Türken- und Islamfeindlichkeit aus Sicht deutscher Karikaturisten

Der Westen, Muslime und Karikatur… Diese drei Wörter erinnern viele zuallererst an den geschmacklosen Fall in Dänemark. Die Rede ist hier von den Zeichnungen, die den Propheten Muhammed herabsetzen. Wir haben aber dennoch auch gute Nachrichten. Der Islam und die Muslime werden in Europa nicht nur mit negativen Zeichnungen thematisiert. In europäischen Medien gibt es auch solche Karikaturisten, die mit ihren Schriftspitzen nicht Muslime, sondern islam- und muslimfeindliche Politiker anstechen. Zudem sind sie ziemlich viele. Das erzählt uns Dr. Murat Erdogan, der ein Archiv von Karikaturen über Islam, Muslime und Migranten in den europäischen Medien der letzten 15 Jahre erstellt hat. Die Folge war eine Ausstellung seiner Sammlung, die sich über die Islamophobie mokiert.
Erdogan ist der Projektmanager des Zentrums für Migrations- und Politikforschungen an der Universität Hacettepe. Mit seiner Ausstellung„50 Jahre türkische Migration aus der Sicht deutscher Karikaturisten“ präsentierte er 50 Karikaturen von 15 Zeichnern. Die Besucher der Ausstellung begegnen hier beispielsweise Merkel, die nicht nur die Türkei, sondern sogar Kreuzberg innerhalb der EU nicht dulden kann. In einer anderen taucht ein Abgeordneter auf, den seine Sekretärin tadelt, weil er den ganzen Tag noch keine Islamkritik geübt hat. Eine deutsche Frau fällt vor einem Kind in Ohnmacht, das ein Kostüm in Form eines Minaretts anhat.
Dr. Erdogan sagt, die Karikaturen in den deutschen Medien, die den Islam oder die türkischen Migranten aufgreifen, seien zu 90 Prozent positiv. Die Karikaturisten wählen eine mokante Sprache gegen die Politiker oder Gesellschaft, wenn es sich um die türkischen Migranten handele. Sie zeichnen jedoch aggressiv bei Themen wie die EU-Mitgliedschaft der Türkei. Dies sei auf die „Tayyibophobie“, die Phobie vor Erdogan, zurückzuführen, die sich in Europa als Trend erwiesen hat. „Die Türkei ist nunmehr ein stärkeres Land, das eigenmächtig handeln kann. Man hat den Eindruck, dass dies nur mit der Haltung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu tun hat. Das beunruhigt in allen Bereichen, einschließlich der Medien. Sie wollen sich gegenüber der Türkei irgendwie durchsetzen“, sagt der Forscher.
Auch nach den Neonazi-Morden seien zahlreiche Karikaturen zu Gunsten der Migranten erschienen, die er mit einer anderen Ausstellung präsentieren wolle.  
„Die deutsche Reaktion gegen Sarrazin ist zwanzigfach so groß wie die türkische“
Er findet solche positive Zeichnungen sehr wichtig. „Das sind Zeichnungen von Karikaturisten, die ihre eigene Politiker und Gesellschaft kritisieren. Wenn diese von Türken gezeichnet worden wären, hätten sie nicht dieselbe Auswirkung“ sagt Erdogan. Das sei ein Zeichen dafür, dass die Zeitungen, die diese Karikaturen veröffentlichen, die Migranten unterstützen. Als bestes Beispiel für diese Unterstützung zeigt er die Reaktion der deutschen Intellektuellen gegenüber Sarrazin, der mit seinem Buch die Türken im Land herabsetzte. „Ihre Reaktion war zwanzigfach so groß wie in der Türkei.“ Sicher sei er jedoch nicht, ob die deutsche Gesellschaft in demselben Maße reagiere. 
Bei der Ausstellung fällt übrigens auf, dass neben Merkel am meisten Sarrazin karikiert wird. Harm Bengen´s Karikatur mit Ahmed, der sich als Sarrazin verkleidet und die ganze Familie erschreckt, genießt vor allem bei den türkischen Besuchern große Beliebtheit. In einer anderen Karikatur fragt eine Mutter ihren Sohn, was er heute in der Schule gelernt hat. „Dass ich nicht zu diesem Land gehöre“ lautet die Antwort ihres Sohnes.
Es gibt viele andere Beispiele für die künstlerische Empfindlichkeit und Empathie der der deutschen Karikaturisten, die bis zum 18. Februar in Istanbul zu besuchen ist.
Die Karikaturenzeichner, deren Arbeiten bei dieser Ausstellung präsentiert werden, wissen sind sich dessen bewusst, dass die multikulturelle Struktur eines der wichtigsten Themen Deutschlands darstellt. Viele haben dank ihrer sozialen Umgebung  die Möglichkeit, Migranten näher zu beobachten.
“In Kreuzberg leben und Migranten auslassen gehört sich nicht”
Klaus Stuttmann (Tagesspiegel):Ich lebe in Kreuzberg, die als “Türkenviertel” bekannt ist.  Ich sehe hier Probleme, die wegen des Zusammenlebens zwischen der deutschen und der türkischen Gesellschaft entstehen. Die muss ich zeichnen. Ich bekomme aber keine negative Kritik für meine Karikaturen, die in ernsten Medien mit intellektuellem Leserkreis veröffentlicht werden.
“Mein Stift ist ein Kampfmittel gegen Klischees”
Heiko Sakurai (Berliner Zeitung): Das multikulturelle Leben wird in Zukunft eine der wichtigsten Fragen sein. Das erachte ich für wichtig und bekomme keine negative Kritik. Auch über Religionen soll man zeichnen dürfen. Aber die herabsetzenden Karikaturen in Dänemark heiße ich nicht willkommen. Das waren provokante Zeichnungen. Karikaturen sollten als ein Mittel gegen Klischees dienen.
“Eine Zeichnung kann einflussreicher als ein Artikel sein”
Harm Bengen (Traunsteiner Tageblatt): Ich mag es, meine ablehnende Haltung gegenüber der Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit mit Karikaturzeichnungen zum Ausdruck zu bringen. Die Reaktionen sind meistens sehr positiv. Manche Zeichnungen von mir sind unter den Türken sehr populär; vor allem die Karikaturen gegen Sarrazin und sein Buch. Die Bekämpfung der Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und des Neonazismus und Faschismus ist ein wichtiger Bestandteil der Verteidigung der Menschenrechte. Karikaturen können manchmal in dem Sinne einflussreicher als ein recht langer Artikel.
“Ich habe den Koran fast zur Gänze gelesen”
Freimut Wössner (Tageszeitung): Ich interessiere mich sehr für religiöse und kulturelle Themen. Ich habe den Koran fast zur Gänze gelesen. Ich lebte lange Jahre in einem der multikulturellen Gebiete von Berlin. Meine Kinder besuchten eine Schule mit vielen türkisch-, arabisch- und italienischstämmigen Schülern. So hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Lebensweisen, Denkarten und Überzeugungen zu beobachten. Ich mag keine Karikaturen, die aus welchem Grund auch immer eine Religion und ihre Angehörigen beleidigen. Es spielt keine Rolle, ob diese Religion nun das Christentum, Judentum oder der Islam ist. Auf der anderen Seite hat keiner das Recht, jemanden im Namen der Religion zu töten. 
ZEYNEP KILIC/ZAMAN