Durch die Auseinandersetzungen zwischen der PKK und türkischen Sicherheitskräften hat sich die Lage im Südosten der Türkei dramatisch verschärft. Die Kurdengebiete der Türkei erleben derzeit die größte Auswanderungswelle seit den 1990er Jahren. Während damals Menschen wegen der Gewalt aus den Dörfern flohen, leeren sich nun Städte. Türkischen Medienberichten zufolge befinden sich derzeit 200.000 Menschen auf der Flucht. Sie fliehen vor der Gewalt, vor den Ausganssperren, vor der Trostlosigkeit der Lage.

Nach derzeitigem Stand der Entwicklungen sieht es so aus, dass ihre Zahl eher zu- als abnehmen wird. Die Jugendorganisation der PKK, die YGD-H, hebt in den Städten Gräben aus und baut Barrikaden. Die Politik dagegen verhängt in den betroffenen Städten Ausganssperren, um die Gräben wieder zuzuschütten und die Sicherheit zu gewährleisten. Premierminister Ahmet Davutoğlu hat laut türkischen Pressemeldungen die Anweisung gegeben, in der Region notfalls Haus für Haus Säuberungen vorzunehmen.

10.000 Polizisten und Soldaten im Einsatz

Um die 10.000 Polizisten und Soldaten seien an den Operationen beteiligt. Mittlerweile werde auch darüber diskutiert, für die geflohenen Zivilisten Container- oder Zeltstädte zu errichten. Seit dem 16. August dieses Jahres wurden in insgesamt 17 Städten Ausganssperren verhängt. Die Zivilbevölkerung wird schwer in Mitleidenschaft gezogen, seit dem Sommer zu sind hunderte zivile Opfer zu beklagen, auch deshalb fliehen die Menschen zu Tausenden.

Eine der Gefüchteten ist die Derya T., die mit ihrer Familie in Nusaybin lebte. Seit dem 16. August wurden dort fünf Mal Ausgangssperren verhängt. Schließlich sah sie sich gezwungen, mit ihren Kindern zu einem Verwandten nach Uludere zu fliehen. Ihre Erlebnisse schildert sie: „Sie drehen den Wasserhahn ab, sprengen die Stromtransformatoren. Kinder erkranken. Ich habe sieben Kinder, sie können nicht mehr die Schule besuchen. Sie sind verstört. Wir mussten das Wasser trinken, das wir normalerweise auf der Toilette benutzen. Meine Kinder sind erkrankt, einschließlich des Jüngsten, der noch in den Windeln liegt. Ich konnte sie nicht ins Krankenhaus bringen. Schließlich habe ich Kinder bei verschiedenen Verwandten untergebracht. Unsere Häuser sind voll von Einschusslöchern.“

Betroffene beschreiben die Situation als Krieg

Die Familie Atlak musste von Hasırlı in der Provinz Diyarbakır nach Sur fliehen, jetzt floh sie wegen der Ausgangssperre von dort weiter in die Stadt Yenişehir. Die Familie beschreibt das, was sie erleben musste, als Krieg: „Wir leben zu neunt zusammen in einem Raum. Wir haben eigentlich nicht die Mittel dazu, sehen uns aber trotzdem gezwungen umzuziehen, da wir kleine Kinder haben. Mein zweijähriges Kind macht Explosionsgeräusche nach, die Kinder können nicht in die Schule. Wir können nicht nach draußen gehen und Einkäufe erledigen. Überall und jederzeit haben wir Todesangst. Was wir hier erleben müssen, wissen die Menschen nicht.“

Ekrem Sen aus Hasırlı erzählt: „Meine 11jährige Tochter wurde erschossen, als sie Brot holen ging. 15 Minuten lang konnte niemand zu ihrer Leiche gehen, weil akute Lebensgefahr bestand. Ich habe jetzt nur noch zwei Kinder. Wir befinden uns in einer schlimmen Lage. Diejenigen, die Geld haben, ziehen weg. Was sollen arme Familien wie wir machen, die das nicht können?“

In der Türkei wurde der sogenannte Friedensprozess mit den Kurden nach der Wahl im Juni dieses Jahres für beendet erklärt. Seitdem flammt die Gewalt wieder auf. Viele politische Beobachter bringen das Ende des Friedensprozesses mit dem Wahlkalkül von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan in Verbindung. Bei der Wahl am 7. Juni verlor die AKP die alleinige Regierungsmehrheit. Danach habe Erdoğan wieder auf Gewalt gesetzt, um mit den Stimmen der Nationalisten die Regierungsmehrheit für die AKP zu sichern. Der Plan ging auf, die AKP gewann am 1. November die Regierungsmehrheit zurück.