türkei an 154., Südkorea an 50. Stelle. In punkto Wettbewerbsfähigkeit belegt die Türkei den 44., Südkorea den 19. Platz.

Angesichts ihrer zunehmenden Erfolge kann die Türkei stolz auf die letzten Jahrzehnte zurückblicken, doch sollte sie sich auch ihrer Lage im globalen Vergleich bewusst werden.

Ganz gleich, welcher politischen Richtung, ethnischer Herkunft, Ideologie und Religion man sich zuordnet; das gemeinsame Ziel der Türkei und ihrer Bürger sollte sein, in zehn Jahren auf allen Ebenen im globalen Vergleich nach oben zu kommen.

Autoreninfo: Abdülhamit Bilici ist Chefredakteur der türkischen Nachrichtenagentur cihan und schreibt Kommentare für die Tageszeitung Zaman. Der obige Artikel ist eine zusammenfassende Übersetzung aus dem türkischen Originaltext vom 29.10.2013.