Wie wichtig ist die Türkei noch für den Mittleren Osten?

Von Abdülhamid Bilici

Warum würde eine Person, deren Job es ist, die Beziehungen mit den arabischen Medien zu verbessern und damit die Position Großbritanniens in Anbetracht der Entwicklungen in der Region zu fördern, in die Türkei reisen, um einen türkischen Journalisten zu treffen?

Während eines Meetings vor drei Jahren musste sich ein britischer Diplomat diese Frage stellen lassen. Seine Antwort war beeindruckend: „Jeder im Mittleren Osten, ob Geschäftsleute Politiker, Journalisten oder ganz gewöhnliche Leute, loben die Türkei für ihren imposanten Aufstieg. Ich wollte dieses Land sehen, das die Leute in dieser Region derart verblüfft und verstehen, wie es sein Image in dieser kurzen Zeit so sehr verbessern konnte.”

Das war etwas, was jedem im Mittleren Osten aufgefallen war: Türkische Seifenopfern wurden von diversen TV-Sendern aller Länder der Region ausgestrahlt; eine immer größer werdende Anzahl von Touristen aus dem arabischen Raum besuchte das Land; Intellektuelle, Geschäftsleute und zivilgesellschaftliche Organisationen begannen sich kennenzulernen. Präsident Abdullah Gül, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan sowie auch Außenminister Ahmet Davutoğlu wurden überall willkommen geheißen, wo auch immer sie auch waren und die Menschen von Marokko bis hin zum Iran sahen die Türkei als ein Land mit Vorbildfunktion an. Dieses wachsende Interesse bei der regierenden Elite und der breiten Bevölkerung in diesen Ländern wurde außerdem in allen nationalen und internationalen Umfragen bestätigt.

Arabischer Frühling mit Vorbild Türkei

Auch der Arabische Frühling, der die Klischees und die Beziehungsmodelle in der Region drastisch verändert hatte, unterstützte zu Beginn diese konstruktive Sichtweise auf die Türkei. Viele Machthaber, die während dieses Prozesses an die Macht gekommen waren, erklärten, dass sie sich die Türkei zum Vorbild genommen hätten. Die Türkei schlug sich auch auf die Seite der Tunesier und Ägypter; diese Politik machte sich bezahlt. Außerdem trug sie zu der Lösung der Krise in Libyen bei.

Jedoch hat der syrische Teil des Arabischen Frühlings nicht nur die Beziehungen mit diesem Land zerstört, sondern auch die Sichtweise des Mittleren Ostens auf die Türkei negativ beeinflusst. Die neueste Studie, welche die Stiftung für Ökonomische und Soziale Forschung (TESEV) jedes Jahr durchführt, zeigt, dass die positive Sichtweise auf die Türkei im Mittleren Osten zum ersten Mal seit Langem rückläufig ist.

Laut der Studie, die in 16 Ländern des Mittleren Ostens im August durchgeführt wurde, fiel der Anteil derer, die von der Türkei ein positives Bild hatten – im Jahr 2011 lag dieser noch bei 78 % – im Jahr 2012 auf 69 %. Mit der Ausnahme eines einprozentigen Anstiegs an der Golfküste ging die positive Wahrnehmung der Türkei in allen befragten Ländern zurück: In Ägypten fiel die Zahl von 86 auf 84 %, im Libanon von 78 auf 63 %, in Palästina von 89 auf 77 %, in Syrien von 44 auf 28 %, im Iran von 71 auf 59 %, im Irak von 74 auf 55 % und in Tunesien von 91 % auf 80 %.

Syrienkrise beeinflusst Wahrnehmung entscheidend

Mit Ausnahme von Syrien und dem Irak haben die meisten Menschen aber immer noch ein positives Bild von der Türkei. Weiterhin wird die Türkei als ein Land angesehen, welches viel Positives zu den Veränderungsprozessen in der Region beigesteuert hätte. Nur 52 % der Teilnehmer jedoch empfanden die Krisen-Politik, die von der Türkei in Syrien ausgeübt wurde, als richtig; 36 % sahen sie als falsch an. Die Anzahl derer, die glauben, dass der Einfluss der Türkei ansteigen würde, ging von 70 auf 61 % zurück. Gleichzeitig ging die Zahl derer, die glauben, dass die Türkei als Vorbild für den Mittleren Osten gelten könnte, von 61 auf 53 % zurück.

Die Ergebnisse der Erhebung zeigen eines ganz deutlich: Noch schwieriger, als an die Spitze zu gelangen, ist es, auch dort zu bleiben. Die aktuelle Situation lässt vermuten, dass man an einem kritischen Punkt angekommen sind, wenn es darum geht, das positive Image der Türkei aufrecht zu erhalten. Das verbesserte Image der Türkei in der Region beeinflusst alle Aspekte des Lebens, inklusive des wirtschaftlichen Aufschwungs, der unter anderem durch die große Anzahl von Touristen aus dem arabischen Raum zu Stande kam; genauso wie der Rückgang dieses positiven Bildes Einfluss auf die Führungsebene der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat, aber auch auf die gesamte Bevölkerung der Türkei.

Daher ist es absolut notwendig, zu erkennen, dass viele verschiedene Faktoren zu diesem Problem geführt haben, beispielsweise die Syrien-Politik der Türkei, die Entfremdung innerhalb der Region und die Qualität des Kontaktes mit der arabischen Welt – und die demzufolge notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.