Zerfall statt Revolution?

Von G철khan Bac캇k

Eine Revolution oder ein Umsturz sollte innerhalb einer angemessenen Frist zu Ende gehen. Ansonsten droht der betreffende Staat vollkommen zusammenzubrechen. Dieses Szenario kann man gerade in Syrien beobachten. Sollte die Syrienkrise ein weiteres Jahr andauern, k철nnte sich das gleiche Szenario wie w채hrend des B체rgerkriegs im Irak wiederholen: der totale Zusammenbruch des Staates und jeglicher Ordnung.

Der Zusammenbruch des Staates bedeutet den Untergang der legitimen und effektiven Ordnung und des sozialen Dialogs. Deshalb folgt einem solchen in der Regel der B체rgerkrieg. Dann stellt sich die Frage: Was sind die Gemeinsamkeiten, die die Nation wieder vereinen, wenn ein Staat erst einmal zusammengebrochen ist? Die Antwort ist sehr einfach: Es gibt diese Gemeinsamkeiten nicht mehr, und somit gibt es zwei Alternativen: das Chaos oder eine lose F철deration. In der Praxis folgt auf jeden Staatszerfall eine chaotische Zeit, die sich dann in eine Art lose F철deration verwandelt, wie man sie im Fall des Irak beobachten konnte.

Fragmentierung entlang von Ethnien und Konfessionen

Sollte sich der Prozess des Staatszusammenbruchs in Syrien beschleunigen, w채re das Ergebnis vorhersehbar. Aber w체rde es m철glich sein, Christen, Alawiten, Kurden (die wiederum gro횩e interne Stammesunterschiede aufweisen) und sunnitische Araber nach einer langen innerstaatlichen Krise in Syrien wieder zu vereinen? Kann man idealistisch oder naiv genug sein, um zu glauben, dass diese Gruppen in der Lage sein w체rden, den syrischen Staat auf einem Fundament von legitimer und effektiver Staatsb체rgerschaft neu zu organisieren?

Gleichsam automatisch w체rde ein Zusammenbruch des syrischen Staates bewirken, dass jede der Volksgruppen (Alawiten, Kurden, etc.) sich st채rker 체ber ihre Ethnie oder ihre Konfession identifizieren wird. Fallen die staatlichen Institutionen als sch체tzende Kraft weg, wird die Errichtung von ethnischen oder religi철sen Enklaven die einzige M철glichkeit sein, sich zu sch체tzen und zu 체berleben. An diesem Punkt ist die gute Nachricht, dass sich trotz vieler negativer Entwicklungen Syrien (erst) in der fr체hesten Phase des staatlichen Zusammenbruchs befindet.

Nicht der einzige Staat mit dieser Struktur

Auf der anderen Seite hat ein typischer Nahoststaat im Gegensatz zu den gro횩en westlichen Staaten (einschlie횩lich der T체rkei) nur eine kleine Anzahl von gro횩en St채dten, die das R체ckgrat des Staatsapparates darstellen und 체ber ausgepr채gte zivile und wirtschaftliche Netzwerke verf체gen. Im Gro횩en und Ganzen ist ein Nahoststaat entweder ein Stadtstaat oder ein Staat, bestehend aus einem Verbund von mehreren gro횩en St채dten. Daher ist ein Staatszerfall in vielen L채ndern des Nahen Ostens durchaus m철glich.

Zum Beispiel wird das gesamte politische System Syriens auf den Verbund von St채dten wie Damaskus, Homs, Aleppo und Latakia gegr체ndet. Ein Staatszerfall w체rde sich vor allen Dingen auf die 철ffentliche Ordnung und auf die Existenz bestimmter staatlicher Institutionen in diesen St채dten auswirken. Wie die verschiedenen Gruppen sich in dieser urbanen Struktur platzieren, ist sehr wichtig. Zum Beispiel neigen, im Gegensatz zur Free Syrian Army (FSA), kurdische Gruppen wie die Partei der Demokratischen Union (PYD) dazu, sich auf die relativ kleinen peripheren St채dte wie Afrin, Derek oder Koban챤 zu konzentrieren. Zur langfristigen 횥berlebensstrategie des Assad-Regimes geh철rt auch die Bewaffnung der kleinen D철rfer in den nord철stlichen und 철stlichen Teilen der Provinz Latakia. Durch diese Strategie erhofft sich das Regime, wenigstens die territoriale Einheit in peripheren St채dten und D철rfern zu sichern, w채hrend die anhaltenden Gefechte in den gro횩en St채dten den Staatszerfall beschleunigen.

Irak als m철gliches Muster

Jedoch wird ein m철glicher Staatszerfall nicht als eine Katastrophe f체r alle Gruppen gesehen. Ironischerweise bieten staatliche Zusammenbr체che immer Chancen f체r ethnische oder konfessionelle Gruppen, die innerhalb der staatlichen 횆mter zuvor unterrepr채sentiert geblieben sind. So endete beispielsweise der Zusammenbruch des osmanischen Staates mit vielen neuen Entfaltungsm철glichkeiten f체r eine Reihe von V철lkern und ethnischen Gruppen. 횆hnlich war es vor allem f체r die Kurden und schiitischen Araber im Irak, die von der Energie profitierten, die durch den Zusammenbruch dieses Staates freigesetzt wurde.

Somit ist eine zentrale Frage f체r die Zukunft: Wie denken die verschiedenen Gruppen 체ber den Zusammenbruch des syrischen Staates? Was sind die regionalen und globalen Interessen der Gruppen?

Dutzende Checkpoints kurdischer Milizen in der kurdischen Region Syriens sind konkrete Anzeichen daf체r, dass verschiedene kurdische Gruppen als m철gliche Gewinner aus einem Staatskollaps in Syrien hervorgehen k철nnten. Dass die dann erstarkenden Gruppen allerdings auch umgehend gegeneinander vorgehen k철nnten, zeigt ein Vorfall im Norden des Landes. Die PYD, eine der PKK nahestehende kurdische Partei in Syrien, untersagte es den syrischen Rebellen, Afrin zu durchqueren, um Aleppo zu erreichen.

Obwohl in den internationalen Medien 체bertrieben wird, entspricht es der Wahrheit, dass Staatszusammenbr체che immer auch Chancen f체r radikale Gruppen in der gesamten Region geboten haben.