Wann endet der Ramadan? Ein Erklärungsversuch für die Uneinigkeit

Muslime weltweit begehen seit dem 26. Mai den Fastenmonat Ramadan. Doch wann er beginnt und wann er endet, das unterscheidet sich von Land zu Land. Seit Jahrzehnten versucht die islamische Welt, sich auf einheitliche Termine zu verständigen. Warum ist das überhaupt so schwierig? Ein Erklärungsversuch.

Von Hüseyin Topel

„Wie der Prophet Joseph sollte jeder Muslim versuchen, der Gesellschaft, in der er lebt, nützlich zu sein. (…) Das Leben des Propheten Joseph gibt ein Beispiel dafür. Für Muslime in Europa ist es an der Zeit, nach diesem Verständnis zu handeln und zu versuchen, für Europa das zu sein, was Joseph für Ägypten war.“

Das schreibt Hakan Aydin, Dozent im Zentrum für islamische Theologie an der Universität in Münster, in seinem Buch „Der Islam im europäischen Zusammenleben“. Der Joseph aus der hebräischen Bibel, dem christlichen Alten Testament, wurde von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft und stellte sich dort auf die Bedingungen in der neuen Umgebung ein. Für Hakan Aydin ist Joseph, der im Islam zu den Propheten zählt, ein Vorbild für Muslime in Europa. Denn es gehe darum, die eigenen islamischen Lebensbedingungen problemlos mit anderen Kulturen zu verbinden. Zum Beispiel für religiöse Festtage. 

Die wichtigen religiösen Tage des Islam sind mit dem Mondkalender festgelegt. Deshalb ist es heute gängig vom islamischen Kalender zu sprechen. Der Dozent Aydin widerspricht aber: „Eigentlich gibt es so etwas wie einen islamischen Kalender gar nicht. Und hier richten wir unser tägliches Leben ja ohnehin problemlos nach dem Kalender nach Christi Geburt aus. Das ist für uns hier vollkommen in Ordnung“.

Juden, Christen, Sunniten, Schiiten, Aleviten – Alle richten sich nach dem Mondkalender

Dass religiöse Festtage nach dem Mondkalender ausgerichtet werden, kennen auch Judentum und Christentum, wie etwa an Pessach und Ostern. Das gilt auch für die gesamte islamischen Welt, sowohl für die Schiiten, die Sunniten und Aleviten. Denn, neben der Fastenzeit im Ramadan, wird der von Aleviten mit besonderer Ehre begangene islamische Fastenmonat Muharrem selbstverständlich auch nach dem Mondkalender jährlich ermittelt. Der Mondkalender ist besonders wichtig für den Beginn des Fastenmonats Ramadan und Muharrem, weil man nur so festlegen kann, wann man mit dem Fasten beginnen und auch aufhören muss.

Aber es gibt keine religiöse Autorität, die offiziell die religiösen Tage für alle verbindlich festlegt. Deshalb fallen die Termine unterschiedlich aus. Für heftige Diskussionen in der islamischen Welt sorgt zum Beispiel immer wieder, dass die Araber und die Türken, die sich beide am Mondkalender orientieren, dennoch zu unterschiedlichen Berechnungen kommen. Denn sie wenden unterschiedliche Methoden an. Eines dieser unterschiedlichen Methoden ist die Sichtung mit dem bloßen Auge, wie Aydin sagt: „Viele Araber versuchen auf dem möglichst höchsten Punkt einer Landschaft, einem Hügel oder so, den Neumond nach traditioneller Art, also mit dem bloßen Auge zu sichten. Wenn man den Neumond mit dem bloßen Auge noch nicht sehen kann, dann lehnen sie es auch ab, mit dem Fasten zu beginnen und warten auf den nächsten Tag. Sie legen Wert darauf, dass man den Termin ohne Hilfsmittel nur mit dem bloßen Auge festlegen muss.”

