Von der Hauptschule zum Einser-Master

„Wenn früher jemand aufs Gymnasium ging, hätten wir ihm eine Statue bauen können“

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„Ihre Zeit ist begrenzt, also verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lassen Sie sich nicht von Verordnungen in die Falle locken. Lassen Sie nicht zu, dass die Meinungen anderer Ihre innere Stimme ersticken. Am wichtigsten ist es, dass Sie den Mut haben, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Alles andere ist nebensächlich.“ Steve Jobs


Ali, willst Du Dich mal vorstellen?

Mein Name ist Ali Chahrour. Ich bin 28 Jahre alt und lebe seit 2004 in Berlin.

Ali, von der Hauptschule zum Einser Master. Erzähl mal.

Es hat damit angefangen, dass ich im Leben sehr viele Hürden hatte, was die Schule angeht. Ich bekam eine Hauptschulempfehlung und bin dann dahingegangen. Meine Eltern hatten meinen Lehrern Glauben geschenkt. Sie hatten zu wenig Kenntnis über das deutsche Schulsystem und der damit verbundenen starken Selektionsfunktion. Schon damals zu diesem Zeitpunkt war das etwas, was ich nicht verstanden habe. Dass man schon im Vorfeld diktiert bekommt, wie meine Zukunft aussehen soll. Das war schon am Anfang meiner Pubertät. Es war aber auch so, dass das Umfeld dir schon sagte, du kannst als Migrant nicht mehr erreichen als einen Hauptschul- oder bestenfalls einen Realschulabschluss. Ich hatte einen Freund namens Faruk, der aufs Gymnasium gegangen ist, obwohl er dafür keine Empfehlung hatte.

Wer war Faruk?

Faruk war und ist einer meiner besten Freunde und er ging aufs Gymnasium. Damals war das so, wenn einer von unseren Leuten auf dem Gymnasium war, hätte man eine Statue für ihn gebaut. Das Gymnasium war eine andere Welt.

Wahrscheinlich weil man es uns so eingetrichtert hat.

Ja. Dabei war es eigentlich so, dass ich mich mit ihm am besten verstanden habe. Später haben sich die Wege getrennt. Ich ging auf die Hauptschule, er aufs Gymnasium. Wir sind bis heute aber gut befreundet. Ich wäre wirklich gern irgendwo anders gelandet. Wenn du in einem Fach schlecht warst, färbte das auf alle anderen Fächer ab. Manchmal unbewusst, manchmal absichtlich. Du kommst in die Schule und das Urteil der Lehrer steht schon fest. Du wurdest in eine Schublade gesteckt und kamst da nicht mehr raus. Ich hätte mir gewünscht, dass ich, wie es in anderen Ländern auch geschieht, wie etwa in Schweden oder Finnland, individuell gefördert worden wäre, um meine kleinen Schwächen zu beseitigen. Damit man dieselben Chancen im Leben hat.

Und Deine Eltern, trifft sie eine Schuld?

Das Problem war, dass meine Eltern das Schulsystem nicht kannten. Sie vertrauten den Lehrern. Sie vertrauten ihnen, weil sie dachten, dass sie meine Leistungen am besten einschätzen könnten. Das Gymnasium war tabu. So, als wären wir Migranten Menschen zweiter Klasse. In der Hauptschule war der Lernstoff nicht schwer. Ich war nicht unterfordert aber auch nicht überfordert. Ich habe gelernt und wurde regelmäßig Klassenbester mit einem sehr guten Schnitt.

Wie war das mit Freunden Ali? Es gibt gute Freunde, die jemandem helfen und positiv im Allgemeinen sind, und schlechte Freunde, die orientierungslos sind im Leben und dich sogar manchmal mit herunterziehen. Wie war es mit Deinem Umfeld?

