Deutsch-türkische Beziehungen im Schatten des Flüchtlingsdeals

Visafreiheit: Warum nicht mal nur an die Türken hier denken?

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Die meisten Türkeistämmigen hierzulande sind mit der Bundesregierung unzufrieden. Gerade die jüngsten Ereignisse (sei es die Visafreiheit oder die Armenier-Resolution, die ungeahnte Wellen geschlagen hat) haben die Türkeistämmigen – egal welcher sozialer Herkunft, Altersgruppe oder Glaubensrichtung – maßlos enttäuscht.

Die deutschen Medien und ein großer Teil der Politiker stellen es so dar, als wäre die Quelle allen Übels Erdoğan. Er sei auch dafür verantwortlich, dass das Visaabkommen auf Eis gelegt wurde. Aber ist es nicht eher so, dass permanent nach irgendwelchen Gründen gesucht wurde, um das Abkommen zu umschiffen?

Mal ehrlich – welcher deutsche Politiker reißt sich denn darum, dass ein solches Abkommen zustande kommt?

Dennoch: Die Türkeistämmigen in Deutschland hätten sich definitiv über die Visafreiheit gefreut. Zählt das denn gar nicht?

Es leben mindestens drei Millionen Türkeistämmige (wenn nicht noch mehr) in diesem Land. Es gibt unzählige deutsch-türkische Ehen (Tendenz steigend) – eine der bekanntesten ist die Ehe zwischen dem Sohn von Alt-Bundeskanzler Kohl und einer Türkin. Diese Mischehen werden auch in Zukunft weiter zustande kommen.

“Good Cop, Bad Cop”

Die Türkeistämmigen leben seit Jahrzehnten in Deutschland, aber fühlen sich immer noch nicht wertgeschätzt.

Obwohl viele von ihnen wirklich einen guten Beitrag für das Land leisten, werden sie immer noch wie Außenstehende oder bei Bedarf auch als Fremdkörper gesehen und dementsprechend behandelt.

Bei jeder Gelegenheit lassen einige Politiker sie dies auch spüren. Ob in Bezug auf die doppelte Staatsbürgerschaft oder bei vielen anderen Angelegenheiten – immer ziehen ausgerechnet die Türkeistämmigen den Kürzeren.

Klar gibt es noch vereinzelt Politiker, die sich trotz Gegenwind für die Interessen der Türkischstämmigen einsetzen. Das ähnelt dann aber dem Motto “Good Cop, Bad Cop”.

All diese Spielchen habe ich endgültig satt! Da bringen die Schuldzuweisungen der Politiker an Erdoğan auch nichts mehr. Auch an den kriselnden deutsch-türkischen Beziehungen scheint niemand außer Erdoğan Schuld zu haben. Die fast 200-jährigen Beziehungen waren auch schon in der Vergangenheit nicht ausschließlich von Sonnenschein geprägt.

Die Schattenseiten haben wir mehr der hinterhältigen, opportunistischen Politik zu verdanken, als den Türkischstämmigen. Letztere erfüllen im Großen und Ganzen ihre Aufgaben als Bürger, zahlen ihre Steuern und haben sich mit vielen Dingen abgefunden – auch damit, dass sie selbst in vierter Generation noch nicht an Kommunalwahlen teilnehmen dürfen, während es jeder EU-Bürger darf. So wird die Integration aber nie funktionieren!

Es entsteht manchmal der Eindruck, als ob es die deutsche Politik regelrecht auf die Türkeistämmigen abgesehen hätte. Sie versuchen jederzeit mit Vereinen oder -gemeinden uns das Gefühl zu geben, dass wir vertreten werden – sei es durch den Zentralrat der Muslime oder die TGD. Diese werden ernst genommen und bewusst auch von der deutschen Politik gefördert, zumal sie auch selbst durch Stiftungen und andere Organisationen diese Strukturen mit aufgebaut hat.

Erdoğan hingegen ist ein Diktator, aber dank ihm konnten viele Millionen Türkeistämmige das erste Mal in Deutschland wählen.

Es geht nicht darum, wen oder was sie wählen, sondern darum, dass sie überhaupt wählen durften. Ihre Meinung war etwas wert.

Wem sollen wir also künftig glauben? Quo vadis, deutsche Politik? (Foto: dpa)