Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buches
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Von Musa Bağraç

Jahrzehntelang wurde in Deutschland die Realität verweigert, als es darum ging, sich als Einwanderungsland zu begreifen. Würde ein Individuum seine Realität dermaßen verweigern, wäre er sicherlich ein Fall für die Psychiatrie. Diese Regel scheint jedoch nicht zu gelten, sobald alle mitmachen. Vielleicht werden ja in den Psychiatrien unseres Landes wirklich die Falschen behandelt.

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Klaus J. Bade, ein mehrfach als Kenner der Materie ausgewiesener Migrationsforscher, sieht in seinem zuletzt erschienen Buch „Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, „Islamkritik“ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft“ seit einigen Jahren ein Wiederaufleben der massenhaften Realitätsverweigerung. Der anfängliche Millenniumoptimismus, der führende Politiker und Intellektuelle motiviert hatte, eine Debatte über die längst überfällige gemeinsame Identität in der Einwanderungsgesellschaft zu starten, ist inzwischen völlig versandet.

Stattdessen müssen Ersatzdebatten herhalten. Bade zeigt exemplarisch an der seit Mitte der 2000er in Deutschland immer mehr salonfähig gewordenen „Islamkritik“, wie die Grenze zwischen „Wortgewalt“ und „Tatgewalt“ verwischt. Wortgewaltige Täter wie Sarrazin, Kelek & Co. vertreten vehement die Ansicht, der Islam sei als Religion und Kultur nicht mit unserer westlichen Kultur kompatibel, nicht integrierbar und daher gemeingefährlich. Wenn Muslime dazu gehören wollen, müssten sie dem Islam abschwören. Diese vulgärideologischen Argumente – die selbst fundamental den Kernbeständen des Grundgesetzes widersprechen – sind deckungsgleich mit jenen rechtsextremistischer Täter wie Breivik, Wiens und Zschäpe. Diese ziehen die als Argumente verschleierten Hasstiraden zur Legitimierung ihrer Tatgewalt heran.

Spiegel und Bild als Plattformen für Rassenhass

Patrick Bahners, Ex-Feuilletonchef der FAZ, bezeichnet die ersteren zutreffend als die „Panikmacher“. Aber auch er muss eingestehen, dass es Sarrazin, Kelek & Co. ohne die mediale Unterstützung es weder zur bundesweiten Bekanntheit geschafft, noch breiten Zuspruch bekommen hätten. Daher gilt zu fragen, wer also diese Journalisten sind, die als Meinungsmacher den Rücken der Panikmacher freihalten und ihnen zur „Meinungsmacht“ verhelfen? Denn ohne die Meinungsmacht, die der Wortgewalt erst ihre Schlagkraft verleiht und folglich in die Tatgewalt mündet, wären die Panikmacher ähnlich ohnmächtig wie rechtsextremistische Kleinstgrüppchen im Umfeld der NPD. Wenn es dann und wann passiert, will es aber wieder keiner gewusst haben und gewesen sein und sucht schnell die Rückkehr zur Tagesordnung.

Klaus. J. Bade widmet sich in „Kritik und Gewalt“ auch diesen Meinungsmachern und entschleiert ihre Absichten. Denn ohne die Patronage bestimmter Alpha-Journalisten in den Leitmedien hätten Panikmacher wie Sarrazin, Kelek & Co. weder protegiert noch salonfähig gemacht werden können. Sie wären machtlos, weil sie nicht weiter beachtet würden. Panikmacher und Meinungsmacher sind also gemeinsam Hand in Hand für die Etablierung und Verbreitung islamfeindlicher Hasstiraden in Deutschland verantwortlich.

Noch bevor sich das Kampfpamphlet von Sarrazin in Millionen Bücherregalen einnisten konnte, wurden Auszüge daraus unter reißerischer Begleitmusik in Spiegel und Bild vorab gedruckt. Ob der Bild damit nur ein Spiegel vorgehalten wurde oder der Spiegel darin das Bild eines Seelenverwandten wiederentdeckte, wird in naher Zukunft das Gewissen der Republik beantworten.

