Türkischer MMA-Fighter: Wie ein Hauptschüler zum besten Abiturienten Deutschlands wurde

Betrachte den, der Deine Fehler Dir enthüllt, als erzähle er Dir von einem verborgenen Schatz; denn auf den Bergspitzen des Stolzes können die Wasser der Liebe sich nicht halten. Nur in den tiefen Tälern der Demut sammeln sich alle Ströme der Liebe zu unerschöpflichen Seen – Siddhartha Gautama

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Yiğit, stell Dich doch mal vor.

Ich bin Yiğit Muk, bin 27 Jahre alt, in Berlin-Neukölln geboren und studiere derzeit Wirtschaftswissenschaften.

Du hast ein Buch geschrieben mit Titel „Muksmäuschenschlau“. Du hast einen Aufstieg erlebt. Vom Hauptschüler zum besten Abiturienten Deutschlands (2012). Erzähl mal: Wie ist es dazu gekommen?

Nach der Grundschule bekam ich eine Hauptschulempfehlung und sollte eine Oberschule besuchen, die berühmt für ihre Unruhestifter gewesen ist. Doch meine Mutter konnte das nicht akzeptieren und ist gemeinsam mit mir zu einer Realschule gegangen, wo sie vor der Direktorin in Tränen ausbrach, damit sie mich annahm. So konnte ich einer schlimmeren Schule entgehen und landete auf einer Realschule.

Welche Schule war das?

Es war die Max Planck Oberschule (Name aus rechtlichen Gründen geändert). Auch wenn ich meiner Mutter dankbar war, hatte dieses Ereignis nicht unbedingt den Bildungsdrang in mir geweckt. Ich verbrachte nach wie vor sehr viel Zeit auf der Straße und gründete  irgendwann mit einigen Freunden die R44 Gang. Danach wurde es immer schlimmer. Zur Tagesordnung gehörten immer wieder Schlägereien, Messerstechereien und selbst Schießereien kamen mal vor. Auch Belästigungen von Frauen und andere Delikte. Wir wurden immer skrupelloser, bis ich irgendwann aufgrund bestimmter Ereignisse, die ich auch in „Muksmäuschenschlau“ erzähle, ausgetreten bin. Prompt wurde ich Jahrgangsbester in der neunten Klasse. Bis mich dann eine Krankheit ereilte, welche mich beinahe mein Leben kostete.

Welche Krankheit war das?

Ich litt unter dem Epstein Barr Virus. Ich hatte starke Fieberattacken, meine Mandeln wuchsen auf die Größe von Tennisbällen an. Es kam zu vielen falschen Diagnosen von verschiedenen Ärzten, welche mir eine Tüte voll mit falschen Medikamenten verschrieben, die mich beinahe das Leben kosteten. Dadurch wurden meine Lücken in der Schule so groß, dass ich nicht mehr hinterher kam. Am Ende schaffte ich nur einen Hauptschulabschluss.

Gab es ein Ereignis, das Dich in dieser Zeit geprägt hat? Dich gestärkt oder inspiriert hat, weiter zu machen?

Es gab einige sehr tragische Vorfälle, die dafür gesorgt haben, dass ich mich mehr der Selbstreflexion hingab. Daraufhin befasste ich mich auch etwas mehr mit dem Islam und begann, ihn besser zu verstehen. Zu der Zeit sagte ich zu mir selbst: Du kannst die Dinge nicht mit Gewalt lösen, beispielsweise dem Deutschen einfach mal eine aufs Maul hauen, nur weil er mich zur falschen Zeit ansieht. Vor Allah sind alle Menschen gleich, sagte der Imam. Das war mir völlig neu, so absurd es auch klingt.

Kam da die eigentliche Wende?