Ich war von der Persönlichkeit her immer ein Mensch, der kein Mitläufer sein wollte. Ich habe auch versucht, auf einige meiner Freunde einzuwirken. Aber du kannst nicht auf jeden einwirken, insbesondere in der Pubertät. Ich komme aus einem Elternhaus, wo ich sehr viele moralische Werte vermittelt bekommen habe. Sie konnten mir nicht immer helfen in der Schule, weil sie halt Kriegsflüchtlinge waren. Sie sagten mir: Wir unterstützen dich bei allem. Wenn du Nachhilfe brauchst, dann nimm sie. Meine Eltern haben mir sehr viel mitgegeben und versucht, mir alles zu ermöglichen. Dennoch musste ich mich mit vielen Hürden des Lebens auseinandersetzen, an denen ich aber gereift bin. Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, ich hatte und habe ein sehr warmes Elternhaus.

Und deine Geschwister?

Meine Brüder und meine Schwestern sind ebenfalls sehr wichtig für mich. Sie bedeuten mir, wie meine Eltern, alles auf dieser Welt. Ich kann mich immer auf sie verlassen. Auch sie waren mir eine große Hilfe. Der M.A.H.D.I.-e.V. (Muslime aller Herkunft deutscher Identität) ebenfalls. Der M.A.H.D.I.-e.V. ist wie eine zweite Familie für mich. Sie waren mir eine sehr wichtige und große Stütze im Leben. Dafür bin ich auch unendlich dankbar.

Wie war es anfangs in Berlin?

In Berlin war es so, dass ich erst mal eine Woche nicht auf die Schule ging. Nicht, dass ich nicht wollte, sondern weil mich keiner genommen hat. Das lag mitunter an meinem Nachnamen.

Was ist damit?

Der Nachname ist in Berlin mit vielen negativen Dingen konnotiert. Es gab Vorstellungsgespräche in den Schulen. Die liefen nicht immer positiv. Wir sind mit meinem Vater zum Schulamt gefahren. Da hat mich eine ältere Dame beraten. Sie hat mir geholfen. Sie riefen einen Rektor aus einer Gesamtschule. Sie duzten sich. Sie erwähnte meinen Nachnamen am Telefon und dann sagte sie: „Ne, ne… ganz ruhig. Er ist ein lieber“ (lacht). Ich hatte dann ein Gespräch mit dem Rektor und der stellte mich dann sechs Monate auf Probe. Auf dieser Schule habe ich dann meine Empfehlung fürs Gymnasium erhalten und habe dort mein Abitur gemacht.

Das ist aber ein heftiges Vorurteil. Dass allein ein Nachname, für den Du nichts kannst, so viele Probleme mit sich bringt.

Ja, leider. Es ist ja ein Vorurteil, mit dem du stetig zu kämpfen hast. Hier in Berlin schon ganz besonders. Zum damaligen Zeitpunkt hat man ihn mit negativen Dingen assoziiert. Aber heute nicht mehr so wie früher. Dein Tun ist deine Visitenkarte. Und diese Visitenkarte hat sich gewandelt. Es gibt mittlerweile Ärzte, Juristen, Lehrer, Soziologen, Ingenieure, Informatiker, Architekten, BWLer und Projektmanager. Auf diesen Wandel bin ich stolz. Aber man hatte schon damit zu kämpfen.

Siehst Du bei uns in Bezug auf die Meinung zur Bildung auch einen Wandel?

Bei uns sagte man doch immer: Hoffentlich sehen wir dich als Bräutigam. Heute sagt man: Hoffentlich sehen wir dich als Arzt oder Anwalt. Es gibt mittlerweile ein Umdenken. Die positiven Beispiele machen Mut. Du kannst alles schaffen in deinem Leben, Hauptschule ist nicht das Maximum, dir stehen alle Wege offen, ergreife sie.

Wie verlief dein Weg zum Studium?

