Über die Polarisierung der Community in Deutschland

“Wir sind gegen eine Schwarz-Weiß-Malerei”

Junge Menschen wie Merve Gül stellen sich gegen eine Schwarz-Weiß-Malerei und möchten nicht der Polarisierung zum Opfer fallen in Deutschland.

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“Innertürkische Konflikte haben auf deutschem Boden nichts zu suchen. Wenn du dich dafür interessierst und Türkeipolitik machen willst, dann geh in die Türkei!”

2013 zur Zeiten von Gezi habe ich eine Polarisierung gespürt (für die einen zu früh, für die anderen zu spät), die mich nachdenklich, wütend und traurig gemacht hat. Auch ich war einmal der Meinung, dass diese Konflikte hier nichts zu suchen haben. Nicht auf deutschem Boden ausgetragen werden. Am besten die Leute hier gar nicht mehr darüber reden. Ich hätte damals den Leuten, die diesen Konflikt hier fortgesetzt haben, sogar das Flugticket in die Türkei bezahlt. Genau wie es diverse NPD Plakate propagiert haben. Ich war/ bin maßlos überfordert mit meinen Gedanken und mit dem Verhalten der Menschen gewesen.

Vor drei Jahren haben wir uns mit ein paar jungen Leuten organisiert und haben gesagt: wir sind gegen eine Schwarz-Weiß-Malerei. Wir sind gegen eine Polarisierung der Community in Deutschland. Wir wollen Einheit, wir wollen Freiheit. Aber Einheit und geschlossenes Auftreten bedeuten nicht Einheit in der Meinung, sondern Einheit in der ethnischen Vielfalt, aber vor allem in der Meinungsvielfalt. Ein geschlossenes Auftreten bedeutet nicht: “ich bin gegen die Türkei oder für die Türkei.”, sondern geschlossenes Auftreten bedeutet:

“Ich halte deine Meinung aus. Respekt ist das, was uns vereint. Der Schutz deiner Meinung ist meine Aufgabe.“

Freiheit nicht nur für mich

Für Freiheit sein bedeutet nicht, dass Freiheit nur dann gut ist, wenn ich sie bekomme. Für Freiheit sein bedeutet: die Freiheit, die ich mir für mich wünsche, die gebe ich auch jemand anderem. Ich muss nicht homosexuell sein, um Homosexuelle dabei zu unterstützen, ihre gewünschten Rechte nach Gleichheit und einer Ehe für alle einzufordern. Ich muss nicht körperlich oder geistig behindert sein, um Hand in Hand mit Menschen mit Behinderung für ihre Forderungen einzustehen. Ich muss kein Flüchtling sein, um ethnische Säuberungen und willkürliche Kriege zu verurteilen. Ich muss kein „Ausländer“ sein, um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit abzulehnen. Ich muss nicht immer betroffen sein. Aber gerade wenn ich betroffen bin, dann weiß ich doch umso mehr, wie es meinem Gegenüber geht.

Alles, was ich dafür aufbringen muss, ist ein bisschen Empathie und Verständnis. Ich persönlich und ich spreche an dieser Stelle wirklich nur für mich, bringe diese Empathie vermutlich nur auf, weil ich „das Glück“ hatte, wie viele andere, hier geboren zu sein und gewisse Erfahrungen gemacht habe. Empathie mal mehr, mal weniger. Ich lerne. Ich bin nicht perfekt. Oft angriffslustig, mal zu laut, mal zu leise, aber immer stets bemüht stärker eine Mitte zu beleuchten. Ob mir das gelingt, ist ne andere Sache.

In deutschen Klassenzimmern haben wir gelernt:

“Ich bin ich und du bist du,
wenn ich rede hörst du zu.
Wenn du redest, bin ich still,
weil ich dich verstehen will!”

Es gibt simple Gesprächsregeln

Deswegen frage ich mich, wie man in politischen Debatten bezüglich der Türkei diese simplen Gesprächsregeln nicht einhalten kann. Warum muss man sich anbrüllen, sich beleidigen? Warum übt man physische und psychische Gewalt gegen Leute aus, mit denen man nicht einer Meinung ist? Virtuelle Drohungen mit: “Ich knall dich ab. Du bist auch noch dran. Du bist der/die Nächste auf der Liste!” Ernsthaft?! Wird dieses Verhalten plötzlich legitim, weil man in der Mehrheit ist? Ist dieses Verhalten demokratisch, weil man die Mehrheit ist? Winkt man asoziales Verhalten durch, weil da ja jetzt so viele mitmachen? Und vor allem, ist man denn wirklich die Mehrheit oder empfindet man das nur, weil man in seiner eigenen Blase schwimmt?
Das erinnert mich irgendwo an die AfD-Wähler, die in ihrer eigenen Blase auch ständig rufen:

“Wir sind das Volk! Wir sind die Mehrheit. Wir sind so viele. Rassismus, geil! Endlich wieder legitim, weil so viele sich jetzt rassistisch und asozial verhalten.”

Als Muslimin mit “anders klingendem Namen” und einem Migrationshintergrund musste ich mich in Deutschland oft erklären. Mitschülern, Lehrern, Kommilitonen, Nachbarn, Fremden, im Internet. Ich habe dadurch gelernt, Brücken zu bauen. Auf Augenhöhe zu diskutieren. Nichts abzuschlagen, sondern immer für ein Gespräch offen zu sein.