Ja. Ich habe angefangen, mich von der Gewalt zu distanzieren. Gleichzeitig wollte ich ein besserer Sohn sein in den Augen meiner Eltern. Was mich alles dazu trieb, erfährt man ja im Buch, das würde jetzt den Rahmen sprengen. Jedenfalls begann ich, mich mehr in der Schule zu konzentrieren, um etwas erreichen zu können. Ich wollte, dass meine Eltern stolz auf mich sind. Als mich dann die Krankheit wieder herunterzog, hat das natürlich auch meine Mutter sehr deprimiert. Ihr Traum war es, dass zumindest eines ihrer Kinder Abitur macht. Meine Geschwister hatten dies leider versäumt. Das war mein Antrieb. Ich versicherte ihr, das Abitur dennoch zu machen. „Ich hole, sobald ich gesund bin, meinen erweiterten Hauptschulabschluss nach, dann meinen MSA und dann das Abitur, Mama“, waren meine Worte.

Und Deine Lehrer? Haben Sie Dich in Deinem Wunsch unterstützt oder an Dich geglaubt?

Meine Lehrer haben gelacht. Sie sagten: Mach eine Ausbildung. Abi passt zu Dir nicht. Dadurch kamen Selbstzweifel auf. Schlussendlich war es aber so, dass ich meinen erweiterten Hauptschulabschluss nachholte, meinen MSA machte, und entgegen den Erwartungen einiger Lehrer schaffte ich nicht nur mein Abitur, sondern wurde gleichzeitig Deutschlands bester Abiturient im Jahr 2012…tja.

Yiğit, ich weiß, dass viele oder sagen wir mal einige Lehrer und Lehrerinnen, im Laufe ihres Lebens dieses innere Feuer verlieren. Sie verlieren die Überzeugung an das Gute bzw. daran, dass jeder Schüler oder Schülerin großes Potential in sich trägt. Sie reden beispielsweise jungen Menschen mit Migrationshintergrund ein, dass sie es nicht schaffen können oder werden. Meinst Du, es liegt am Menschen oder eher am Bildungssystem Deutschlands?

Ich denke es ist eine Kombination aus vielen Faktoren. Zum einen haben wir auch viele Lehrer, die sehr engagiert sind. Das muss man anerkennen. Die sich täglich abrackern. Aber ja, es gibt Pädagogen, bei denen du einfach denkst, die haben sich zum Ziel gemacht, das Leben der Schüler zur Hölle zu machen. Ich habe mal beispielsweise einen Lehrer gehabt, der einem Schüler auf den Gipsarm geboxt hat, bloß weil dieser im Klassenbuch blätterte. Das hat mit Pädagogik sehr wenig bis gar nichts zu tun. In dem Buch habe ich zahlreiche Beispiele hierfür aufgeführt.

Allerdings haben viele Lehrer auch gar nicht die zeitige oder auch pädagogische Kapazität, um mit dreißig Schülern fertig zu werden. Vor allem wenn der Migrationshintergrund bei über neunzig Prozent liegt. Das sind verschiedene Kulturen. Man braucht eine gewisse Sensibilität dafür, um den Schülern etwas herauskitzeln zu können. Es ist ein sehr tragisches Spiel und die Leidtragenden werden am Ende die Schüler sein.
Wenn man dies dann kritisiert, heißt es, dass die Gelder fehlen. Jährlich steckt der Staat über Milliarden von Euro an Subventionen in Großkonzerne, die zum großen Teil sehr unethisch wirtschaften. Aber für die Bildung unserer Kinder fehlt das Geld? Neulich habe ich mal gelesen, dass wir in Deutschland über 11.000 arbeitslose Lehrer und Pädagogen haben. Ein Großteil derer sucht sein Glück bereits in anderen Berufszweigen… Diese Leute brauchen wir aber in unserem Bildungswesen und so ernten wir, was wir säen. Eine fatale Fehlinvestition.

Wie sieht die Verantwortung der Eltern bzw. der Familie aus? Kann man die Schuld auch bei ihnen suchen?

Selbstverständlich. Die Familie ist das Bildungszentrum überhaupt, gerade für einen Heranwachsenden. Viele Familien haben eben auch nicht die nötigen Kapazitäten. Wenn der Vater zwölf Stunden am Tag arbeitet, selbst die Sprache nicht beherrscht, weil er das Produkt dieser gesellschaftlichen Ausgrenzung in der Vergangenheit gewesen ist. Aber auch diese Dinge stellen in keiner Weise eine Entschuldigung dar, das sind lediglich einige wenige Erklärungen für die Situation vieler Familien. Dennoch hat jeder die Verantwortung für sein Kind und muss einfach sein bestes versuchen, seinem Kind eine anständige Perspektive zu ermöglichen und es zu motivieren.

