Interview mit Armin Langer, Gründer der Salaam-Shalom-Initiative

„Zwischen Juden und Muslimen ist Solidarität keine Option, sondern eine Pflicht“

Der angehende Rabbiner Armin Langer ist Gründer der Salaam-Shalom-Initiative, deren Ziel es ist, Muslime und Juden zusammenzubringen, um Vorurteile und Rassismus abzubauen. Nachdem er in einem Artikel für die taz Äußerungen des Präsidenten des Zentralrats der Juden kritisiert hat, wurde ihm die Rabbinerausbildung am Potsdamer Abraham Geiger Kolleg gekündigt. DTJ hat ihn getroffen und sich mit ihm über den Konflikt mit seiner Ausbildungsstätte, die Salaam-Shalom-Initiative und den Zusammenhalt von Juden und Muslimen unterhalten.

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Armin stell dich doch einfach mal vor.

Ich bin Armin Langer, geboren in München, aufgewachsen in Ungarn und lebe jetzt seit drei Jahren in Berlin-Neukölln. Gleichzeitig bin ich Rabbinerstudent am Abraham Geiger Kolleg und Mitbegründer der Salaam-Shalom-Initiative.

Was ist die Salam-Shalom-Initiative?

Die Salam-Shalom-Initiative ist ein Bündnis zwischen jüdischen und muslimischen Aktivisten und ihren Freunden. Wir organisieren offene Gesprächsrunden, Brunchdays und Filmvorführungen. Sinn und Zweck ist es, den Dialog zwischen Juden und Muslimen zu stärken und Vorurteile und Ressentiments abzubauen.

Du wurdest kürzlich vom Abraham Geiger Kolleg rausgeschmissen. Wieso?

Also ich würde mich sehr freuen, wenn ich die Antwort auf die diese Frage wüsste. Im Januar 2016 wurde ich zu einem Gesprächstermin im Kolleg eingeladen. Da wurde mir mündlich mitgeteilt, dass ich raus bin. Als Grund haben sie angegeben, dass ich gegen den Ausbildungsvertrag verstoßen hätte.

Und hast du gegen deinen Ausbildungsvertrag verstoßen?

Nein, da steht nirgendwo drin, dass ich in Bezug auf den muslimisch-jüdischen Dialog nicht aktiv werden dürfte. Ich habe monatelang überlegt, wie ich auf diesen Schritt reagieren sollte. Letzten Endes habe ich mich für die Öffentlichkeit entschieden. Wie gesagt, es stimmt nicht, dass ich gegen den Vertrag verstoßen hätte. Da steht nirgendwo, dass ich keine Interviews geben dürfte. Einen anderen Grund, warum ich die Ausbildungsstelle verloren habe, kenne ich bis heute nicht. Weil ich bis heute keine schriftliche Mitteilung über meinen Rauswurf erhalten habe, obwohl sie mir das im Januar versprochen haben. Das Interessante ist, dass man jetzt sagt, dass ich mich nicht an die Richtlinien des Kollegs gehalten hätte.

Welche Richtlinien?

Das ist das Interessante. Heute sagt man, dass ich nicht gegen den Ausbildungsvertrag verstoßen habe, sondern gegen die Richtlinien. Tatsächlich haben wir ein separates Blatt bekommen, auf dem es um den Umgang mit Medien geht. Auf diesem Blatt steht, dass die Studenten Anfragen von Medien an das Kolleg weiterleiten müssen. Aber es wurde mir mitgeteilt, dass ich als Privatmensch und als Gründer der Initiative ohne Absprache nach meinem Geschmack Interviews geben darf.

Aber anscheinend war dem nicht so, oder?

Trotzdem war es so, dass nach meinem Kommentar in der taz Gespräche anfingen, ob ich weiter studieren darf oder nicht.

Du hast dich ja trotzdem dafür entschieden, weiterhin öffentlich deine Meinung kundzutun. Am Anfang hast du aber gezögert. War es auch Frust und Wut darüber, dass man versucht hat, dir die Freiheit zu nehmen, deine Meinung zu sagen?

Also im März 2015 wurde mir mitgeteilt, dass ich jetzt die Klappe halte oder rausfliege. Deswegen habe ich alle Medienanfragen abgesagt, weil ich unter Druck gesetzt wurde ,weil ich erpresst wurde. Obwohl ich doch sagen muss, dass ich nicht daran geglaubt habe, dass ich rausfliege, weil es nun mal nicht so im Vertrag steht. Aber als Josef Schuster (der Präsident des Zentralrats der Juden, Anm. d. Red.) diesen Unsinn über Araber, die von der Ethnie her Rassisten seien, sagte, konnte ich nicht mehr stillhalten. Ich sah mich in der Pflicht etwas zu sagen, ich sah es als meine Pflicht meine Stimme zu erheben und mich kritisch dazu zu äußern.

Ist es für einen angehenden Rabbiner bezüglich der Karriere gefährlich, sich abseits des Mainstream zu bewegen?

