„Um Platz zu sparen“: Ist „Nafri“ rassistisch oder nicht?

KOMMENTAR „Silvester“ und „Köln“. Zwei Begriffe, die den Beginn des Jahres 2016 dominierten. Dieses Jahr ist es nicht anders. Nur ist nun ein weiterer hinzugekommen: „Nafri“.

„Nafri“ sind Nordafrikaner. Menschen aus Algerien, Marokko und Tunesien. Es sollen vor allem sie gewesen sein, die im letzten Jahr am Kölner Hauptbahnhof Frauen belästigten.

Während sich damals also die Diskussion um die sexuellen Übergriffe drehte, ist es diesmal ganz anders. Waren die Personenkontrollen gerechtfertigt? Und vor allem: Was sollte der Begriff „Nafri“?

Von „racial profiling“ und „institutionellem Rassismus“

Die deutschen Behörden sehen sich schon lange dem Vorwurf ausgesetzt, „racial profiling“ zu betreiben. Also Menschen nach Hautfarbe, Kleidung oder Sprache zu beurteilen und zu kontrollieren. Darüber hinaus fällt in diesem Zusammenhang auch oft der Begriff „institutioneller Rassismus“.

Die Behörden und viele Medien sind sich sicher. Das Verhalten der Polizei am Wochenende war nicht rassistisch. Den Begriff „Nafri“ finden viele hingegen unpassend und diskriminierend. Die Polizei selbst war es, die ihn auf Twitter benutzte und so die Diskussion in Gang setzte.

Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies hat das nun heute Morgen bedauert. „Nafri“ sei ein „Arbeitsbegriff“ innerhalb der Polizei. Ein Polizeisprecher erklärte noch am Sonntag, der Begriff „Nafri“ sei „frei jeder Wertung“. Das sahen viele Kritiker anders. Der SPD-Mann und frühere Piraten-Politiker Christopher Lauer etwa nannte den Begriff „in hohem Maße entmenschlichend“.

Auf Facebook schreibt User Adil B.: „Ich finde die Jungs gehören mit aller Härte bestraft und können dorthin zurück, wo sie hergekommen sind. Ich vertrete vielmehr die hier geborenen Migrantenkinder, die hier entspannt leben, arbeiten und der Gesellschaft etwas zurückgeben (es gibt uns ;-)). Ich habe keine Frauen belästigt, keine Polizisten beleidigt. Meine Freunde haben das auch nicht gemacht. Diese werden durch den Begriff NAFRI beleidigt. Ich fühle mich durch diesen Begriff beleidigt, auch wenn ich nicht gemeint bin.“

Wer erinnert sich an die „Dönermorde“?

Es kommt nicht zum ersten Mal vor, dass sich die Polizei Kritik anhören muss. Bereits im Zusammenhang mit der Mordserie zu Beginn des letzten Jahrzehnts, der mindestens acht Türken, ein Grieche und eine Deutsche zum Opfer fielen, gab es Vorwürfe. Die Behörden waren von organisierter Ausländerkriminalität ausgegangen und hatten einen rechtsextremistischen Hintergrund weitgehend – und frühzeitig – ausgeschlossen. Die Soko wurde zudem „Bosporus“ genannt. In den Medien war die Rede von „Dönermorden“. Am Ende flog eine Terroristenzelle in Zwickau auf, der „Nationalsozialistische Untergrund“. 

Es war richtig, dass die Polizei ihre Arbeit gemacht und verstärkt Präsenz gezeigt hat rund um den Kölner Hauptbahnhof. Was im vergangenen Jahr passiert ist, darf sich nie wiederholen. Die Frage ist, wie sie ihre Arbeit macht.

Dass der Begriff als „Arbeitsbegriff“ Verwendung findet, ist keine Entschuldigung, eher ein Alarmsignal. „Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man“, wird ein Polizeisprecher im Spiegel zitiert. Allein das darf nicht als Grund für eine Kontrolle ausreichen.

Und den Umgang mit Twitter müssen die Behörden auch noch üben. Nach dem Eklat um den Hashtag „Tunesier“ im Zusammenhang mit dem Anschlag in Berlin, den das Bundesinnenministerium twitterte, erfolgte jetzt in Bezug auf „Nafri“ eine halbherzige und peinliche Erklärung: Man habe ihn benutzt, „um Platz zu sparen“ auf Twitter. Wer auch immer für solche Erklärungen verantwortlich ist, man sollte diese Person ihrer Aufgaben entbinden – um Personalkosten zu sparen.