In „Kritik und Gewalt“ gibt Bade auch Antworten auf die Frage, wer zu den medialen Schutzherren von Sarrazin, Kelek & Co. zählt. Denn kein besonnener Mensch würde den Hasspredigern von sich aus Glauben schenken. Es sei denn, die Alpha-Meinungsmacher der Leitmedien chauffieren und hofieren sie. Dieses Netzwerk kann man auch als ein machtvolles, mysteriöses Bermuda-Dreieck der Medien bezeichnen, das aus Frank Schirrmacher (FAZ), Andrea Seibel (Welt) und Matthias Matussek (Spiegel) besteht.

„Angst“ als Universalausrede

Was wäre eine Kelek ohne die uneingeschränkte Rückendeckung Frank Schirrmachers, des FAZ-Herausgebers und führenden Intellektuellen? Ohne eine federweiche Einbettung und polierte Einrahmung sehe sie wohl, wie der Name schon hergibt, sehr roh und dümmlich aus. Die Unterstützung kommt nicht von ungefähr. Schirrmacher meinte bereits in Sarrazin den „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“ erkannt zu haben. Man will gar nicht wissen, was er wohl in Hitler sieht.

So wurden Kelek und Sarrazin dauerhaft gegenüber jeglicher Kritik in Schutz genommen. Die Behauptung, vor etwas Angst zu haben, scheint in Deutschland immer noch von nicht unerheblichen Teilen der Gesellschaft als Freibrief für Verbalradikalismus und geistigen Amoklauf betrachtet zu werden. In „Kritik und Gewalt“ lesen wir, dass die eher rohen und dürftigen Beiträge Keleks redaktionell stets auf Vordermann gebracht werden müssen, bevor sie der Leserschaft zugemutet werden können.

Am Ende konnte sie als „Starkolumnistin“ in den Feuilletonseiten ihre islamfeindlichen Äußerungen loswerden, und das an Patrick Bahners, dem damaligen Feuilletonchef der FAZ, vorbei. Patrick Bahners veröffentlichte daraufhin seine mittlerweile legendär gewordene Kritik in Buchform mit dem Titel „Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam“. Darin deckt er die fast schon ins Kriminelle reichenden Machenschaften von Sarrazin, Kelek & Co. auf.

Doch für Schirrmacher konnte es mit der eingeschränkten Unterstützung für seine Schützlinge nicht weit genug gehen. So veranlasste er eine Abrechnung mit Bahners in Form einer Rezension und das ausgerechnet durch Sarrazins Feder und ausgerechnet in den FAZ-Feuilletonseiten. Sarrazin sagte ihm darin eine Nähe zum islamistischen Gedankengut nach und verunglimpfte ihn als „Erdoğans Ghostwriter“ – und somit schaffte es einer, der sich inhaltlich selbst als Ghostwriter von Diktatoren großteils verflossener faschistischer und kommunistischer Schurkenstaaten des 20. Jahrhunderts bewiesen hat, auch in die Spalten des angeblich konservativ-bürgerlichen Vorzeigeformats. Dem de facto auf eigenem Terrain bloßgestellten und entmachteten Chef blieb wohl nichts anderes mehr übrig als sich „auf eigenen Wunsch“ als Kulturkorrespondent degradiert nach New York abzusetzen.

Ob die diffamierenden Machtkämpfe in der FAZ womöglich Thomas Steinfeld dazu veranlassten, sich unter einem Pseudonym im Krimi-Roman „Der Sturm“ an seinem ehemaligen Chef Schirrmacher zu rächen, ist noch nicht ausdiskutiert. Gründe hierfür hätte der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung als Freund und ehemalige FAZ-Mitarbeiter an der Seite Bahners‘ zur Genüge gehabt. In dem Roman wird Schirrmacher als jemand karikiert, der gelegentlich Kontakt zu sehr jungen Frauen suche und seine Zeitung führe „wie ein Bankier einen Hedgefonds, als spekulatives Geschäft“.

Wie die Genossin „Mitsu“ weiterhin dem Klassenauftrag nachkommt

Bei den Enthüllungen rund um den Roman mischte sich auch der selbsternannte Erzkatholik Matthias Matussek mit ein, der nach eigenen Angaben gerne Missionar werden wollte, es am Ende aber bloß zum Spiegel-Redakteur schaffte. Er ließ kein gutes Haar an Steinfeld und nahm Schirrmacher bedingungslos in Schutz. Denn neben Schirrmacher gehört auch Matussek – ungeachtet der gegenläufigen Position des Papstes – zum Netzwerk der Schutzherren und Meinungsmacher im Sumpf der „Islamkritik“. Im Spiegel wie auch auf Webseiten wie die „Achse des Guten“ führt er seinen Missionskampf gegen den Islam in der Manier eines Kreuzritters beharrlich weiter. Denn der Islam sei eine Bedrohung und gehöre nicht zu Deutschland. Und sobald Matussek in „Die Panikmacher“ einen Dschihad gegen Islamkritiker erkennen wollte, bekam auch Bahners die geballte Ladung des Missionars zu spüren.