Also im Bezug darauf, wie die Öffentlichkeit auf dieses Ereignis reagiert, sage ich, dass es Meinungsfreiheit in diesem Land gibt. Es kostet anscheinend dann eine Ausbildung oder eine Stelle oder was auch immer. Aber Meinungsfreiheit ist immer noch ein wichtiger Wertebestandteil in diesem Land. Du zum Beispiel würdest dieses Interview nicht führen, wenn es nicht so wäre. Und das macht mich ganz optimistisch. In den letzten Tagen habe ich eine enorme Anzahl an Briefen und Nachrichten bekommen, die mich unterstützen und ihre Solidarität mir gegenüber zeigen.

Ist dein Engagement beim Kolleg nicht gut angekommen?

Also so wie ich das beobachtet habe, hat die Leitung des Abraham Geiger Kolleg mein Engagement so betrachtet, dass es bei der Gemeinde nicht gut ankommt, wenn man den jüdisch-muslimischen Dialog sucht. Und ich halt deshalb damit aufhören sollte.

Hat man denn kein Interesse daran, den jüdisch-muslimischen Dialog zu suchen? Ist das nicht gerade in solch schwierigen Zeiten von enormer Wichtigkeit?

Also mittlerweile ist mir bewusst, dass enorm viele kein Interesse daran haben. Aber gleichzeitig gibt es auch eine Menge Leute, die das unterstützen. Ich denke zum Beispiel, dass es keine andere Initiative gibt, in der sich so viele Juden engagieren wie in der Salam-Shalom-Initiative. Wir haben zahlreiche Kooperationspartner, auf Facebook haben wir mehrere tausend Fans und mit unseren Beiträgen erreichen wir mehrere zehntausend Menschen.

Armin Langer und Emre Çakır

Woran liegt es eigentlich, dass, wenn man über den Nahostkonflikt reden möchte, dies fast immer scheitert? Warum kann man kein sachliches Gespräch darüber führen, anstatt darauf impulsiv und hoch emotional zu reagieren und sich gegenseitig vorzuwerfen, dass der eine den anderen hasst? Warum scheitern beide Seiten und können keinen vernünftigen Dialog führen?

Ich weiß nicht, warum es bei den Muslimen scheitert. Ich kann jetzt nicht in ihrem Namen sprechen. Aber ich kann sagen, dass ein großer Teil der jüdischen Gemeinde nicht im Kontakt mit Muslimen ist. Also die Juden, die mich aus dem Kolleg rausgeworfen haben, leben fast alle in Charlottenburg. Das ist eine andere Welt. Sie kennen die Realität von Neukölln nicht. Natürlich haben sie dann auch andere Vorstellungen darüber, wie Beziehungen zwischen Juden und Muslimen aussehen, als die, die hier in Neukölln oder Kreuzberg wohnen. Für uns ist es natürlich, dass wir zusammenleben, dass unsere Nachbarn aus muslimischen Ländern stammen. Für uns ist es eindeutig, dass wir zusammenleben. Für sie ist das eine Provokation.

Sind sich denn einige Akteure nicht bewusst, dass ihre Wortwahl den Rassismus in diesem Land verstärkt? 

Diese Fragen müssen wir den jeweiligen Personen mal stellen. Aber ich kann dir ganz klar sagen, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, was rassistisch ist und was nicht. Und ich halte es für ein enorm großes Problem, dass das Wort Rassismus in Deutschland als Tabu gilt. Heinz Buschkowsky beispielsweise, der ehemalige Bürgermeister von Neukölln. Er sagt krasse rassistische Sachen und schreibt sie nieder, gibt sie in Interviews wieder, er spricht davon, dass die Muslime das Land übernehmen, er schreibt sprichwörtlich, dass es keine Currywurst mehr in Neukölln gibt und solche Geschichten… Das ist purer Rassismus. Ich glaube, es ist eine der großen Herausforderungen Deutschlands, dass das Wort Rassismus tabuisiert wird und es die Leute einfach nicht gerne benutzen. Und deswegen kommt es auch zu solchen Aussagen wie von Josef Schuster, weil es einfach nicht genügend Leute gibt, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen.

Armin, was würdest den Juden und Muslimen in Deutschland gerne mit ein paar Sätzen sagen?

In einem Land, in dem es einer Minderheit heute schlecht geht, wird es in Zukunft auch den anderen Minderheiten schlecht gehen! Ich will darauf hinweisen, dass zwischen Minderheiten Solidarität keine Option, sondern eine Pflicht ist. Im Sinne von allen, die nicht zu Mehrheitsgesellschaft gehören. Ein gutes Beispiel ist der Beschneidungsfall. Hätten Muslime und Juden damals nicht zusammengehalten, würde es heute wahrscheinlich ein Beschneidungsverbot geben. Wir Juden und Muslime haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Und daran sollten wir festhalten!

Danke Armin

Bitte sehr