Mir wurde gesagt, du kannst nicht mehr erreichen als die Hauptschule. Ich sagte, ich kann mehr als die Hauptschule. Mir wurde gesagt, ich kann nicht mehr als die Realschule. Dann sagte ich, ich kann und will mehr als die Realschule und das Gymnasium. Ich will nicht sagen, dass alle böse waren oder so. Um Gottes willen. Aber leider hatte man immer ein Urteil über eine Person gefällt und das hängt mit der sozialen Herkunft zusammen. Aber ich ging letzten Endes meinen Weg und beendete mein Studium mit einem Einser-Bachelor und einem Einser-Master.

Welche Menschen waren dir eine Hilfe auf deinem Weg?

Viele Menschen. Viele wunderbare Menschen. Meinen Eltern und Geschwistern bin ich unendlich dankbar. Mein Vater war und ist unglaublich wichtig in meinem Leben. Er war immer die erste Person, wenn es darauf ankam. Meine Mutter, was soll man über die Mutter sagen. Sie ist die Welt für mich. Meine Geschwister haben mir sehr geholfen. Ich komme nicht aus einem finanziell starken Haushalt. Aber es gibt eine Begebenheit, an die ich mich noch gut erinnere: Es gab damals auf den Schulhöfen immer diese Fußball-Sticker, die jeder hatte. Meine älteren  Geschwister, die bereits arbeiteten, wussten, dass mein jüngerer Bruder und ich welche haben wollten. Wir haben aber beide nichts gesagt. Sie sagten dann: „Jungs, hier, nimmt das und kauft euch, was ihr wollt“. Wie gesagt, ich komme aus einem sehr warmen Elternhaus. Zwei meiner Cousinen waren sehr prägend für mich. Sie waren auch meine ersten Vorbilder. Die eine ist heute Zahnärztin und die andere hat Pharmazie zu Ende studiert. Sie sind beide Mütter und gehen aktiv ihrem Beruf nach. Sie haben mich auf meinem Weg zum Abi immer unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin. Natürlich meine Freunde, die sich immer meine Uni-Vorträge im Vorfeld anhörten, die meine Bachelor- und Masterarbeiten durch lasen oder bei anderen Angelegenheiten für mich immer da sind. Sie kümmern sich wie Geschwister um mich. Und natürlich der M.A.H.D.I.-e.V. war und ist mir sehr wichtig. Diese Menschen sind unglaublich. Ich könnte Bücher über diese Menschen schreiben. Sie haben mich motiviert, mir geholfen und mich sehr geprägt. Ich danke euch allen.  Mein größter Dank aber gehört Allah (swt.), der mich mit all diesen Menschen gesegnet hat. Ohne ihn wäre das alles nicht möglich!

Ali, wenn du allen jungen Menschen auf der Welt was sagen könntest, die sich in der Schule oder im Leben ein Ziel gesetzt haben, die etwas erreichen wollen, was wäre das?

Glaube an dich. Wenn du ein Ziel hast, folge diesem Ziel. Lass dich nicht auf die schiefe Bahn bringen. Lass dich nicht von deinem Weg abbringen. Ich habe es geschafft, also kannst du es auch schaffen. Lasst euch nicht vom schnellen Geld anlocken. Geld ist nicht alles im Leben. Macht die Schule, Ausbildung oder Studium fertig und setzt euch für andere Menschen ein. Verfolgt den Satz: „Geschwister in der Religion oder ebenbürtig in der Schöpfung‘‘. Was ich damit sagen will, ist, dass wir allen Menschen helfen sollten. Unabhängig von Religion, Herkunft und so weiter. Such die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede. Es gibt etwas, was viel wichtiger ist als Geld, und zwar Seelenheil. Seid nicht zu stolz, Hilfe anzunehmen. Wir sind auch nur Menschen. Es gibt etwas, wofür es sich lohnt zu kämpfen, und das ist die Liebe zum Menschen und sich in den Dienst des Menschen zu stellen.

Danke Ali.