Türken in Deutschland

Wann hören wir endlich auf mit dem „Wir“ und „Ihr“?

Die Unterscheidung nach „Wir“ und „Ihr“ kann das Zusammenleben vergiften, wenn sie der Ausgrenzung und Diskriminierung dient. Das Eingeständnis von Unterschieden hingegen hilft, gerade diese für das Zusammenleben nutzbar zu machen. (Foto: rtr)

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Hallo. Mein Name ist Deutschtürke. Der besorgte Deutschtürke.

Vor fast einem Jahr schrieb ich einen Brief der NPD an Berliner Bundestagskandidat/innen mit Migrationshintergrund um und richtete ihn zurück an die NPD. „Hallo Migrant“ hatte die NPD ursprünglich geschrieben; „Hallo Idiot“ antwortete ich. Der Schriftverkehr wurde bei den Integrationsbloggern veröffentlicht.

Der Brief erreichte unerwartet hunderttausende Leser innerhalb von wenigen Tagen. Das Schreiben über gesellschaftspolitische Themen, das für mich eher ein Hobby in meinen Lernpausen war, wurde für einige Wochen zu einem Teil meines Alltags. Denn hier wurde ich – trotz Pseudonyms – fast täglich auf diesen Brief angesprochen. Und zwar sowohl von Leuten, die meinen Schreibstil wiedererkannt und mich enttarnt hatten, als auch von Bekannten, die mich auf „einen sehr lustigen Brief“ aufmerksam machen wollten. Begeistert war von diesem Schriftverkehr auch nicht nur eine bestimmte Art von Mensch. Sowohl Menschen aus der Einwanderercommunity gaben ihre Begeisterung darüber kund, als auch, na Ihr wisst schon, „die Anderen“.

Und da fängt es schon wieder an: Ja, auch ich verfalle, wenn auch nur selten, in dieses Denkmuster. Denn tatsächlich gibt es sie noch in unserer Gesellschaft: Diese Aufteilung in ein wohlschmeckendes „Uns“ und ein seltsam bitteres „Ihr“. Und selbst wenn man sich ab und zu mal an einem „Wir“ versucht, dann bleibt doch ein bitterer Beigeschmack. Natürlich nur, wenn wir ehrlich sind.

Wie oben ersichtlich, stoße ich bei dieser Aufteilung oft auf Stolpersteine. Denn während ich keine Hemmung dabei habe, der einen Gruppe einen Migrationshintergrund in die Schuhe zu schieben, fällt es mir schwer, die andere Gruppe als „ohne“ Migrationshintergrund zu bezeichnen. Denn wollte man in dieser Hinsicht sehr korrekt sein, so müsste man aufteilen in Menschen mit einem „jungen“ und solche mit einem „älteren“ Migrationshintergrund. Denn darin besteht der einzige Unterschied: Die Einen sind erst seit jüngstem hier, während die Migrationsgeschichte der Anderen schon etwas älter ist. Also wenn wir miteinander ehrlich sind, müssen wir alle auch diesem Punkt zustimmen.

Aber was uns eben fehlt, ist die Ehrlichkeit. Denn würden wir ehrlich miteinander umgehen, würden wir nicht hin und her pendeln zwischen maßloser Diskriminierung auf der einen und übertriebener Gleichmacherei auf der anderen Seite. Wir würden nicht einerseits so tun, als gäbe es nichts, was uns unterscheidet, um uns dann andererseits plötzlich einzugestehen, dass unsere Unterschiede doch zu gravierend sind. Ehrlich wäre es, zu kritisieren, wo es angebracht ist, und zu loben, wo es sich gehört.

Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt

Es liegt nicht nur in der Natur des Menschen, Fremdem gegenüber zunächst einmal skeptisch zu begegnen. Auch würden wir erst dann unseren Unterschieden eine Chance geben, zu Bereicherungen heranzuwachsen, wenn wir ehrlich miteinander umgehen würden. So lange wir aber allergisch darauf reagieren, wenn Mitmenschen mit dem Zeigefinger auf unsere Unterschiede zeigen, oder wir diese Unterschiede mit übertrieben aufgesetzter Multikulti-Liebe zu übertönen versuchen, kommen wir der Lösung unserer Konflikte keinen Deut näher. Ganz im Gegenteil: Wir konservieren die Konflikte und bewahren sie für später auf und dabei füttern wir den Hass.

Unterschiede tun gut. Erst durch Vielfalt kommt unsere Gesellschaft in die Lage, verschiedenste Herausforderungen auf verschiedensten Ebenen zu bewältigen. Erst durch Vielfalt schaffen wir es, über den Tellerrand hinaus zu schauen und die Welt ein wenig besser zu verstehen. Denn weder endet die Welt hinter Holland, Sylt oder Mallorca, noch sind wir das Zentrum dieser Welt. Also ist es nicht nur eine romantische Zuneigung gegenüber Vielfalt, da das Gegenteil von „Vielfalt“ ja „Einfalt“ wäre und Einfältigkeit nun mal langweilig ist. Darüber hinaus bringt Vielfalt eben ganz praktische und pragmatische Vorteile mit sich.