Die Dritte im Bunde des medialen Netzwerks ist die Sarrazin- und Kelek-freundliche Andrea Seibel, ihres Zeichens stellvertretende Chefredakteurin der Welt und der Berliner Morgenpost. Medienwissenschaftler bescheinigen der Welt schon lange eine führende Rolle in Sachen Islamfeindlichkeit. Da verwundert es auch niemanden mehr, dass Seibel an ihrer unerschütterlichen Position festhält, „Deutschland ist durch Sarrazin klüger geworden“. Damit aber ja nicht der Eindruck entstehe, allein Seibel, Sarrazin und Kelek bedienten dieses Metier, wurde immer wieder mal auch die streitlustige Monika Maron, Keleks Busenfreundin und frühere Stasi-Informantin „Mitsu“, herangezogen. Einst beschimpfte Maron sogar ihre ehemaligen DDR-Mitbürger als feige Duckmäuser, um von ihrer eigenen Vergangenheit abzulenken. Ob hinter der aktuellen wehrhaften Fassade weitere Ablenkungsmanöver stecken, bleibt vorerst unbeantwortet. Jedenfalls scheint die Genossin Maron, zumindest was den Kampf gegen die religiösen Feinde des „wissenschaftlichen Weltbildes“ des Marxismus-Leninismus anbelangt, den Klassenauftrag weiterhin mit Inbrunst auszuführen.

Ein Land versinkt in Paranoia

Die Liste des medialen Netzwerkes lässt sich sicherlich erweitern. Aber die Hauptachse des Kampfes gegen die Kritiker der Islamhasser bildet das mediale Netzwerk des Trios aus Schirrmacher, Seibel und Matussek. Auch heute funktioniert der Mechanismus nach dem gewohnten Schema: Die wortgewaltigen Hassprediger sind die geistigen Brandstifter. Die Meinungsmacht der medialen Multiplikatoren dient als Brandbeschleuniger. Die tatgewaltigen Extremisten und Terroristen zerstören das soziale Klima des friedlichen Zusammenlebens und sehen sich im Spiegel der Medien als die Vollstrecker der Wortgewalt. Daher kann man nicht oft genug auf die medial erzeugte Meinungsmacht hinweisen. Zumal sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel danach schielt. Während sie zunächst Sarrazins Buch als „diffamierend“ und „nicht hilfreich“ benannte, erklärte sie einige Monate später selbst „Multikulti“ für „gescheitert“.

Und wofür das alles? Um bloß in eine Ersatzdebatte zu flüchten, statt eine aufrichtige Debatte über die neue gemeinsame Identität in der Einwanderungsgesellschaft führen zu müssen? Wenn wir auch einen Augenblick lang Klaus J. Bades Feststellung Recht geben, müssen wir uns doch auch ernsthaft Gedanken über den seelischen Zustand unserer hiesigen Gesellschaft machen und uns fragen, ob wir in hiesigen Psychiatrien doch nicht die Falschen behandeln. Wer also gehört auf die rote Couch? Meinungs- und Panikmacher, die den Rechtsextremismus um jeden Preis in der Mitte der Gesellschaft zum Leben erwecken wollen und dabei keine noch so paranoide Verschwörungstheorie meiden oder Muslime, die ständig menschenfeindlichen Angriffen ausgesetzt sind?

In allem ist „Kritik und Gewalt“ vor allem wegen seiner akademischen Expertise für all diejenigen empfehlenswert, die an penibel erarbeiteten Analysen über die Zusammenhänge von brandgefährlichen Ersatzdebatten und Modetrends wie der Islamfeindlichkeit interessiert sind. In diesem Sinne liest sich „Kritik und Gewalt“ spannender als jeder Krimi-Roman und schützt Menschen vor den Risiken und Nebenwirkungen der unvermeidlich todbringenden Krankheit namens Rassismus.

Klaus J. Bade: Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, „Islamkritik“ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft, Wochenschau Verlag (Schwalbach) 2013.

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