9% der Deutschen haben ein „rechtsextremes Weltbild“

Am Montag stellte die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) die aktuelle, mittlerweile vierte Auflage der von ihr in Auftrag und herausgegebenen, so genannten „Mitte-Studie“ vor. „Die Mitte im Umbruch“ ist ein Barometer aktueller antidemokratischer Einstellungen und zeigt auf der Basis einer repräsentativen Umfrage, dass rechtsextremistisches Gedankengut in Deutschland kein ausschließliches Problem politischer und gesellschaftlicher Fringe-Gruppen ist, sondern zum Teil bis weit in die Mitte der Gesellschaft als hoffähig angesehen wird.

Nach den Erkenntnissen des Forscherteams um Elmar Brähler und Oliver Decker verfügen 9% der deutschen Bevölkerung über ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“, das wäre gegen über 2010 ein Zuwachs von 0,8%, gegenüber 2008 sogar um 1,4%.

Während der Verbreitungsgrad rechtsextremen Denkens im Westen seit 2002 um 4,0 Prozentpunkte auf nun 7,3 Prozent zurückgegangen wäre, hätte es diesbezüglich im Osten einen rapiden Zuwachs gegeben. Bei 15,8 Prozent der Ostdeutschen geben die Verfasser der Studie an, eine entsprechende Geisteshaltung festgestellt haben zu können. In den letzten zehn Jahren habe sich damit die Quote nahezu verdoppelt.

Tendenziell zeigen sich und materielle Besserstellung als Schutzmechanismen gegen traditionelle rechtsextreme Einstellungsmuster. Einige grobe Trends lassen sich ebenfalls aus der Studie herauslesen, so beispielsweise, dass Fremdenfeindlichkeit unter Protestanten und Konfessionslosen höher ist als unter Katholiken, dass Muslime beim primären Antisemitismus gemeinsam mit Konfessionslosen leicht über, beim sekundären Antisemitismus hingegen unter dem Durchschnitt christlicher Konfessionen Gruppen liegen und dass die Zufriedenheit mit der Demokratie unter allen Bevölkerungsgruppen trotz allem verhältnismäßig hoch ist.

Islamhass ist Form des Wohlstandschauvinismus

Neben altbekannten fremdenfeindlichen und antisemitischen Vorurteilen hat die Studie diesmal auch islamophoben Einstellungen ein genaueres Augenmerk gewidmet und konnte die These erhärten, dass der Hass gegen Muslime nicht so sehr eine Angelegenheit für wenig gebildete und materiell schlechter gestellte Bürger ist, sondern eher Kennzeichen eines verrohenden Besitzbürgertums.

Die Studie unterschied mit Bezug auf die Haltungen gegenüber Muslimen „islamfeindliche“ und „islamkritische“ Einstellungsmuster. In erstere Kategorie fielen die bekannten breivikistischen Thesen, die Muslime als Kollektiv mit einheitlichem Willen deuten, individuelle Abweichungen lediglich als „Taqqiya“ betrachten und den insgesamt für „rückständig“, „archaisch“, „im Kern terroristisch“ und mit dem Westen inkompatibel betrachten.

Als „islamkritisch“ wurden vor allem autoritäre, paternalistische und etatistische Auffassungen eingestuft, wonach staatliche Normen stets über religiösen stehen sollten, es keine Kompromisse hinsichtlich Geschlechtertrennung oder Schwimmunterricht geben solle. Daneben standen noch Thesen, denen selbst ein nicht unerheblicher Teil der muslimischen Community zustimmen würde – etwa, dass eine stärkere Trennung von und Staat muslimischen Ländern Fortschritte ermöglichen würde oder dass Muslime Unterstützung verdienen, die sich von fundamentalistischen Islamauslegungen distanzieren.

Das erschreckende Ergebnis war, dass bereits 2010 immerhin 58,4% die Religionsfreiheit für Muslime beschränken wollten und heute zwischen 50 und 60% der Befragten den „islamfeindlichen“ und bis zu 75% den „islamkritischen“ Aussagen zustimmten. Im Osten, wo kaum Muslime leben, ist die Zustimmung dabei höher als im Westen. Allerdings zeigte sich ein höherer Bildungsgrad dabei nicht als Barriere gegen extreme Auffassungen, so stimmten selbst 59% der Befragten mit Abitur „islamkritischen“ Aussagen zu.

mit Migrationshintergrund meist moderater als solche ohne

Wiederum ist unter Katholiken die Feindseligkeit bzw. Islamkritik geringer ausgeprägt als unter Protestanten und Konfessionslosen. Auffällig ist aber, dass Islamfeindschaft und Islamkritik den Wohlstandschauvinismus eines gut situierten Wutbürgertums repräsentieren. Während unter Armen (bis € 750,00 Haushaltseinkommen) nur 0,8% der Befragten islamfeindlichen und 2,6% islamkritischen Aussagen zugestimmt hatten, betrugen die Werte bei Personen über € 2.000,00 bereits 43,1 bzw. 54,7%. Auch hier sind Personen umso islamfeindlicher, je weniger sie mit Muslimen persönlich zu tun haben und umso mehr sie ihre Urteile auf angelesene „Weisheiten“ stützen.

Wobei die allerdings nicht mal durchgehend zu dieser Form des Anlesens taugt: Immerhin zeigt sie, dass Deutsche mit Migrationshintergrund wesentlich weniger als Deutsche bereit sind, Gewalt gegen Personen oder Sachen anzuwenden, an unangemeldeten Demonstrationen teilzunehmen, dass weniger von ihnen zu Chauvinismus, NS-Verharmlosung, Antisemitismus oder einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild neigen und auch Sozialdarwinismus weniger bereit sind, zuzustimmen.

Die komplette Studie ist hier zu lesen.