Dialog ist eine menschliche und natürliche Angelegenheit. Dem Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“ entsprechend ist die Vorstellung eines dialogverweigernden Menschen ein ziemlich absurdes Gebilde. Dennoch haben sich zwischen Menschen und unterschiedlichen Weltanschauungen schon immer große Gräben aufgerissen und der Dialog wurde farb- und regungslos. Dieses sozialpsychologische Phänomen kann man in der Weltbevölkerung sowohl auf der Makro-, als auch auf der Mikroebene wahrnehmen. Während sich Menschen auf lokaler Ebene in Gruppen aufteilen und aufgrund von ethnischen, religiösen, traditionellen oder kulturellen Unterschieden nicht miteinander zu einem harmonischen Sozialgefüge verschmelzen, macht sich diese Trennung auf internationaler Ebene noch viel drastischer bemerkbar. Grob zusammengefasst ergab dieses Hemmnis die größten und hässlichsten Kriege, an die sich die Menschheit überhaupt erinnern kann.

Der Koran sagt in der Sure Al-Imran ungefähr „lasst uns einen gemeinsamen Nenner finden“. Dieser göttliche Vers war für unzählige Muslime von enormer Bedeutung. So gab es in den muslimischen Gesellschaften auch immer wichtige Denker und Vorbilder, die sich im Lichte der heiligen Schrift für Dialog eingesetzt haben. In der türkischen Geschichte waren es Persönlichkeiten wie Hünkar Hacı Bektaş Veli, Mevlana Celaleddin Rumi, Yunus Emre, Aşık Veysel und noch viele mehr, die Toleranz und Nächstenliebe, sowie den Dialog an sich gepredigt haben. Gerade diese Menschen hatten aufgrund ihrer Botschaft auch oft Feinde. Vor allem von den mächtigen ihrer Zeit wurden sie angefeindet, denn sie haben mit ihrem Wirken die soziale Struktur nachhaltig verändert und die Herrscher in Frage gestellt.

„Lasst die Feindschaft zwischen Christen und Muslimen hinter euch

Nicht anders ging es in der christlichen Welt zu. Es mussten anscheinend die blutigsten Glaubenskriege, Kreuzzüge und auch kontinentalen Kriege geschehen, bevor es zu einer Dialogbereitschaft kam und wir heute in Europa von unseren „zu verteidigenden Werte“ sprechen konnten.

Den Schlussstrich dazu setzten auch in Europa die großen Denker und Vorbilder. Schließlich kam es zu einer Erklärung des Vatikans, dem sogenannten „Nostra Aetate“. Die Erklärung definiert das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen und gilt für gläubige Katholiken überall auf der Welt als unanfechtbares Gesetz.

Auf der Webseite www.vatican.va kann man die Erklärung lesen. Über die muslimischen Religion steht folgendes in ihr: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. (…) Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“

Lehrstuhl an philosophisch-theologischer Hochschule St. Georgen setzt „Nostra Aetate“ um

Der Dialoggedanke hat sich in den vergangenen Jahren auch bei den muslimischen Verbänden etabliert. Muslimische Gruppen, die bereits vor 20 bis 30 Jahren Dialogarbeit leisteten, wurden von den übrigen Verbänden und Gruppen gerade deswegen mit diversen Beschuldigungen konfrontiert. Dialog mit Christen und vor allem mit den Juden war verhöhnt und glich einem Schimpfwort. Dennoch, vor allem für muslimische Verbände und Vereine in der Diaspora ist die Dialogbereitschaft heute eine der wichtigsten Arbeitsbereiche, denn nur so können sie in der Gesellschaft Zuspruch erlangen und die neuen Generationen erreichen.

Besonders der kulturelle, traditionelle und religiöse Austausch zwischen Muslimen und Christen ist heute, kurz nach den Anschlägen von Paris, so wichtig wie nie zuvor. Die Zeitschrift „Die Fontäne“, als erste und einzige Zeitschrift für Dialog, hat in ihrer aktuellen Ausgabe gleich zwei wichtige Interviews zu diesem Thema herausgebracht. Ein Interviewpartner der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift ist Christoph Bultmann, Professor für Evangelische Theologie an der Universität Erfurt. Der Bibelexperte beschäftigt sich mit dem Koran und der korrekten Exegese der heiligen Schriften. Zudem hat sich Bultmann auch mit dem türkischen Intellektuellen Fethullah Gülen und seinen Schriften befasst. Gülens Toleranzgedanke knüpft an Mevlana Celaleddin und Hacı Bektaş Veli an.

Das zweite Interview in der Fontäne wurde mit Tobias Specker geführt, dem Lehrstuhlinhaber für Katholische Theologie im Angesicht des Islam an der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen. Diesen Lehrstuhl gibt es an der renommierten Hochschule erst seit wenigen Jahren, er ist aber eine wertvolle Umsetzung des „Nostra Aetate“. Passend zu dem 50. Jubiläum der pro-dialogischen Konzilserklärung, kann man diese beiden Interviews über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Religionen lesen. Die aktuelle Ausgabe ist noch bis Ende Dezember in den Buchhandlungen in Bahnhöfen erhältlich.