Türkei im Visier japanischer Investoren

Während die türkische Wirtschaft durch sinkende Nachfrage und rückläufige Investitionen aus dem krisengeschüttelten Europa belastet wird, besteht die berechtigte Hoffnung auf Erleichterung aus dem Fernen Osten – präziser gesagt aus Japan.

Wie die Onlineausgabe des „Wall Street Journal“ schreibt, sei das bilaterale Handelsvolumen im Vergleich zum Vorjahr um 25% auf einen Rekordwert von 4,6 Milliarden $ angewachsen. Gleichzeitig stieg die Zahl der japanischen Firmen, die in Istanbul Niederlassungen eröffnet hätten, auf mittlerweile 120.

Insbesondere japanische Darlehensgeber stünden nach Angaben des WSJ regelrecht Schlange, um türkische Banklizenzen zu erhalten oder Joint Ventures mit lokalen Finanzhäusern einzugehen – alles mit dem Ziel, vom boomenden Markt für Verbraucherkredite zu profitieren.

Darüber hinaus errichteten über das gesamte Gebiet der Türkei Bau-, Logistik- und Automobilfirmen Fabriken, was weitere Hoffnungen auf einen längerfristigen Erfolg der türkischen Wirtschaft weckt und Arbeitsplätze schafft.

„Die Japaner haben die Türkei ernsthaft im Visier“, betonte Wirtschaftsminister Zafer Cağlayan im September in Istanbul. Die Japaner würden als eines der am wenigsten beweglichen Völker der Welt gelten, aber: „Wenn sie einmal eine Entscheidung getroffen haben, unternehmen sie stets die richtigen und vernünftigen Schritte“.

Langfristige Investitionen

Unter den japanischen Unternehmen, die sich auf dem türkischen Markt positionierten, befinden sich unter anderem das größte Finanzhaus des Landes, die Bank of Tokio – Mitsubishi UFJ, die mit der Türkiye İş Bankası A.S. kooperieren wird, die Sumitomo Rubber Industries Ltd., die für 500 Millionen $ ein Reifenwerk baut, und das zweitgrößte Transportunternehmen der Welt, die Tokioter NYK Gruppe.

Von der Nähe zu den afrikanischen und nahöstlichen Märkten und den niedrigeren Transportkosten versprechen sich die Produktionsbetriebe einen nicht unerheblichen Standortvorteil. Für die Türkei ist dies insofern von besonderer Bedeutung, als die bisherige ökonomische Erfolgsstory in einem nicht unerheblichen Ausmaß vom Zufluss spekulativen Kurzzeitkapitals gekennzeichnet war. Langfristige Investitionen unterstreichen nun auch die dauerhafte Aussicht des Landes, den Wachstumskurs halten zu können.

Zwar sind die Investitionen aus dem Land der aufgehenden Sonne noch geringer als in anderen Schwellenländern wie Brasilien, Südkorea oder Mexiko, aber auch dies könnte sich in absehbarer Zeit ändern.

Positive Fundamentaldaten

Einen Schlüsselfaktor stellen dabei – wie Analysten verlauten lassen – die positiven Fundamentaldaten der Türkei dar: Eine erhebliche Binnennachfrage, eine junge Bevölkerung und eine größere politische Stabilität als in anderen Emerging Markets wie Indonesien oder Russland.

Die ambitionierte Stabilisierungspolitik der türkischen Zentralbank hinsichtlich der Lira und der Kampf gegen die Inflation heben die Türkei ebenfalls positiv von bisher favorisierten Schwellenländern japanischer Investoren ab.

Nicht nur Großkonzerne wie Toyota oder Hitachi haben ihren Weg in die Türkei gefunden, auch Newcomer wie die Immobilienfirma Starts, der bedeutende Nachrichtensender Nikkei, Logistikunternehmen, Autoteilhersteller und Nahrungsmittelkonzerne wollten nicht in der zweiten Reihe stehen.

Die unsichere Zukunft der Kernenergie in Japan nach der Tsunamikatastrophe vom Vorjahr und der Beschädigung des Reaktors in Fukushima hat zudem Errichter und Zulieferer für Atomkraftwerke wie die Toshiba Corp. ein Augenmerk auf die Türkei richten lassen. Ein Unternehmenssprecher teilte kürzlich mit, man wäre sehr interessiert an der Türkei und spielte damit auf Ambitionen Ankaras an, ein Atomkraftwerk zu bauen. Es gäbe bereits Gespräche zwischen den Regierungen der Türkei und Japans.