Watergate 21: Ein Weltkonzern betreibt Wasserhandel

Als ich 2005 in Pakistan war, fiel es mir zum ersten Mal auf: Sauberes Wasser, sprich: sicheres Wasser, gab es nur in Flaschen. Alles andere – so wurde mir gesagt – sei gefährlich, weil man sich so Infektionen holen könne. Marktführer war damals schon der Lebensmittelgroßkonzern Nestlé. Und seit der ARTE-Sendung über das zum Weltwasserkonzern aufgestiegenen Unternehmen Nestlé vom 11. September 2012 ist klar, dass es inzwischen die dominante Firma schlechthin ist, die vom Wasserhandel weltweit profitiert und nicht nur in Pakistan den gesamten Markt kontrolliert – einen Markt, dessen Preisniveau sich die Normalbevölkerung überhaupt nicht leisten kann. Mit „Bottled Life“ trifft der Titel des Dokumentarfilms genau den Kern der Problematik.

Ähnliches gilt inzwischen für viele Länder und man kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass genau in politisch nicht gefestigten, ärmeren Ländern ein System der Abhängigkeit beim Allgemeingut und Grundnahrungsmittel Wasser etabliert wird. Dies ist gerade ob der Knappheit des wertvollen und lebenswichtigen Guts leichter möglich. Wo es Widerspruch gibt, wird eine Stiftung unterstützt oder gegründet, damit man sich humanitär bis menschenfreundlich geben kann.

Mal abgesehen von den ökologischen Folgen des großflächigen Abpumpens und Abfüllens von Wasser ist die Rechtslage hinsichtlich der Reichweite der Rechte und Befugnisse der Beteiligten oft ungeklärt und wird von Peter Brabeck, dem Verantwortlichen von und für Nestlé, unter einem ideologischen Blickwinkel interpretiert. Zynisch könnte man sagen – und so hört es sich bei ihm auch an – gibt es immer noch Menschen, die glauben, Wasser sei eine natürliche Ressource und für jedermann ebenso natürlich zugänglich. Dem setzt Brabeck das Konzept des Eigentums gegenüber, gekoppelt mit der „Verantwortung“ für sauberes Wasser.

Und da es heute „in“ ist, irgendwie ökologisch zu klingen, beteiligt sich auch Nestlé am Greenwashing seines Images, etwa indem man Wasserprojekte in Afrika unterstützt – angeblich zumindest, denn auf Nachfrage lässt sich eine solche Unterstützung gar nicht immer nachvollziehen. Aber wer kann das von hier aus feststellen? Investigative Journalisten wie Res Gehringer sind nicht gern gesehen und kommen nicht annähernd so oft und so weit in der Welt herum wie die weltumspannenden Konzerne.

In einigen Ländern des Nahen Ostens gab es bisher neben dem Brauchwasserhahn auch oft einen Frischwasserhahn für frisches Trinkwasser – beispielsweise in Syrien. Dieses Wasser war von besserer Qualität als jedes abgefüllte. Wer weiß, wie lange es den Frischwasserhahn noch geben wird. In Pakistan ist Leitungswasser heute ungenießbar. Und in etlichen afrikanischen Ländern gibt es neben der Wasserbeschränkung zusätzlich auch eine für Saatgut. Viele können sich dieses schlicht nicht mehr leisten und mehrfach aussaatfähiges Saatgut gibt es nicht mehr. Angesichts dieser Entwicklungen, von denen der Normalbürger hierzulande noch kaum etwas ahnt, sollte so manche Unterstellung eines Hangs zu Verschwörungstheorien bei Bewohnern der sog. Dritten Welt noch einmal auf ihren realen Gehalt hin untersucht werden.

Beiträge wie jener von ARTE können zum Erkennen solcher Zusammenhänge einen Beitrag leisten. Aber sie sind nicht nur selten und wenig aufmerksamkeitsrelevant platziert. Sie haben auch keinerlei Effekt auf die Nachrichtenberichterstattung, die in einstudierter Eintönigkeit weiter an den oberflächlichen Symptomen der Ereignisse kleben bleibt.

Dr. Sabine Schiffer, IMV (Institut für Medienverantwortung, Erlangen)