Wer braucht wen in Zeiten der Krise?

Recep Tayyip Erdoğan ist ein wichtiger Mann. So wichtig, dass seine Fahrzeugkolonne besonders lang, die Schar der Leibwächter besonders groß, die Absperrung auf seinem Weg durch Berlin besonders weiträumig sein muss. Erst die Eröffnung der neuen Botschaft am Tiergarten, überwiegend als prachtvolles und gelungenes Bauwerk gepriesen, dann eine europapolitische Grundsatzrede am Brandenburger Tor. So viel Verkehrschaos war selten. Dass in der Nähe, am Potsdamer Platz, auch noch der neue James-Bond-Film Premiere feierte, dafür konnte Erdoğan  allerdings nichts.

Unübersehbar demonstriert der Mann aus Ankara Stolz und Selbstbewusstsein. Außenpolitisch mag in den vergangenen Monaten manches schief gelaufen sein – das Drama in Syrien, die komplizierten Beziehungen zum Iran, Krach mit Israel. Aber die türkische Wirtschaft boomt nach wie vor, Erdoğans Regierungspartei AKP ist unangefochtener denn je. Da sieht der mächtige Regierungschef keinen Anlass, in Berlin als Bittsteller aufzutreten, um den lange angestrebten EU-Beitritt vielleicht doch voran zu bringen.

Viel lieber erlaubt er sich, seinen Gastgebern eine kleine Lektion zu erteilen über die Ursachen der Euro-Krise und deren Lösung. „Die Krise muss so schnell wie möglich überwunden werden“, mahnt er, der „Sumpf der Schulden“ müsse endlich austrocknen. Und die Türkei habe Rezepte dafür – und Geld, sagt Erdoğan am Dienstagabend bei einer Rede vor Wirtschaftsführern und Politikern. Dass das Durchschnittsalter der Türken bei 29 Jahren liegt, erwähnt er am Rande auch noch. Da sieht die ganze EU alt aus.

Ein Wachstum von 8,5 Prozent, 115 Milliarden Dollar Währungsreserven, die Neuverschuldung nur bei 1,5 Prozent: „Die Maastricht-Kriterien können wir einhalten – im Gegensatz zu vielen anderen“, sagt Erdoğan und kommt richtig in Fahrt. „Wir erstarken von Tag zu Tag“, sagte er. Sein Land werde keine Belastung für die EU sein, im Gegenteil: „Wir kommen, um Last zu übernehmen“, betont er bei der Veranstaltung des Finanzinvestors Nicolas Berggruen. Unter den Gästen ist auch Alt-Kanzler Gerhard Schröder. „Mein Freund, der Bundeskanzler“, sagt Erdoğan.

„Meine Freundin, die Kanzlerin“ sagt er nicht, als er am Mittwoch mit Angela Merkel vor der Presse steht. Es gibt nicht viel zu berichten, jedenfalls keine Bewegung in der Beitrittsfrage. Draußen demonstrieren Tausende gegen den Gast aus Ankara. „Erdoğan ist der Feind der Aleviten“, steht auf einem Transparent. Die Rechte der Minderheiten in der Türkei sind immer wieder Anlass zu internationaler Kritik. Erdoğan weist dies zurück, auch bei dieser Gelegenheit.

Doch ungeachtet aller Schwierigkeiten wissen beide Seiten, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind. Nicht nur als NATO-Partner, sondern vor allem ökonomisch. Tourismus, Außenhandel, Investitionen: Deutschland ist der wichtigste Wirtschaftspartner der Türkei, und die profitiert derzeit besonders von gut ausgebildeten Rückkehrern aus Deutschland.

Von Thomas Lanig, dpa