Waffenbrüderschaft oder die Suche nach einem „Platz an der Sonne“?

Während die deutsche Botschaft in Ankara davon spricht, dass die türkisch-deutschen Beziehungen auf eine „lange, gute Tradition“ zurückblicken können, nimmt der Deutsche Bundestag Bezug auf eine deutsch-türkische „Waffenbrüderschaft“ während des Ersten Weltkriegs. Des Weiteren beschreibt man das enge Verhältnis zur Türkei, das spätestens mit dem 1924 unterzeichneten „deutsch-türkischen Freundschaftsvertrag“ auch schriftlich besiegelt wurde, seitens des offiziellen Deutschlands als eine „Entstehung bilateraler Strukturen mit dem primären Ziel der wirtschaftlichen Kooperation.“

Betrachtet man den Begriff „Freundschaft“ im übertragenden Sinn, so bezeichnet sie ein oftmals vertraglich geregeltes, aber auch über bloße Verträge hinausgehendes gutes politisches Verhältnis zwischen Völkern und Nationen. Da es besonders ab dem Jahr 1880 zu einem Erstarken der interkontinentalen Beziehungen auf der Basis wirtschaftlicher Interessen kam, wird hier in der Regel von einer „freundschaftlichen Beziehung“ gesprochen. Denn das Osmanische Reich versprach sich aus der Verbindung zu Deutschland einen neuen und starken Verbündeten zum Wohle des eigenen Reiches. Deutschland sah seinerseits die Chance, sich einen neuen Absatzmarkt zu eröffnen.

Was der Definition einer „Freundschaft“ widerspricht, ist die Tatsache, dass in einem geheimen Memorandum mit dem Titel „Deutschlands Ansprüche an das türkische Erbe“ von 1896 andere, versteckte Absichten sichtbar werden, nämlich die Schaffung eines gleichsam „deutschen Indiens“ im Osmanischen Reich, verbunden mit der Hoffnung auf einen „Platz an der Sonne.“

Die Bosporus-Germanen

Heute leben schätzungsweise 40.000 Deutsche in der türkischen Metropole Istanbul. Einige von ihnen sind bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also seit mehreren Generationen, mit ihren Familien dort ansässig. Sie werden als „Bosporus-Germanen“ bezeichnet. Sie haben einen eigenen Status in der Türkei und repräsentieren eine spezielle Gruppe „deutscher Einwanderer.“ Mit oftmals gut wirtschaftenden Unternehmen und einigem Vermögen gelten sie unter der deutschen Gesellschaft in Istanbul als eine Art Adel mit Vorrechten, nach dem Motto: „Wir leben länger in dieser Stadt, daher gehört sie uns mehr als den anderen.“ Im Zuge verschiedenster Ereignisse, wie dem Zerfall des Osmanischen Reichs und dem Ausbruch des Nationalsozialismus, kam es zu weiteren Migrationsbewegungen von Deutschland aus, darunter auch in die Türkei. Im Gegensatz zu den ersten türkischen Arbeitsmigranten, die nach Deutschland gingen, um als ungelernte Hilfskräfte zu arbeiten, waren die ersten deutschen Einwanderer in Istanbul meist Handwerker und Geschäftsleute.

Eine andere Gruppe von deutschen Einwanderern bildeten die Berater der Deutschen Militärmission, die auf Wunsch des Sultans im Osmanischen Reich das Armeewesen reformieren und modernisieren sollten. Der wichtigste Militärberater war wohl Helmuth von Moltke, der sich bereits von 1835 bis 1839 in Istanbul aufgehalten hatte.

Zwischen 1933 und 1945 flüchteten viele aus Deutschland stammende Vertriebene, politisch Verfolgte und Flüchtlinge in die Türkei und einige von ihnen blieben auch nach dem Ende des Krieges dort. Heute noch existieren in Istanbul eine deutsche Gemeinde und mehrere deutsche Institutionen, wie z.B. das Deutsche Krankenhaus und die Deutsche Schule, außerdem deutschsprachige evangelische und katholische Kirchengemeinden in der Nähe des Taksim-Platzes und in Karaköy. Der Einfluss der deutschen Migranten in der Türkei zeigt sich auch heute noch in einigen imposanten Bauten, die es geschafft haben, bis in die heutige Gegenwart zu überdauern. Dazu gehören die Krupp-Villa sowie die Deutsche Fountain (ein als Pavillon gestalteter Brunnen in der Nähe des Hippodroms), um nur zwei der vielen Beispiele zu nennen.

Deutsche Großunternehmen im Osmanischen Reich

Ein weiteres erwähnenswertes Objekt deutscher Architektur ist der Haydarpaşa-Bahnhof, der heute das größte Bahn-Terminal in der Türkei darstellt und zu Zeiten des Osmanischen Reiches die westliche Endstation der Bagdadbahn war, deren Bau und Finanzierung ebenfalls auf Deutsche unter der Herrschaft Kaiser Wilhelms II. zurückging.

Zweifellos kam nicht zuletzt den Bosporus-Germanen ein nicht unerhebliches Verdienst um die erstarkenden wirtschaftlichen Verbindungen zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich zu. So können Weltunternehmen wie Siemens, Bosch, Krupp, Thyssen und die Deutsche Bank heute auf eine mehr als 100-jährige Geschichte in Anatolien zurückblicken. Einige von ihnen sind erst auf dem Wege ihrer Geschäftstätigkeit im Osmanischen Reich richtig groß geworden. Die Bosporus-Germanen hatten auch die jungtürkische Bewegung unterstützt, auf deren Wirken hin 1923 die moderne Türkei als republikanischer Nationalstaat entstanden ist.

Wie fast alle Beziehungen haben auch die deutsch-türkischen Beziehungen ihre Sonnen- und Schattenseiten und funktionieren am besten, wenn beiderseitige Interessen gewahrt bleiben.

Wie sollte es auch anders sein?