Ich habe aber auch dadurch Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit erlebt. Ich habe gelernt zu hinterfragen. Nicht nur eine Kultur und Dinge, sondern auch vor allem mich selbst. Ich weiß, wie es ist, eine Minderheit zu sein. Ich weiß, wie es ist, seine Rechte einzufordern und sie nicht immer zu bekommen. Deshalb fällt es mir auch nicht schwer mich mit doppelten Minderheiten, wie den Kurden zu solidarisieren. Mir fällt es nicht schwer zu sagen: hier passiert Unrecht und das darf nicht sein. Mir fällt es nicht schwer zu sagen, gewaltfrei stehe ich auch für deine Rechte ein! Ich dulde deshalb keinen Rassismus oder einen systematischen Ausschluss anderer Minderheiten. Ich lehne Rachegedanken und das Vererben von indoktriniertem Gedankengut an unbefangene junge Leute in Deutschland ab.

Aber ich kenne auch das Gefühl, Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Einer Mehrheit anzugehören, die eine Meinung teilt. Teil einer Mehrheit zu sein, die nach einem gemeinsamen Ziel in der Gesellschaft strebt. Und wir gehören alle dieser Mehrheit an. Die Mehrheit, die nach dem Allgemeinwohl strebt.

Keine Grenzen für Art. 5 im Grundgesetz

Aber auch die deutsche Geschichte hat mich geprägt. Ich erkenne Unterschiede im Rechtssystem. Ich verstehe, warum die Würde des Menschen unantastbar sein muss. Ich erkenne, warum es so wichtig ist, dass Art. 5 im Grundgesetz fast grenzenlos gelten muss. Ich weiß, dass Muslime auf keinen Fall die neuen Juden sind. Aber ich verstehe auch wie Propaganda funktioniert und was sie aus einem machen kann. Ich verstehe, warum ein Rechtsstaat so wichtig ist und was dazugehört, damit er einigermaßen ordentlich funktioniert. Ich lehne Kultur und Ideologie von Kampf und Überlegenheit ab. Ich wurde hier schon in der Schule gezwungen mich damit auseinander zu setzen. Wäre ich nicht hier, wüsste ich nicht, ob ich mich damit befasst hätte. Ich bin kein Fan von Revolutionen, ich plädiere eher für Reformen.

Nach so viel „Ich“ geht es mir dabei aber nicht um mich, sondern um die, dieselben Bedingungen in Deutschland hatten wie ich. Die hier zur Schule gegangen sind, die dasselbe gelernt haben, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das sind nicht wenige. Das sind sogar ziemlich viele. Warum verlieren wir diesen differenzierten Blick? Warum haben wir nicht den Arsch in der Hose, das Schlechte und das Gute beim Namen zu nennen? Warum werden mir nur zwei Alternativen mit „alles ist schlecht!“ und „alles ist gut!“ vor die Nase gehalten zwischen denen ich mich entscheiden muss und soll? Und wenn ich mich im Zwischenraum befinden möchte, soll ich die Fresse halten. Ich soll nämlich Farbe zu einem Lager bekennen.

Ich frage mich bis heute, wie man innerhalb von Sekunden all die Erfahrung, die man hier gemacht hat, ablegen kann und sich für etwas entscheidet. Und diese Frage überfordert mich. Ich finde darauf keine passende Antwort. Vielleicht hab ich auch meinen Kopf in den Sand im Mittelfeld gesteckt und sehe gar nichts mehr. Vielleicht befinde ich mich auch schon in einem Lager und erkenne das überhaupt nicht mehr. Ich finde die Gesamtsituation schwierig. Und weil das ganze mich überfordert und überfordert hat, hätte ich allen ein Flugticket gekauft und alle, die sich hier die Köpfe einschlagen, in die Türkei geschickt.

Aber auch das ist zu einfach. Auch das ist zu schwarz, zu weiß. Weil man einen Raum ignoriert oder ihn erst gar nicht schaffen möchte. Einen Raum, in dem man ganz klar fragen muss: „Warum beschwerst du dich über Nazis, aber bist nie auf einer Demo gegen welche? Warum schiebst du immer das NSU Argument vor, warst aber noch bei keiner Kundgebung zum NSU? Warum interessiert dich die türkische Wirtschaft so, aber warum hast du dich nie mit TTIP befasst? Warum beschwerst du dich ständig über das digitale Zeitalter, aber wirkst nicht mit, wenn es um die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung geht?“ Warum ist das eigentlich so?

Für mich bedeutet unter anderem die Loyalität zu Deutschland die Schaffung solcher Räume. Räume, in denen wir offen und ehrlich reden können. Räume, in denen wir uns streiten, aber durch Reibungen konstruktive Lösungen entstehen. Für mich bedeutet Loyalität, Verantwortung zu übernehmen und sie nicht einfach in ein Flugzeug zu stecken und abzuschieben. Auch ich musste das Lernen. Auch ich bin mächtig hingefallen. Das hat weh getan, das tut auch immer noch weh. Aber auch ich muss wieder aufstehen. Deshalb möchte ich mich bei allen bedanken, die mit mir gemeinsam seit Jahren versuchen diese Räume entstehen zu lassen. Wir sind mal mehr, mal weniger geworden. Einige haben sich verabschiedet. Einige sind dabei geblieben. Aber das ist in Ordnung so. Das ist Freiheit, das ist Alternative. Das gehört zum Land, in dem wir leben. (Foto: dpa)