Twitter-Account Preet Bharara

Als das Fernsehen kam, war die Zeitung in puncto Schnelligkeit abgehängt. Sie konnte nicht mehr mithalten. Dann kam das Internet und hängte das Fernsehen ab. Es ist schneller als das Fernsehen, was die Verbreitung von Neuigkeiten angeht. Doch manchmal gibt es Entwicklungen und die sind so rasant, da kommt auch das Internet nicht mehr mit. Auch bei diesem Artikel wird es vermutlich so sein. Wenn sie den Artikel lesen, wird die Zahl darin, um die es geht, veraltet sein, weil sie unaufhörlich steigt, von Minute zu Minute.

Manche brauchen Monate, ja Jahre, um sich auf sozialen Medien wie Facebook oder Twitter eine Gemeinschaft aufzubauen. Dafür opfern sie eine Unmenge an Zeit, versuchen sich durch irgendwelche originellen Einfälle und Auslassungen interessant zu machen.

Er dagegen postete bislang nur 34 Tweets. Der erste beziehungsweise älteste Tweet datiert vom 10. Dezember 2015. Folgen tut er insgesamt 13 Personen oder Ämtern. Aber seine Follower steigen von Minute zu Minute.

Amerikanischer Staatsanwalt als Hoffnungsträger?

Die Rede ist von Preet Bharara, ein Name, den die allermeisten bisher nicht gehört dürften. Es handelt sich um den New Yorker Staatsanwalt, der am Samstag in Miami den iranischstämmigen türkischen Geschäftsmann Reza Zarrab verhaften ließ. Zarrab werden Geldwäsche und Verletzung der Sanktionen gegen den Iran vorgeworfen. Er ist zudem die Person, die im Zentrum der Korruptionsaffäre vom 17. Dezember 2013 steht. Für mehr als zwei Monate war er verhaftet, danach kam er aus dem Gefängnis frei. Erdoğan hatte damals, als die Affäre auch seinen Sohn Bilal und ihn selbst zu erreichen drohte, den Spieß umgedreht, aus dem Verfolgten den Verfolger gemacht, der türkischen Justiz die Zähne gezogen und sich untertan gemacht.

Seit der Nachricht von der Verhaftung Zarrabs ist dieser amerikanische Staatsanwalt mit indischen Wurzeln zum Star all jener geworden, die ihr Vertrauen in Erdoğan und die AKP, die sich einst verdient um die Türkei gemacht hatten, aber sich eben spätestens seit Dezember 2013 mehr um ihren Machterhalt und den -ausbau kümmern, verloren haben. Seitdem steigt die Zahl seiner Follower von Minute zu Minute. Am Montag noch hatte er um die 5.000 Follower. Am Mittwoch um die Mittagszeit war sie auf 185.000 gestiegen. Jetzt nähert er sich mit großen Schritten der 250.000-Marke. Pro Minute kommen über 100 neue hinzu. Die überwiegende Mehrheit stammt aus der Türkei, wo Twitter ohnehin sehr beliebt ist.

Besonders aktiv war Bharara dabei in dieser Woche nicht. Mit lediglich zwei Tweets hält er sich an seinen vorigen Durchschnittswert. Am Dienstag schrieb er: „Reza Zarrab to soon face American Justice in an Manhattan courtroom.“ (Reza Zarrab wird sich bald vor der Amerikanischen Justiz in einem Gerichtssaal in Manhattan verantworten).

Bharara lehnt Lokum und Kebab ab

Ein User nahm diesen Tweet zum Anlass, um Bharara (wohl ein nicht ganz ernst gemeintes) Angebot zu unterbreiten: „Möchten sie irgendetwas aus der Türkei? Raki, Şiş-Kebap, Lokum, türkischen Teppich? Sie müssen nur darum bitten. Wir stehen zu Ihren Diensten.“ Der Staatsanwalt daraufhin: „Well, I do love shish kebab but I don’t think I can accept gifts just for doing my job…“ (Ja, ich liebe Şiş-Kebap, aber ich denke, ich kann keine Geschenke akzeptieren, nur weil ich lediglich meine Arbeit mache…“

Es ist wohl kein Geheimnis, dass nicht alle türkischen Follower des amerikanischen Staatsanwalts Englisch perfekt beherrschen. Aber der rasante Anstieg der Anzahl der türkischen Follower drückt wohl ihre Not aus. Die Pressefreiheit in der Türkei ist ausgesetzt, die Opposition bietet auch keine Lösungsansätze. In dieser schweren Stunde sehen die Follower Bharara wohl als eine Art Held, andere wollen vielleicht auch nur wissen, wie es mit Zarrab jetzt weitergeht.