Ganz anders sei das beispielsweise bei den Türken. Sie setzen technische Hilfsmittel wie zum Beispiel Teleskope ein:  „Technisch betrachtet gibt es da gar kein Hindernis und man könnte sogar sagen, dass die islamische Religion es so möchte, weil nach der Religion nur festgestellt werden muss, wann genau der Neumond beginnt. Man schaut auf die modernen Mittel und wägt ab, auf welche Weise man dem Zweck am ehesten gerecht werden kann.“

Wenn man die modernen Mittel nicht nutzt, läuft man Gefahr, die religiösen Vorgaben nicht korrekt zu erfüllen, meint Aydin: „Wenn man diese Methodik nicht anwendet, entstehen leider Gottes solche Schreckgespenster, wie der Salafismus. Leute, die keine Ahnung davon haben, wie man den Koran zu verstehen hat und wie man Sachen zeitgemäß auslegen kann. Sie sehen nur einfach die Wörter und meinen danach handeln zu müssen. Sie sind blind gegenüber der notwendigen Erkenntnis.“

Die Diskussionen darüber, wie sich die islamische Welt auf gemeinsame Standards für die Festlegung der religiösen Festtage einigen kann, wird seit Jahrzehnten erfolglos geführt. Aydin sagt dazu: „1978 gab es einen Entschluss vieler islamischer Länder, inklusive Saudi Arabiens, der besagte, dass das Wichtige es sei, den Neumond zu sichten, ganz gleich ob mit bloßem Auge, oder mit moderner Technik.“ Bis heute wurde dieser Beschluss nicht in die Tat umgesetzt. Auch das Treffen von Vertretern aus den verschiedenen islamischen Ländern in diesen Wochen in Istanbul brachte keinen Fortschritt. Insbesondere das Königreich Saudi-Arabien hält an den alten Regeln ohne technische Hilfsmittel fest. Und das, obwohl es zu den Unterzeichnern des Beschlusses von 1978 zählt. Der Islamwissenschaftler Hakan Aydin von der Universität Münster hoffe, dass Saudi-Arabien sich endlich an diesen Entschluss hält und die Muslime in Europa von diesem Zerwürfnis befreit. Wenn Saudi-Arabien diese Entscheidung mittragen würde, könnten davon am meisten die Muslime in Europa profitieren.

Das Dilemma von Anfang und Ende ist in Europa ein größeres Problem

Für die Muslime in Saudi-Arabien und in den anderen islamischen Ländern hätte eine solche Entscheidung in der Praxis keine besondere Bedeutung, da in diesen Ländern ohnehin die gesamte muslimische Bevölkerung religiöse Feste gemeinsam wahrnimmt. In Europa ist ganz anders. Schließlich leben hier Muslime aus den unterschiedlichsten islamischen Ländern und Weltregionen. Wenn diese sich nach den Terminen in ihren Heimatländern richten, kann es dazu führen, dass an drei verschiedenen Tagen das Ende des Ramadans gefeiert wird: „Die Muslime in Europa richten sich nach ihren Herkunftsländern, da sie sich mit ihren Verwandten in der Heimat gemeinsam freuen möchte. Wir müssen nun auf Folgendes schauen, wir Muslime in Europa: Während die muslimischen Länder weltweit es nicht auf die Reihe kriegen, sich zu einigen, müssen die Muslime in Europa aber schon zu einer Einigung kommen. Das ist auch ein wichtiger Schritt, um in Deutschland zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts werden zu können.“, so Aydin.

Da es keine religiös-geistliche Autorität gibt, die hier eine Entscheidung treffen kann, führt kein Weg daran vorbei, dass sich die islamischen Ländern einigen. Doch hier bremse in der Regel Saudi-Arabien, das, als Heimat des Propheten Mohammed (fsm), seinen geographisch-historischen Vorteil als besondere Autorität ins Spiel bringe, meint der Theologe: „Leider machen wir Muslime uns mit solchen Situationen nur lächerlich. Sich davon zu befreien ist, sich auf die korrekteste Methode zu einigen. Dass die Saudis unter dem Beschluss von 1978 unterschrieben haben, beweist doch ihr Unrecht.“

Auch für das muslimische Leben in Deutschland wäre eine gemeinsame Festlegung der islamischen Feiertage von Vorteil. „Auch Deutschland wird es bevorzugen, dass man die muslimischen Feiertage frühzeitig festlegen kann. Ein muslimischer Arzt wird wohl kaum nur drei Tage vorher sagen können, wann er nicht kommen kann wegen seiner Feier.“