Türken in Deutschland

Bayern: „Bedeutung türkischer Unternehmer kann nicht hoch genug eingeschätzt werden“

Die Bedeutung türkischer Unternehmer in Deutschland wird oft unterschätzt. Im DTJ-Interview spricht Ilse Aigner über die bayerisch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen. (Foto: Bayerisches Wirtschaftsministerium)

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Vor ihrem Wechsel nach Bayern war Ilse Aigner (Foto) von 1998 bis 2013 Mitglied des Deutschen Bundestags von Oktober 2008 bis zum Ende der letzten Legislaturperiode Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Am 15. September 2013 erhielt sie ein Mandat für den Landtag (Stimmkreis Miesbach) und wurde anschließend stellvertretende Ministerpräsidentin und Bayerische Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie im Kabinett Seehofer II.

Im Interview mit DTJ spricht sie unter anderem über die Beziehungen zwischen Bayern und der Türkei und die Bedeutung türkischer Unternehmer für den Freistaat.

Seit einiger Zeit hat Bayern auch in Istanbul eine Wirtschaftsvertretung. Wie wichtig ist denn für Sie die Zusammenarbeit mit türkischen Unternehmern?

Die Zusammenarbeit mit Unternehmen in der Türkei ist für uns sehr wichtig. Dass wir in der Türkei mit einer Repräsentanz vor Ort sind, unterstreicht diese Bedeutung sehr deutlich. Bayerischer Vertreter ist Herr Frank Kaiser, Stv. Geschäftsführer der AHK in Istanbul. Die Zusammenarbeit bayerischer und türkischer Unternehmen entwickelt sich vielversprechend. Es sind die kreativen und innovativen Privatunternehmer, die den bilateralen Handel gestalten. Wir möchten mit unserer Vertretung der Kooperation zwischen Bayern und der Türkei zusätzliche Impulse geben.

Es gibt in Bayern auch eine Vielzahl an Unternehmen von Einwanderern. Was für eine Bedeutung haben sie für die bayerische Wirtschaft?

Die Selbstständigenquote liegt in Bayern mit 11,6 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Dass dieser Anteil unter der ausländischen Bevölkerung bzw. der Bevölkerung mit Migrationshintergrund noch höher liegt, ist aus integrationspolitischer Sicht erfreulich. Denn die Unternehmensgründung von Migranten ist ja oftmals mehr als der reine Wunsch nach Selbstständigkeit. Sie ist auch ein Signal für eine längerfristige Bleibeabsicht verbunden mit dem Ziel, für sich und die Familie ökonomische Unabhängigkeit zu schaffen. Nicht zuletzt können diese Unternehmensgründungen – insbesondere im Einzelhandel und in der Gastronomie – einen großen Beitrag zum interkulturellen Dialog und zum wechselseitigen Verständnis leisten.

Mir sind alle in Bayern lebenden Migranten sehr wichtig. Rund ein Fünftel der Menschen in Bayern hat einen Migrationshintergrund, Tendenz steigend. Ich wünsche mir, dass wir diese Bevölkerungsgruppe noch besser integrieren und vor allem die junge Migrantengeneration noch stärker in unseren Arbeitsmarkt einbinden. Der Fachkräftemangel, vor allem im beruflichen Bereich, eröffnet jungen Menschen mit Migrationshintergrund große Chancen. Sie können mit der exzellenten dualen Ausbildung in Bayern ins Berufsleben starten und gleichzeitig zur Schließung der Fachkräftelücke beitragen.

Wie fördert Bayern diese Unternehmer, damit sie ihren Beitrag für diese Gesellschaft leisten?

Unser Ziel ist es, unseren Unternehmern von der Planung ihrer Geschäftsidee bis zur späteren Unternehmensübergabe gute Rahmenbedingungen zu bieten. Das gilt für alle Unternehmer, völlig unabhängig von ihrer Herkunft.

So ist die Förderung von Unternehmertum und Gründungen beispielsweise eines der Schwerpunkprojekte meines Hauses. Mit unserem Projekt „Gründerland Bayern“ wollen wir die Finanzierungsmöglichkeiten von innovativen Ideen attraktiver gestalten und zur Vernetzung der Gründerszene beitragen. Und auch nach der Gründungsphase stehen wir an der Seite unserer Wirtschaft – zum einen durch die bereits genannten Instrumente, aber auch indem wir uns für eine investitionsfreundliche Unternehmenspolitik auf Bundesebene stark machen.

Können Sie bitte die Zahl der türkischen Unternehmen und ihre wirtschaftliche Kraft in Bayern beschreiben?

Über 100 Unternehmen aus der Türkei sind in Bayern aktiv tätig bzw. haben Niederlassungen mit türkischen Inhabern. Darüber hinaus gibt es in Bayern eine sehr dynamische bayerisch-türkische Unternehmercommunity. Damit meine ich Firmen, die von türkischen oder türkischstämmigen Inhabern gegründet und geführt werden. Ihre Wirtschaftskraft und ihre Leistungen können für ein gutes Miteinander von Türken und Deutschen in Bayern nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir begrüßen jeden Zuwachs.

Spüren die bayerischen Unternehmen noch die Wirtschaftskrise aus den Vorjahren (seit 2008)?

Die bayerischen Unternehmen haben sich mit Bravour durch die Krisenjahre 2008 und 2009 gekämpft und sind gestärkt aus der Rezession hervorgegangen. Das zeigt sich auch im bundesdeutschen Wachstumsvergleich seit Beginn der Krise: In den Jahren 2008 bis 2013 ist die Wirtschaftsleistung in Bayern um 8,5 Prozent angestiegen und damit so stark wie in keinem anderen Bundesland. Auch die Arbeitslosigkeit in Bayern ist im Vergleich zum Niveau vor der Krise in allen Landesteilen erheblich gesunken.

Natürlich ist unsere exportorientierte Wirtschaft nicht unabhängig von weltwirtschaftlichen Schocks. Aber angesichts der aktuellen konjunkturellen Delle wird einmal mehr deutlich: Die strukturelle Stärke unserer Unternehmen und die hohe Qualität ihrer innovativen Produkte und Dienstleistungen macht sie krisenresistenter. So können wir dann auch verhindern, dass wirtschaftlich schwierige Zeiten sofort auf den bayerischen Arbeitsmarkt durchschlagen.

Welche Folgen haben die Krisen im Nahen Osten (Irak, Syrien) und in der Ukraine für die bayerische Wirtschaft?

Internationale politische Spannungen haben immer auch Auswirkungen auf wirtschaftliche Beziehungen; insbesondere dann, wenn es sich – wie im Falle Russlands – bei den Krisenregionen um wichtige bayerische Handelspartner handelt und bereits Sanktionen in Kraft getreten sind. Auch wenn wir kurzfristig keine großen Effekte auf die deutsche und bayerische Konjunktur bemerken werden, so beeinträchtigen die internationalen Konflikte die Stimmung und Erwartung der Unternehmen bereits jetzt sehr deutlich. Das könnte sich mittel- bis langfristig auch auf das reale Geschäft dieser Unternehmen mit den jeweiligen Krisenregionen auswirken. Vor allem im Russland-Ukraine-Konflikt muss deshalb auch aus wirtschaftspolitischer Sicht auf Deeskalation gesetzt werden, um langfristige Schäden in den Handelsbeziehungen zu vermeiden.

Im Fall von Syrien brechen die Wirtschaftsbeziehungen schon seit 2010 ein. Im Irak sind unsere Ansätze zu einem Wiederaufbau der guten Wirtschaftskontakte gefährdet.