Nur wenn wir ehrlich miteinander und unseren Unterschieden umgehen, schaffen wir es, die Fesseln einer übermäßigen Korrektheit zu sprengen und unserer Einheit in Vielfalt eine Chance zu geben. Diskriminierend ist es nicht nur, wenn negative Vorurteile auf Individuen projiziert werden. Auch wer die herkunftsbedingten Stärken eines Individuums nicht wertschätzt, kann dadurch diskriminieren. Oder wie erklären wir uns sonst, dass Englisch-, Französisch-, Russisch- oder Spanischkenntnisse bei Bewerbungen von Vorteil sein können, während sich viele Türken schon fast schämen, ihre Muttersprache Türkisch unter „Sprachkenntnisse“ aufzulisten?

Angefangen bei frei wirtschaftenden Unternehmen bis hin zu öffentlichen Einrichtungen und sogar staatlichen Institutionen auf Bundesebene zieht sich ein roter – um nicht zu sagen „brauner“ – Faden der Fehlrepräsentation unserer Gesellschaft. Noch nicht einmal in Ausländerämtern sitzen Beamten mit Migrationshintergrund, obwohl gerade hier eine multikulturelle Kompetenz helfen würde. Und was auf der einen Seite zu schwach repräsentiert wird, kommt anderswo entsprechend häufig vor.

In dieser Sackgasse stecken wir gemeinsam

Noch nie habe ich einen fließend Deutsch sprechenden Mann in meiner Universitätsbibliothek die Toiletten putzen sehen, noch nie hat mich eine verlorengegangene Putzfrau im Labyrinth der tausenden Korridore meiner Universität auf Deutsch nach dem Weg gefragt. Während die Einen nun argumentieren werden, dass diese Menschen schlichtweg ein Bildungsdefizit aufweisen und daher nun mal keine besseren Berufe ausüben könnten, bleibt mir immerhin noch die Solidarität der Anderen, die wie auch ich derartige Argumente schnell als ein trauriges Eingeständnis der Defizite unseres Bildungssystems enttarnen. So wiegt nicht das Bildungsdefizit dieser Menschen in mittlerweile dritter und vierter Generation schwerer, sondern das Menschlichkeitsdefizit unserer Schulen. Ungern möchte ich eine Berufsgruppe direkt angreifen. Doch wenn wir ehrlich sind, tragen auch die Lehrer Mitschuld.

Zahlreiche Studien belegen die Chancenungleichheit in unseren Schulen. Dabei brauchen wir keine Studien, um auf diese Schieflage aufmerksam zu werden. Eine ehrliche Reflektion unserer Gesellschaft würde reichen. Wenn man nun in Personalabteilungen anfragt, wieso man nicht gezielt nach Menschen mit einem Migrationshintergrund suche, verstecken sich diese oft hinter dem Argument, dass man Menschen nicht nach ihrer Herkunft bewerten wolle. Jedoch passiert genau das, allerdings in die andere Richtung.

Wenn wir nicht endlich etwas dagegen unternehmen, dass von Hauptschulempfehlungen trotz guter Grundschulnoten, von der Notwendigkeit mehrfach häufigerer Bewerbungen um einen guten Job und von subtiler jedoch schmerzhafter Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung vor allem die Ayşes und Ahmets und Mustafas und Fatmas – aber auch die Kevins und Jacquelines – betroffen sind, dann laufen wir mit immer größeren Schritten in eine Sackgasse, in der wir dann gemeinsam stecken.

Das Boot ist voll… aber nicht alle besitzen ein zweites

Auch Mirza Odabaşı beschreibt in seiner Kolumne „RE-GENERATION“ auf MiGAZIN eindrucksvoll, wie notwendig ein gesellschaftliches Umdenken ist. Als Reaktion auf seinen Dokumentarfilm „93/13 | 20 Jahre nach Solingen“ erhielt er sehr viel Lob. Doch auch Kritiker meldeten sich zu Wort; unter Ihnen einer der fragte, warum Mirza nicht mal „einen Film über Deutschenfeindlichkeit und die deutschen Opfer“ mache. Mirzas Antwort darauf ist klar und direkt sowie verständlich, aber vor allem selbstbewusst: „Es hätte sehr wohl ein Projekt über die „Deutschenfeindlichkeit“ sein können, wenn Sie die Verstorbenen in Solingen und die Toten der NSU Morde als Deutsche akzeptiert hätten“.

Es ist also ein Umdenken nötig, eine komplett neue Mentalität einer neuen Generation. Eine #re_generation eben, wie der Titel von Mirzas Kolumne es auf den Punkt bringt.

Den Satz „Das Boot ist voll!“ haben wir schon oft genug gehört. Zu oft.

Ja richtig, das Boot ist voll. Und zwar voll mit jungen, engagierten, gesunden Alt- und Neudeutschen. Wenn wir ihnen nicht endlich ein eigenes Paddel in die Hand drücken und ihnen nicht das Gefühl geben, dass sie für sich selbst aber auch für uns alle paddeln müssen, dann stürzen wir gemeinsam in die tiefen Abgründe des nächsten Wasserfalls.

Und vergessen wir dabei nicht: Viele von uns haben ein zweites Boot, auf dem sie jederzeit willkommen sind. Doch was machen diejenigen unter uns, die Deutschland als ihre einzige Heimat bezeichnen?