Jetzt stehen wir mit den Flüchtlingen vor einer neuen Hürde und hoffe, dass wir aus den Fehlern in der Vergangenheit gelernt haben. Es wird sich zeigen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als das Buch von Buschkowsky „Neukölln ist überall“ erschien. Als ich das Buch 2012 zum ersten Mal im Hugendubel morgens auf dem Weg von Frankfurt nach Berlin bei einem Zwischenstopp sah und in der Hand hielt, dachte ich mir: Hey ja, das stimmt. Deutschland wird generell immer bunter und vielfältiger. Dann habe ich die Inhaltsangabe durchgelesen und sagte mir: Alter, will der mich verarschen!?

(lacht) Naja, wir sind in der Bundesrepublik Deutschland und hier darf jeder seine Meinung sagen oder auch niederschreiben und publizieren. Dennoch sind das Teilwahrheiten, die ein Sarrazin oder Buschkowsky da von sich geben. Sicher stimmt es, wenn er sagt: In die Schulen meines Bezirks kommen Kinder, die niemals ein Wort Deutsch geredet haben. Aber dass man das auf irgendein Gen schiebt oder behauptet, das liege an ihrer Herkunft, ist an Dummheit nicht zu überbieten. Das ist purer Rassismus. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Bei mir hat man das auch behauptet. Dabei musste es bei mir einfach nur herausgekitzelt werden und ebenso musste ich dafür aber auch offen sein. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die Sprache als Schlüssel fungiert, wenn man motiviert werden oder in irgendeiner Form Perspektiven erhalten soll. Deswegen ist der Lehrerberuf in Bezirken wie Neukölln sehr schwierig, weshalb wir gerade an diesen Orten das beste benötigen, was unser Bildungswesen zu bieten hat! Doch dafür muss der Job erst einmal wieder attraktiver werden. Zum Beispiel finanziell.

Haben diese jungen Menschen im Leben keine Bezugspersonen?   

Ich habe viele junge Menschen kennengelernt, die auf kognitiver Ebene viel mehr zu bieten hatten als ich. Sie wissen nur nicht, wie sie das nutzen sollen. Da ist einfach keiner da, zu dem sie heraufschauen können. Ihre Bezugspersonen sind die Drogendealer in der Hasenheide. Die wollen an das schnelle Geld kommen. Die wollen auch ein schönes Leben führen und denken leider nicht nachhaltig, weil sie so etwas nie vermittelt bekamen. Ich denke, das ist die Problematik. Es liegt nicht an ihrer Herkunft oder ihren kognitiven Fähigkeiten. Sondern weil sie keine Vorbilder oder wie du gesagt hast, keine Bezugspersonen haben, welche ihnen die Möglichkeiten aufzeigen. Nichtsdestotrotz ist das selbstverständlich keine Entschuldigung für Drogen- oder Gewaltdelikte! Lediglich eine von vielen Erklärungen.

Du bist auch gleichzeitig MMA-Fighter. Interessante Konstellation.

(lacht) Ich folge meinen Interessen. Man hat mir beigebracht: Mach das, was dir Freude bereitet. Und das tue ich. Es gibt wenige, die sportlich aktiv und gleichzeitig akademisch erfolgreich sind. Allerdings muss man sich im Klaren darüber sein, dass auch Glück eine enorme Rolle spielt, wenn man dem Weg folgen will, der einen erfüllt. Darüber bin ich sehr froh und hoffe, dass mich das nie überheblich werden lässt.

Wenn Du etwas sagen könntest an alle sozial engagierten Politiker und Lehrer, welche Worte wären das?

Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, ‚Behandelt die Schüler nicht immer wie sie derzeit sind, sondern auch, wie sie irgendwann sein könnten‘. Gerade Lehrer sollten den Schüler merken lassen, dass auch sie menschliche Wesen sind. Viele Schüler halten sie nämlich für gewissenlose Wesen. Das würde viele Strapazen verhindern. Mir wurde das erst sehr spät bewusst und so geht es vielen anderen auch.


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